Konzert in der Philharmonie

Wenn Bobby McFerrin Töne aufs Parkett hüpft

Als leicht bekifft wirkende Jazz-Opas bieten Bobby McFerrin und Chick Corea in Berlin jede Menge Spaß. Und das Publikum darf auch mitmachen.

Bobby McFerrin und Chick Corea - zwei Slapstick-Kids im Rentenalter

Bobby McFerrin und Chick Corea - zwei Slapstick-Kids im Rentenalter

Foto: Isabel Schiffler / picture alliance / Jazzarchiv

„Together Again“ – wie ein Liebespaar von ganz früher oder alte Kumpels: so lakonisch heißt die Duo-Tour der Größen Bobby McFerrin (Stimme aller Art) und Chick Corea (Tasten aller Art). Und das bekommt man: viel Spaß, Privatscherze und Understatement de luxe. Ein paar Musikstudenten höherer Semester sind dazu erschienen, eine Hand voll faltige DJs mit Basecaps, dazu jede Menge Anzugträger und Ex-Hippie-Eltern mit ihren Kindern. Der Champagner steht kühl. Man trägt Chucks zum kleinen Schwarzen, tippt in Smartphones, unterhält sich über das Jazzfestival in Montreal 1983. Alles an diesem Abend ist piano, dabei nie weihevoll, sondern leicht und relaxt.

Und so kommen auch die Herren Bobby und Chick auf die Bühne geschlurft: zwei leicht bekifft wirkende Jazz-Opas. McFerrin im schwarzen T-Shirt und Jeans, Corea im offenen, verboten gemusterten West-Coast-Golferhemd. Hier muss keiner mehr was beweisen, so viel ist klar. Seit über 20 Jahren spielen sie zusammen, immer mal wieder. „Play“ hieß ihr erstes Album, und das Konzert in der ausverkauften Philharmonie ist vor allem eins: der Beweis dafür, dass Spielen von Spielen kommt. Musik zu machen – nicht nur im Jazz – bedeutet, miteinander ins Gespräch zu kommen. Und Improvisationen sind vor allem Spiele mit der Form.

Voll improvisiert, ohne Netz und doppelten Boden

Dafür setzt sich McFerrin dicht hinter Corea, neben sich einen Hocker mit Wasser und Tee. Er fängt an zu scatten, legt mit der Hand auf seinen Brustkorb einen Beat drunter. Corea steigt ein, spielt lange nur die linke Hand. McFerrin übernimmt das wieder, singt einen Walking Bass, andeutungsweise kurz ein Schlagzeug. Geht alles. Sie umtänzeln einander, schleichen sich an die Musik heran. Bei „Teach me tonight“ steht McFerrin auf, schlendert um den Steinway, als wären sie bei sich zu Hause und nur zufällig noch ein paar 1000 andere Leute mit im Raum.

Als McFerrin seine Runde beendet hat schlägt er Corea in die Tastatur – weniger als Übergriff, eher liebevoll, unterstützend. Und schon spielen sie vierhändig Klavier. McFerrin greift in die Saiten, Corea stoppt sie ab, und andersrum. Beide hängen im Instrument, zupfen, wippen mit. Voll improvisiert, ohne Netz und doppelten Boden. Sie grinsen sich an: zwei Jungs, die auf der Bühne alles dürfen – because they can. Corea muss lachen. Kann es intimer zugehen in der Musik, spontaner, koboldiger?

Wenn das Publikum mitmacht

Standards wie “I’ve Got The World On A String” werden angesteuert und umschifft. McFerrin singt, als stünde er in der Küche beim Gemüsewaschen, Corea spielt rauschenden Skalen dazu. Oder „Autumn Leaves”, das McFerrin singt wie ein verlorenes Kind. Corea macht dazu etwas, das klingt, als stamme das ganze von Debussy. Und dann faden sie runter zum Unhörbaren, ganz ohne Lautstärkeregler. Und klatschen nur noch, stampfen mit den Füßen. McFerrin stoppt einen vorzeitigen Applaus mit dem bloßen Heben seiner Hand.

Doch das Publikum darf auch mitmachen. Als Chor, das einen Akkord singt, in Gruppen über den ganzen Saal verteilt. Und McFerrin hüpft Töne aufs Parkett. Alle singen seine Schritte nach. Ein Workshop, kurz nebenbei, zum Verhältnis von Körper, Stimme, Gemeinsamkeit. Oder es wird ein Gastsänger gesucht. Ein junger Typ mit Sonnenbrille im Hemdausschnitt prescht vor. Sein Duo-Gesang mit McFerrin ist nicht ganz so großartig wie sein Ego. Der Pianist jedoch, der sich ebenso schnell findet, spielt mit Corea zusammen, als täten sie den ganzen Tag nichts anderes. Heftiger Beifall. „The guy’s useful, you know”, raunt McFerrin Corea mit Mafioso-Stimme zu, “He played some good piano“. Irgendwie scheint an diesem Abend das musikalischste Publikum der Stadt versammelt zu sein. Möglich aber auch, dass Corea und McFerrin es erst dazu machen.

Vor der Zugabe schießen die beiden schnell noch ein Selfie von sich mit Jubel-Hintergrund: überdrehte Slapstick-Kids im Rentenalter. Jemand wünscht sich tatsächlich McFerrins Smash Hit „Don’t worry, be happy“. Corea hält ihm das Mikro unter die Nase, doch er setzt sich an den Flügel, spielt es langsam, instrumental: einen Choral. Er erfüllt die Erwartung und unterläuft sie zugleich. „That’s it“, sagt er. Alle lachen.