Konzert in Berlin

Geigenklänge mit Botschaft

Die amerikanische Geigerin tritt in Spandau als eine Mischung aus Tinkerbell und Peter Pan auf die Bühne – in einer ausgeklügelten Show.

Sie hüpft und kreiselt, schwingt und biegt ihren Körper: Wenn Lindsey Stirling erst mal mit ihrer Show loslegt, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Wie schafft sie es nur alles gleichzeitig – das Geigenspiel und die Pirouetten, die jähen Karatetritte und ständigen Kleiderwechsel?

Stirlings Fans liegen ihr in der Zitadelle jedenfalls zu Füßen, trotz anhaltender Regenschauer und zeitweiliger Sturmböen. Viele Teenager sind mit ihren Eltern gekommen. Hundertprozentige Familientauglichkeit gehört zu Stirlings Showkonzept. Die amerikanische Geigerin selbst kommt an diesem Abend als eine Mischung aus Tinkerbell und Peter Pan auf die Bühne. Hinter ihr flackern unaufhörlich Filmschnipsel aus Fantasy und Science Fiction, aus Western und Computerrollenspielen. Ausgeklügelte Lichteffekte und vier Power-Tänzerinnen sorgen für zusätzliche Schauwerte.

Und die Musik? Sie dient der Untermalung des Visuellen. Es sind Stücke, die einander ziemlich stark gleichen. Sie scheinen nach einer Art Erfolgsmasche komponiert zu sein: irisch-amerikanische Fiddlermusik trifft auf Dubstep, New-Age-Klänge auf Hip-Hop. Stirlings Band besteht aus einem Keyboarder und einem Drummer. Wie hoch der Playbackanteil ist, lässt sich nur vermuten. Alles muss bei dieser aufwendigen Show wie am Schnürchen laufen.

Stirlings Geigenspiel mitsamt Körperakrobatik scheint zuweilen die Gesetze der Schwerkraft auszutricksen. Unverstärkt ist sie an diesem Abend natürlich nie zu hören. Auch nicht beim angekündigten „Acoustic Jam“: Plötzlich sind da auf der Bühne nur noch drei Musiker. Die bewegten Bilder ruhen, keine Farbblitze und Kunstnebelschwaden. Anstelle der drückenden Discosounds dringt eine gedämpfte Improvisation für Geige, Drum Pad und Keyboard ans Publikumsohr. Vielleicht ist dies der persönlichste Moment des gesamten Konzerts. Doch das Publikum wird unruhig. Schließlich fehlen noch eine ganze Reihe Hits, die es hören möchte. „Crystallize“ zum Beispiel, ein Stück, dem eine recht ausgedehnte esoterische Message vorauseilt. Erzählt wird die altbekannte Geschichte vom Wasser, das auf gute und böse menschliche Regungen unterschiedlich reagiert. Vom Wasser, das unter positiven Einflüssen kristallisiert und dadurch zu größter innerer Reinheit findet. Was Stirling dem Publikum damit sagen will, weiß jeder Stirling-Fan nur zu gut.

Für alle anderen spricht sie es noch mal in aller Deutlichkeit aus: Lerne vom Wasser! Entdecke und stärke deine innere Schönheit! Umgib dich mit dir wohlgesonnenen Menschen! Kein Zweifel – Stirling möchte ihrem Publikum Gutes. Ohne Youtube wäre Stirlings Erfolg niemals möglich gewesen: 2007 eröffnet die gebürtige Kalifornierin dort ihren eigenen Musikkanal, sammelt Klicks und Likes, die schon bald in rekordverdächtige Höhe schießen. 2013 startet sie ihre erste Welttournee. Doch damals wie heute ist vollkommen unklar, was Stirlings Erfolg überhaupt ausmacht. Noch immer ist kein Name gefunden worden für das, was die Amerikanerin mit ihrem Publikum anstellt.