Berlin-Konzert

Santana bringt die Berliner zum Tanzen

Carlos Santana hat der Rockmusik den lateinamerikanischen Rhythmus untergejubelt. Sein Sound trifft die Fans in Berlin mitten ins Herz.

Carlos Santana ist live noch immer ein Erlebnis

Carlos Santana ist live noch immer ein Erlebnis

Foto: pa/dpa/EFE

Seit mehr als 45 Jahren ist Gitarrist Carlos Santana unterwegs durch die Welt, um von der verbindenden Stärke und der positiven Energie der Musik zu künden. Am Sonntagabend brachte der Musiker mit seiner zehn Mann starken Band die rund 7000 Besucher in der angenehm kühl temperierten und vollbestuhlten Mercedes-Arena in Friedrichshain zum Tanzen.

Es ist kurz nach 21 Uhr, als auf der Leinwand im Bühnenhintergrund Szenen von im Schlamm suhlenden Hippies zu sehen sind. Es ist ein Ausschnitt aus dem Musikfilm „Woodstock". Das Festival war für Santana 1969 der Start in eine internationale Karriere. In Woodstock begann er sein Konzert mit dem furiosen Instrumentaltitel „Soul Sacrifice". Und genau der steht nun auch am Anfang seines jüngsten Gastspiels in Berlin.

Die Perkussionisten Paoli Mejias und Carl Perazzo und Schlagzeuger José „Pepe" Jimenes legen den pulsierenden Untergrund, auf den Bassist Benny Rietveld den schon historischen Basslauf legt. Santana, Gitarrist Tony Anthony und Organist David K. Matthews schieben unisono das mächtige Thema an und schon ist diese treibende, fordernde, geölte Musikmaschine auf Hochtouren – und macht mehr als zwei Stunden lang ordentlich Druck.

Furioses Comeback

Carlos Santana hat es auf kluge Weise verstanden, amerikanischen Blues und Rock mit lateinamerikanischer Schärfe zu neuer Größe zu führen. Später suchte er religiöse Erleuchtung in Indien, verlor sich zeitweise im Jazzrock, verzettelte sich in esoterischen Heilsklängen, fand aber Ende der 90er-Jahre zu seinem ureigenen Sound zurück. Und feierte mit dem mit neun Grammys gekürten Album „Supernatural" ein furioses Comeback. Schon früh im Konzert gibt es mit „Maria Maria" einen der Hits dieser Platte.

„Es ist schön, wieder hier zu sein", sagt er zur Begrüßung. Das sei fast wie nach Hause kommen. Immer wieder trat Santana in Berlin auf. In der Eissporthalle und in der Deutschlandhalle, im Tempodrom und in der Arena, in der Waldbühne und in der Wuhlheide. Sie seien auch hier gewesen, als die Mauer gefallen ist. „Musiker wie Bob Marley und John Lennon, Menschen wie ich und vor allem wie ihr da unten haben diese Mauer zum Einsturz gebracht", sagt er. „Es war ganz bestimmt nicht Reagan." Er redet überhaupt gern viel. Zwischendurch beglückwünscht er sogar nachträglich zum Fußball-WM-Titel.

Aber meist spricht die Musik. Nur selten wird das Tempo gedrosselt. Rumba, Cumbia und Samba, Blues, Rock und Soul werden zu einer vibrierenden Einheit. Trompeter Billy Ortiz und Posaunist Jeff Cressman sorgen für scharfkantige Bläserriffs und während auf Santanas Platten, die aktuelle heißt „Corazón" und erschien im vergangenen Jahr, stets jede Menge Gaststars den Gesang übernehmen, hat er auf Tournee wieder die beiden Sänger Andy Vargas und Tony Lindsay dabei.

Der aufwühlende Sound geht mitten ins Herz

Er predigt mit seinem originären, durch eine Art dezenter Rückkopplung singenden Gitarrenton von Liebe und Verständnis, von Gleichheit und Menschlichkeit. Und er verpasst seinem Publikum tatsächlich jede Menge Glücksgefühle. Dieser aufwühlende Sound geht in die Beine, und mitten ins Herz. Sitzen bleiben gilt nicht. Und Santana weiß, was seine Fans wünschen. In einem der wenigen ruhigeren Momente des Abends spielt er selbst den Uralthit „Samba pa ti", der Anfang der 70er-Jahre auf keine Party fehlen durfte.

Der ständig Kaugummi kauende Carlos Santana macht mit seinen 67 Jahren gute Figur. Er lässt sich immer wieder zu ausufernden, gern auch mal die Popgeschichte zitierenden Gitarrensoli hinreißen, lässt aber auch seinen Kollegen reichlich Raum. „Corazón espinado" gibt es und „Jingo" in einer ausufernden neuen Version. Und er überrascht mit einer bewegenden Coverversion von John Coltranes Jazzgebet „A Love Supreme". „Sácalo", ein Cover der Vargas Blues Band, veredelt Trompeter Ortiz mit einem aufwühlenden Solo. Später, bei einer Ska-Version des Champs-Klassikers „Tequila", hat Posaunist Cressman seinen großen Auftritt.

Pure Kraft der Musik

Der kolumbianische Rockstar Juanes, bei uns vor allem durch seinen Hit „La camisa negra" bekannt, hatte mit seiner Band das Vorprogramm bestritten. Er war auch einer der Gäste auf Santanas „Corazón"-Album, und so kehrt er noch einmal zurück auf die Bühne, um seinen Song „La Flaca" zu singen. Und dann spürt man plötzlich, wie viel Spaß und Spontaneität in einem Santana-Konzert stecken können. Nach „La Flaca" lässt er Juanes einfach nicht von der Bühne, sondern schlägt ein herbes Bluesriff in die Saiten. Und Juanes improvisiert einen passenden Text dazu.

Immer wieder holt Santana geradezu lässig die bewegendsten Töne aus seiner Gitarre. Er kaut, er lächelt, er spielt. Und scheint sich selbst darüber zu freuen, was er da aus seiner Gitarre alleserklingen lässt. Im Zugabenblock geht es nochmal ganz tief in die Vergangenheit mit „Black Magic Woman" und „Oye Como Va". Mögen seine Platten der vergangenen Jahre auch auf die ewig gleiche Rezeptur vertrauen, live auf der Bühne ist der Gitarrenmeister mit seiner Crew stets ein Erlebnis. Hier wird nicht auf Showeffekte gesetzt, sondern auf die pure Kraft der Musik. Ein zufriedenes Publikum macht sich auf in die Gewitternacht.