Kultur

Ein mutiges Konzert

Die Philharmoniker verabschieden sich mit Filmklassikern aus Hollywood in die Sommerpause

Das jährliche Saisonabschlusskonzert der Berliner Philharmoniker in der Waldbühne ausfallen zu lassen wegen Regen – eigentlich undenkbar. Es regnet auch keineswegs – aber man kann feststellen, dass in einer technologieversessenen, hoch arbeitsteiligen und kaum etwas dem Zufall überlassenen Gesellschaft das Freiluftkonzert eines Spitzenorchesters wohl zu den letzten Veranstaltungen gehört, wo schnell mit Begriffen wie „Schicksal“ hantiert wird.

SMS-Aktion für Syrien

Wenn also alle Klassikfans und Waldbühnen-Besucher die Stunden vor Konzertbeginn besorgt in den Himmel starrten, dann ist es so feingeistig wie angemessen, wenn Daniela Schadt vor Beginn des zugunsten von Unicef veranstalteten Konzerts auf einen eigentlich auf der Hand liegenden Umstand hinweist: Menschen in Syrien haben andere Sorgen als eine verregnete Freiluft-Aufführung, sie sind in allen erdenklichen Lebensbereichen ihrem Schicksal überlassen. Es ist ein gelungener Denkanstoß der Lebensgefährtin des Bundespräsidenten Joachim Gauck: Wir dürfen dieses großartige Konzert, das am Abend zur besten Sendezeit im RBB-Fernsehen und auf 3Sat übertragen wurde, als Ertrag nicht zuletzt des Friedens und des schönen Wetters genießen und können den Ertrag des Konzerts wiederum weitergeben an ein Land, das von Frieden unvorstellbar weit entfernt scheint. 60.000 Euro gingen von den Philharmonikern an Unicef, vom Publikum, so wurde angestrebt, sollte in einer SMS-Aktion noch mal ähnlich viel zusammenkommen.

Simon Rattle und seine Berliner Philharmoniker ruhen sich keineswegs in den Rahmenbedingungen – friedlich lauschendes Publikum in voll besetzter Waldbühne samt schönem Wetter – aus. Es ist vielmehr ein aus der Sicht der Musiker zweifellos mutiges Programm. Gemeint ist nicht die Präsentation des A-moll-Klavierkonzerts von Edvard Grieg mit dem Pianisten Lang Lang am Flügel. Zugegeben: Zwischen den optisch ansprechenden Mätzchen samt pathetisch und in Zeitlupe gehobenen Händen – alles Dinge, die weder für Klanggestaltung noch für Phrasierung auch nur die geringste Rolle spielen – gelingt dem chinesisch-amerikanischen Künstler namentlich im ersten Satz eine Binnenspannung der Phrasen, die das Publikum auf die Kante der harten Waldbühnen-Plastikbänke zwingt. Das grinsende Vorzeigen des kleinen Fingers, nachdem dieser zum Abschluss einer Phrase „Pling“ gemacht hat, offenbart dennoch eine bedenkliche Haltung zu klassischer Kunstmusik, welche ja selbst noch in den meisten Show-Stücken ein geistiger Diskurs von Klanggestalten, von Themen und Motiven ist. Lang Lang geht solche Klanggestalten nach wie vor aus einer Perspektive an, aus der sie noch auf den überzeugtesten Liebhaber banal und altbacken wirken müssen – und vermeintlich nur zu verlebendigen durch billige Witzchen.

Nein, mutig ist dieses Konzert anderswo. Im wesentlichen handelt es sich um eine Filmmusik-Soiree – bestehend aus spieltechnisch höchst anspruchsvollen Stücken, die die Philharmoniker an diesem Abend vermutlich sämtlich zum ersten Mal spielen. Der Soundtrack zu „Die Meuterei auf der Bounty“ von 1962 macht den Anfang. Geschrieben von dem außerhalb der einschlägigen Filmmusik-Kreise unbekannten Komponisten Bronislau Kaper. Die reizvolle Musik, in einer Mischung aus dramatisch geschminktem musikalischem Expressionismus der 20er-Jahre und lupenreiner Hollywood-Show, wird von Rattle und dem Orchester mit aller Präzision und Dramatik präsentiert.

„Berliner Luft“ fehlt nicht

Überhaupt ist das Konzert ein Anstoß, auf all diese Filmmusik-Raritäten auch jenseits einer durch profane Lautsprecher verstärkten Freiluft-Darbietung aufmerksam zu werden. Während man sich in David Raksins schmalziger Musik zu dem Otto-Preminger-Film „Laura“ von 1944 das gnädige Knistern der alten Mono-Tonspur zurückwünscht, kündigt die Präsentation von Erich Wolfgang Korngolds „The Adventures of Robin Hood“ von 1938 klangliche Rafinessen und Geheimnisse an, denen man unter dem Dach eines Konzertsaals als Hörer wohl noch mehr auf die Spur kommen würde. Die hier gespielten Filmmusiken – alle Mitte des 20. Jahrhunderts in Hollywood produziert – sind mit Liebe, Talent und Zeit komponierte Tondichtungen in der Tradition von Franz Liszt, Richard Strauss und Hector Berlioz.

Großen Jubel gibt es in der randvollen Waldbühne nach „Ben Hur“ und Zugaben wie „Indiana Jones“ und „E.T.“. Natürlich darf Paul Linckes „Berliner Luft“, wofür sich Sir Simon an die Trommel setzt und einem Orchestermusiker den Taktstock überlässt, nicht fehlen. Es dürfte an diesem Abend, mit Ausnahme von Griegs Klavierkonzert, das einzige Stück sein, welches die Berliner Philharmoniker je zuvor gespielt haben – dafür allerdings jedes Jahr, unter begeisterten Pfiffen der musikliebenden Berliner.