Kultur

Luft-Preis für „Karamasow“-Produktion in den Sophiensälen

Regisseur Thorsten Lensing hat in den Sophiensälen den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost erhalten. Hier die Laudatio.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Von dieser Bühne gibt es kein Entkommen, niemand verlässt sie während der gesamten Zeit, mit einer gewaltigen Präsenz wird sie bespielt, selbst von denen, die im Off stehen. Es ist ein Affekt, ein Staffellauf von Affekten, von heftigen Gemütsbewegungen. Es wird geschrien, gelitten, geliebt, getrauert, und es sind geniale Interpretationen, in den stillen Momenten, im Sterben und Lossagen, aber auch und besonders in den lauten Momenten, in den lustvollen Übertreibungen.

Wenn Devid Striesow in den Finger gebissen wird, sich minutenlang im Schmerz windet, verziehen auch wir im Zuschauerraum das Gesicht, bis vom Bühnenrand die Flasche mit dem Theaterblut gereicht und großzügig auf die Hand gespritzt wird. Diese Wechsel von Emotionen, die knallharten Übergänge vom Schmerz zum Humor, machen die „Karamasow“-Inszenierung von Thorsten Lensing zu einem Ereignis, das uns regelrecht durchschüttelt.

Dass wir vier Stunden lang gebannt auf eine kleine Bühne starren, dafür kann man den überragenden Schauspielern gar nicht genug danken. Sie alle haben ihre großen Auftritte. Einerseits in Monologen, die berühren, die man zurückspulen möchte, wenn das im Theater denn ginge. Andererseits treiben sie sich gegenseitig in ihrem Können immer noch weiter, noch höher. Diese Aufführung ist der Inbegriff von Spielfreude.

In größter Würde sterben

Die Männer spielen Frauen, Kinder und Hunde. Dazwischen rast Ursina Lardi, an den Rollstuhl gefesselt, durch Hingabe, Zweifel und Hysterie. André Jung, der allein mit der linken Pfote begeistern kann, sabbert und hechelt seinem Herrchen Sebastian Blomberg hinterher, der den altklugen, dreizehnjährigen Iljuascha gleichsam eine verwundete Tiefe gibt. Horst Mendroch wird mit seinen über 70 Jahren zu einem neunjährigen Kind, das in größter Würde versteht zu sterben und seinen Vater, Rik van Uffelen, als endgültig gebrochenen Mann hinterlässt.

Wie Ernst Stötzner eine gemarterte Mutter gibt, die gegen ihr eigenes Dasein aufbegehrt, ist unvergesslich. Und natürlich Devid Striesow als Aljoscha Karamasow, der selbst, nachdem er die Kutte abgelegt hat, noch ein 19-jähriger Mönch bleibt, der sich nach schützenden Mauern sehnt, wie nach einer Umarmung.

Impulsiv und ekstatisch

Auf den ersten Blick ist jeder in dieser Inszenierung gegen den Strich besetzt und dabei gegen jede Erwartung glaubwürdig. Impulsiv, ekstatisch, manchmal minimalistisch, doch immer wieder den Kern der Figuren entlarvend. Wir sind fasziniert von jedem Moment und stets schon in Vorfreude auf den nächsten. Da ist es nicht übertrieben, von Glück zu sprechen. Ein Glück, dass uns immer wieder lachen lässt. Über eine Komik, die aus der Präzision entsteht, niemals aufgesetzt ist, die sich vollständig aus dem Spiel entwickelt. Wer bisher nicht wusste, dass die „Brüder Karamasow“ auch als Komödie hervorragend taugen, sollte sich diese Überraschung nicht entgehen lassen.

Wahrscheinlich war Dostojewski noch nie so komisch wie hier in den Sophiensälen, so wunderbar durchgeknallt, und auch so mutig. Sich überhaupt einen 1000-seitigen Roman vorzunehmen, einen russischen noch dazu, einen Klassiker, verlangt großen Mut und jede Menge Energie. Die Familie Karamasow fast vollständig herauszustreichen, als Erzählung in den Hintergrund zu stellen, muss man waghalsig nennen. Wie einzelne Teile aus dem Buch genommen, in ihrer Chronologie durcheinandergeworfen und neu komponiert werden, ist meisterhaft.

Klug und radikal

Von tausend Seiten bleiben nur noch hundert, und das ohne schmerzhafte, irritierende Verluste. So gekonnt und frei mit dem Material umzugehen, muss man sich nicht nur trauen, man muss es auch können. Thorsten Lensing und Dirk Pilz zeigen uns, dass es möglich ist, dass es gelingen kann, wenn man nur klug und radikal genug ist. Sie zeigen auch, wie gegenwärtig Dostojewski noch ist, indem sie seine Zeitlosigkeit herausschälen.

Die Liebe, die Schuld, das Streben nach Erkenntnis sind unvergängliche Themen. Das Leiden an der Familie, an der Herkunft, das sich in jeden Menschen hineinfrisst und nicht abzuschütteln ist, so sehr wir uns auch dagegen wehren, so viel wir auch lernen, so weit wir auch laufen. Eine Qual, selbst wenn wir kein unglückseliger Karamasow sind. Thorsten Lensing legt die Essenz des Textes frei.

Große Kunst der Reduktion

Er beherrscht die große Kunst der Beschränkung, der Reduktion. Nicht nur was das textliche Material betrifft, überhaupt ist er einer, der weiß, welche Klarheit der Verzicht mit sich bringen kann, welche Ästhetik und welchen Gewinn. Es gibt keine teuren Requisiten, nur eine Schneemaschine, Kunstblut, ein paar Stühle, keine Musik, bloß der gepfiffene Gesang der Vögel, keine aufwendigen Kostüme, kein Pomp, keine Effekte. Da wirkt das simple Schlagen einer Glocke im Viertelstundentakt markerschütternd.

Wir gratulieren Thorsten Lensing, seinem großartigen Team und dem herausragenden Ensemble zur besten Berliner Inszenierung des Jahres. Wir gratulieren zum Friedrich-Luft-Preis 2014.

Karamasow. Thorsten Lensings prämierte Fassung des Dostojewskij-Stücks ist noch einmal am 5.7. um 19 Uhr in den Sophiensälen, Sophienstr. 18, zu sehen

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