Klassik-Kritik

Alisa Weilerstein lässt das Cello leise schwelgen

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Felix Stephan

Draußen Crossover, drinnen reine Klassik: Rücken an Rücken präsentieren sich Gerhard Kämpfes Classic Open Air-Festival und das Konzerthausorchester in diesem Jahr. Über 5000 Zuhörer brüten auf dem Gendarmenmarkt in sommerlicher Hitze, während sich hinter den kühlen Mauern des Konzerthauses die Konkurrenz formiert. Dank spezieller akustischer Vorkehrungen ist von der Open-Air-Bühnenshow am Fuß der Konzerthaustreppe im Großen Saal nichts zu hören.

Der slowakische Gastdirigent Juraj Valčuha setzt zu Beginn auf ein kontrastreiches Programm: Auf einen sehr kurzen, leichten Debussy folgt ein sehr langer, komplizierter Prokofieff. Debussys „Danse“ – ursprünglich nur ein kleines Klavierstück – klingt durch Ravels feinfarbige Instrumentationskünste wie ein genuines Orchesterstück. Prokofieffs Sinfonia concertante für Cello und Orchester dagegen wirkt eher wie die sperrige Bearbeitung eines Kammermusikwerks. Wie eine Kammermusikerin präsentiert sich auch die Amerikanerin Alisa Weilerstein. Die 33-jährige Cellistin kommt dort am besten zur Geltung, wo Prokofieff den Orchesterapparat deutlich reduziert. Die zahlreichen Solokadenzen gelingen ihr vortrefflich. Ob tiefromantisches Schwelgen im Kopfsatz oder teuflischer Foltertanz im mittleren Scherzo – wenn Weilerstein genügend Raum zur Entfaltung spürt, dann wird es ganz schnell spannend.

Trotz des eher höflichen Publikumsapplauses im Anschluss kommt Alisa Weilerstein mit einer Bach-Zugabe wieder auf die Bühne zurück. Zum Glück: Wie eine Last scheint ihr der Prokofieff von den Schultern gefallen zu sein. In Bachs Sarabande aus der C-Dur-Cellosuite BWV 1009 schwingt ihr Ton plötzlich frei und ungehindert, hingebungsvoll und schonungslos ehrlich. Man meint nun besser zu verstehen, warum kein Geringerer als Daniel Barenboim diese Interpretin vor fünf Jahren nach Berlin geholt hatte. Für Edward Elgars Cellokonzert, ein Werk, das der argentinische Maestro seit dem Tod seiner früheren Ehefrau, der Cello-Legende Jacqueline Du Pré, eigentlich nie wieder anfassen wollte.

Und die Musiker des Konzerthausorchesters? Auch ihnen ist nach dem überstandenen Prokofieff spürbar wohler. Nach der Pause kehren sie mutig auftrumpfend mit Strauss‘ „Don Juan“ zurück. Sie geben den berühmtesten Frauenverführer der Musikgeschichte mal schlank und durchdringend, mal hemdsärmelig und protzig. Es ist ein Don Juan, der nach Mendelssohn und Wunderkind klingt, nach beweglicher Jugend und muskulöser Ausdauer. Dirigent Valčuha eint die Musiker präzise und organisch. Er lässt das Orchester atmen, schürt Farbpracht und Dramatik zugleich. Das Ergebnis ist eine rundum beglückende Ensembleleistung. Und ein paar Bläsersolisten, die auch in Maurice Ravels dunkel getönter, eher diesseitigen „Daphnis et Chloë“-Suite Nr. 2 keine Wünsche offen lassen.

( Felix Stephan )