Konzert in der Zitadelle

ZZ Top lassen in Spandau die alten Bärte rauschen

In der Zitadelle spielen ZZ Top nahezu dasselbe Konzert wie vor zwei Jahren. Aber genau diese Stücke wollen die Fans hören.

ZZ Top: Dieselben Typen, dieselben Akkorde

ZZ Top: Dieselben Typen, dieselben Akkorde

Foto: Rob Ball / Redferns via Getty Images

Kurz, knackig, dreckig: Dass ein Konzert der texanischen Bluesrocker ZZ Top nach gerade mal 70 Minuten schon wieder zu Ende ist, dürften die Fans langsam wissen. Dennoch sieht man am Donnerstagabend in der mit überraschenden 9000 Besuchern nahezu ausverkauften Spandauer Zitadelle das eine oder andere enttäuschte Gesicht. Zumal viele den größten Teil des Abends in den langen Schlangen vor den Getränkeständen verbracht haben.

Nach dem Vorprogramm der großartigen Bluegrass-Blues-Truppe The Ben Miller Band, inzwischen schon so etwas wie die ständigen Begleiter von ZZ Top, entern die kantigen Mittsechziger Gitarrist Billy Gibbons, Bassist Dusty Hill und Schlagzeuger Frank Beard in staubig schwarzer Kluft samt Hut und Ray-Ban-Sonnenbrille die Bühne. Sie sind grandiose Poseure. Sie gerieren sich als Karikaturen ihrer selbst. Und die alten Bärte rauschen wieder mächtig.

Das treibende "Got Me Under Pressure" vom 83er-Album "Eliminator", das in den USA mit Zehnfach-Platin ausgezeichnet wurde, steht am Anfang dieses kompakten Abends. Hände recken sich in die Höhe. Wenn sie kein Smartphone umklammern, sogar zum Klatschen. In synchronem Trippelschritt bewegen sich Billy Gibbons und Dusty Hill an die mit gewaltigen Auspuffrohren verkleideten Mikrofone. "Have Mercy" singt das Publikum lautstark mit bei "Waiting For the Bus" vom 73er-Album "Tres Hombres", bevor ZZ Top mit "Jesus Just Left Chicago" etwas Druck rausnehmen. Aber nur kurz.

Bloß keine Experimente

Seit 45 Jahren steht "That little ol' Band from Texas" auf der Bühne. Dieselben drei Typen. Dieselben drei Akkorde. Sie mimen die harten Kerle aus dem Westen und huldigen einem risikoreichen Leben mit schnellen Autos und schönen Frauen. Doch musikalisch werden keine Kompromisse gemacht. ZZ Top bleiben ihrem einmal gefundenen Stil treu. Bloß keine Experimente. Das haben sie einmal Anfang der Neunziger mit verstärktem Computer-Elektronik-Einsatz versucht. Kam aber gar nicht an. So schraubten sie die Drehzahl einfach wieder zurück auf Anfang.

Sie rasen mit ihrem schwerblütigen Zwölftakter über den Highway, immer ein bisschen neben der Spur. "Gimme All Your Lovin'" bringt Bewegung aufs Gelände. Jede Menge Biker sind hier. Klein Wunder. ZZ Top ist der ideale Soundtrack für röhrende Maschinen. Und Tattoos scheinen bei dieser Musik von ganz alleine zu wachsen. Nur zwei Stücke gibt's vom letzten regulären Studioalbum "La Futura", das 2012 erschienen ist. Der Rest sind Klassiker.

Schlichte Musik, schlichtes Bühnenbild

Das Bühnenbild ist so schlicht wie die Musik. In der Mitte thront der bartlose Frank Beard an einem gewaltigen Double-Bassdrum-Schlagzeug. Flankiert wird er von zwei Bildwänden, die von weiter hinten aber kaum zu sehen sind. Videos von harten Männern im Wüstensand und heißen Frauen vor chromglänzenden Straßenkreuzern laufen da. Auch der 1933er Ford Coupé Eliminator, der zu ZZ Tops Markenzeichen wurde, taucht mal auf. Und vorn an der Rampe stehen die beiden bärtigen Rabauken mit nahezu identisch verschrammten Instrumenten und geben mit ironischem Witz dem Blues die Sporen.

ZZ Top haben es geschafft, mit ihrem rüden Bluesrock Millionenumsätze einzufahren. Sie haben mit ihren frühen Videos in den 80er-Jahren die MTV-Welt revolutioniert. Legendär wurde ihr Auftritt 1980 im deutschen TV-Rockpalast, der die Band auch in Europa populär machte. 2004 sind ZZ Top als Mitglieder in die "Rock'n'Roll Hall of Fame" aufgenommen worden. Und spielen gerade eine Coverversion von Jimi Hendrix' "Foxy Lady", als wär's ein Stück von ZZ Top.

Elvis-Trash als Zugabe

Hendrix hatte neben B. B. King großen Einfluss auch das Gitarrenspiel von Billy Gibbons. Der spielte vor ZZ Top in der Psychedelic-Band Sidewalk, mit der er 1968 als Vorprogramm bei Jimi Hendrix' USA-Tournee teilnahm. Das prägt. Mit dem "Catfish Blues" des Mississippi-Bluesmanns Robert Petway gibt es noch ein Cover, bevor es mit "Cheap Sunglasses" langsam in die Zielgerade geht. "Sharp Dressed Men" noch und "Legs" zum Finale – eigentlich spielen sie nahezu dasselbe Konzert wie vor zwei Jahren an selber Stelle . Aber genau diese Stücke will man von ZZ Top schließlich hören.

Nach den gesetzten Zugaben "La Grange" und "Tush" ist der Jubel so fordernd, dass ZZ Top tatsächlich noch einmal auf die Bühne zurückkehren, um mit einer furios-trashigen Version von Elvis Presleys "Jailhouse Rock" den endgültigen Schlusspunkt unter einen gediegenen Bluesrockabend zu setzen. Und die Masse macht sich auf in die angebrochene laue Sommernacht.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.