Kultur

Rainald Goetz erhält bedeutenden Literaturpreis

Losloben: Georg-Büchner-Preis für den Berliner Autor

Rainald Goetz erhält den Georg-Büchner-Preis 2015. Der in Berlin lebende Autor habe sich mit einzigartiger Intensität zum Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur gemacht, teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung mit. Der mit 50.000 Euro dotierte Büchner-Preis gilt als herausragende literarische Auszeichnung in Deutschland. Er wird am 31. Oktober in Darmstadt verliehen. „Rainald Goetz hat die deutsche Gegenwart der letzten dreißig Jahre beschrieben, er hat sie gefeiert und verdammt und immer wieder auch mit den Mitteln der Theorie analysiert“, befand die Jury. Dabei habe Goetz neue Formen und Medien erprobt: Erzählung, Roman, Drama, Blog und Text-Bild-Collage. Seine Sprache zeichne sich aus durch „eine Balance von leidenschaftlicher Expressivität, beobachtender Kühle und satirischer Deutlichkeit“.

Der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller (SPD) ließ über eine Pressemitteilung erklären, das es „eine große und verdiente Freude“ sei, „dass das Werk dieses in Berlin lebenden und bei Suhrkamp in Berlin verlegten Schriftstellers mit dem hochrenommierten Büchner-Preis gewürdigt wird“. Nach Müllers Beobachtung sei „unsere Stadt stolz, dass wir Goetz auch zu den Trägern des Berliner Literaturpreises zählen können, mit dem Autorinnen und Autoren geehrt werden, die Wesentliches für die Entwicklung der Literatur geleistet haben“. Mit anderen Worten: Rainald Goetz hat jetzt genau den Platz in der Gesellschaft gefunden, den er immer versucht hatte zu vermeiden: Er ist jetzt Teil des Lobkartells geworden, in dem der eine den anderen preist und auf diese Weise selbst bedeutender sein möchte.

Goetz wurde in München geboren und studierte dort Geschichte und Medizin. Seinen Beruf als Arzt gab er nach wenigen Jahren zugunsten des Schreibens auf. Sein erster Roman „Irre“ (1983) spielt in der Psychiatrie. Er schrieb das Internettagebuch „Abfall für alle“, das nach Aussage der Akademie wohl erste literarische Blog in Deutschland. Das Blog „Klage“ erschien 2008 als Buch, in dem er wie ein Reporter die Politiker und Journalisten beobachtete und dabei präziser diese Berufsgruppen beschrieb als die meisten Journalisten es können. 2010 veröffentlichte er den Fotoband „Elfter September 2010“.

Die Rezeption seines Romanes „Johann Holtrop“ war 2012 verhältnismäßig unterkühlt. Verdient war diese Zurückhaltung nicht, ist das Buch doch ein Psychogram des früheren Bertelsmann- und Karstadt-Chefs Thomas Middelhoff. Die sinnlose Rastlosigkeit, mit der sich Johann Holtrop in die Arbeit stürzt, liest sich so präzise, als hätte Rainald Goetz bei Bertelsmann ein Praktikum gemacht. Auch die Eigentümerfamilie im Roman wirkt wie ein Abbild der Familie Mohn. Den Buchpreis im Herbst 2012 erhielt Ursula Krechel statt Rainald Goetz. Das erscheint einem heute noch absurder als damals.