Medienboard

Homeland ist "ein granatenmäßiger Erfolg" für Berlin

Medienboard-Chefin Kirsten Niehuus über die Schwierigkeiten und Chancen der Filmförderung . Und warum „Homeland“ so ein Erfolg ist.

Kirsten Niehuus ist seit über zehn Jahren Chefin des Medienboards Berlin-Brandenburg, und das wird noch eine Zeitlang so bleiben. Ihr Vertrag wurde Ende 2014 um weitere fünf Jahre verlängert. Die Filmförderung insgesamt hat keinen sonderlich guten Ruf. Mehr als 300 Millionen wenden Bund und Länder Jahr für Jahr auf, ohne dass bei den internationalen Filmfestivals der deutsche Film irgendeine Rolle spielt. Mit „Victoria“, den Film über einen misslungenen Banküberfall in Kreuzberg, hat sich das Ansehen der Förderer wieder ein wenig verbessert. Der Film überragte beim Deutschen Filmpreis die Konkurrenz und hat nach einem mauen Start auch in den Kinos mehr Publikum gewonnen.

Berliner Morgenpost: Frau Niehuus, als Sie den Förderantrag für den Film „Victoria“ gesehen haben, da…

Kirsten Niehuus: ...da wusste ich sofort, dass er sechs Lolas gewinnen wird.

Dafür bewundere ich Sie.

Ja, aber das ist natürlich nicht die Wahrheit. Ich schätze die Handschrift des Regisseurs Sebastian Schipper sehr. Aber als ich den „Victoria“-Antrag gelesen habe, habe ich mir gedacht: Oha, das ist eine merkwürdig verkünstelt-ambitioniertes Vorhaben. Er hat doch mit „Absolute Giganten“ und „Ein Freund von mir“ so schöne Filme gedreht, warum macht er das denn jetzt so komplizierte Sachen?

Und was hat er gesagt?

Er war ja total enthusiastisch. Aber ich konnte es mir selbst dann nicht so recht vorstellen, nachdem er es mir erklärt hatte, warum der Film unbedingt in einem Schuss gedreht werden musste. Deshalb haben wir ihm auch gesagt, er solle einen Trailer machen, damit wir seine Vision besser verstehen. Und der Trailer über 15 Minuten hat uns dann tatsächlich überzeugt.

Aber der Zauber des Films entsteht doch durch die Länge des Films. Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich angesichts der Wackelkamera und dem ziellosen Gequatsche nach 15 Minuten aus dem Kino gegangen.

Man erkennt aber in einer Viertelstunde die Richtung eines Films, wie sich der Regisseur die Kameraführung gedacht hat, wie die Einstellungen, wie der Erzählrhythmus sein soll. Ob das dann jedoch langweilig wird oder fesselnd, das weiß ich vorab nie.

Wie wichtig ist „Victoria“ für den deutschen Film”?

„Victoria“ lässt sich sicherlich nicht wiederholen, aber sein Erfolg bringt frischen Wind rein, ähnlich wie es „Lola rennt“ geschafft hatte. Die Botschaft ist ja eindeutig für die Filmemacher: Riskiert etwas, experimentiert, denkt außerhalb von Normen und Formen. Das ist die Ermutigung, die „Victoria“ für viele bringt.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat gesagt, man solle mehr „Verwegenheit“ fördern. Fühlten Sie sich da angesprochen?

Nein. Das war auch mehr an die Filmschaffenden gerichtet. Ich tue mich schwer mit solchen Aufrufen, die dann verbunden sind mit einem Gesamt-Zeugnis an die Branche, sie sei nicht innovativ genug.

Ein wenig brav halt.

Dieses Jahr sind mit „Jack“ und „Victoria“ zwei Filme aus sehr unterschiedlichen, aber gleichsam ungewöhnlichen Perspektiven durch Berlin gezogen. Sie erzählen ihre Geschichten nicht aus, sind eben nicht das klassische Fernsehspiel, und ich finde diese Entwicklung schon sehr hoffnungsvoll.

Warum bekommt ein Film wie „Honig im Kopf“, bei dem Til Schweiger Regie führte und ein Kassenschlager mit Ansage war, auch noch staatliche Unterstützung?

Das fragt man sich natürlich bei einem Film, den 7,8 Millionen Zuschauer gesehen haben. Aber keiner von uns hätte gewusst, inklusive Till Schweiger und Warner, dass ein Film mit Didi Hallervorden, dessen beste Zeit...

...er hatte doch noch vor ein, zwei Jahren einen Kinofilm gemacht?

Genau. „Sein letztes Rennen“. Mit 300.000 Besuchern. Daher ist es umso überraschender für uns gewesen, dass „Honig im Kopf“ so erfolgreich wurde. Ja, es ist ein Riesenerfolg. Aber es war auch ein Riesenrisiko.

Und Herr Schweiger hat das Fördergeld zurückgezahlt?

Natürlich. Mit einem großen Scheck.

In der „Berliner Zeitung“ war vor kurzem zu lesen, dass selbst bei erfolgreichen Filmen die Fördergelder nicht zurückgezahlt werden.

Das habe ich auch gelesen. Für das Medienboard ist das nachweislich unrichtig. Wir erhalten die Fördergelder zurück. Till Schweiger zahlt zum Beispiel immer sehr schnell sein Fördergeld zurück, aber es gibt auch Filme, die einen langen Rückzahlungszeitraum haben, weil sie zum Beispiel im Ausland erfolgreicher waren.

Werden zu viele Filme gefördert?

Alle, die in diesem Gewerbe arbeiten, sind sich einig, dass die 200 bis 220 Filme, die jährlich produziert werden, zu viel sind; 170 Filme würden es auch machen. Durch die Menge der Filme kannibalisieren sie sich an der Kinokasse gegenseitig.

Warum wird überhaupt ein Film gefördert?

Fünf bis zehn Filme sind ökonomisch pro Jahr erfolgreich und können auch das Fördergeld zurückzahlen. Das andere Geld wird für absolut notwendige Förderarbeit ausgegeben, es fängt ja nicht jeder mit einem Kassenschlager an. Und natürlich fördern wir auch Filme, von denen wir denken, dass sie festivalgeeignet sein könnten.

Das sind Ihre Grundsätze?

Mein Grundsatz ist: Jeder Film muss sich an seinen eigenen Maßstäben messen. Ein Kunstfilm soll sich künstlerisch vermitteln, wenn es eine Komödie sein soll, wäre es schön, wenn man auch bei ihr lachen kann.

Übersehen Sie auch Filme, die Potenzial gehabt hätten?

Derzeit gibt es so eine Grundstimmung in den Medien, dass es irgendwo bei den deutschen Filmemachern total crazy Geschichten gibt, die aber vernachlässigt werden. Die Wahrheit ist: Sie gibt es leider nicht. Wenn wir einen Stoff ablehnen, geht der Produzent zu einem anderen Förderer. Die Vorstellung, dass einer von uns einen Film verhindern kann, ist illusorisch.

Hat die TV-Serie „Homeland“ die eine Million Euro des Medienboards gebraucht, um hier zu drehen?

„Homeland“ dreht zum allerersten Mal den Ort, den er beschreibt. „Homeland“ wäre sonst möglicherweise woanders hingegangen.

Sie wissen es nicht.

Wir wissen, dass das Fördergeld unsere Chancen erhöht hat. Es gibt auch andere Orte, an denen sich Claire Danes für fünf Monate wohl gefühlt hätte. London oder auch Paris wären auch vorstellbar gewesen.

Medial läuft es ja auch ganz gut für „Homeland“ in Berlin.

Das ist ein granantenmäßiger Erfolg für die Stadt. Eigentlich hätte das Berlins Tourismusabteilung bezahlen müssen.