Konzert in der Zitadelle

Slash zelebriert in Spandau die große Zeit des Rock

Mit Guns N’Roses spielte sich Slash zu Weltruhm. Nun rockte der Gitarren-Virtuose mit seinem neuen Projekt die Spandauer Zitadelle. Die rund 3500 Besucher waren hörbar zufrieden.

Foto: pa/AP Images/Invision

Er hat die wilden Jahre genossen. Mit Guns N’Roses spielte sich der Rockgitarrist Slash zu Weltruhm. Er prägte bis 1996 mehr als zehn Jahre lang den Sound der Überflieger-Band um den egomanischen Sänger Axl Rose, wurde zur Gitarren-Ikone mit schwarz-wuscheliger Lockenmähne und Zylinder. Nun steht der der 49-jährige Meister der harten Riffs ganz unprätentiös am Montagabend mit seinem neuen Projekt auf der Bühne der Spandauer Zitadelle. Ein stiller Star, der mit seinem Instrument ordentlich Lärm zu machen versteht.

Slash, der eigentlich Saul Hudson heißt und in England geboren wurde, bevor er mit seiner Mutter in die USA umsiedelte, ist ein virtuoser Solist, den das ausschweifende Rock-’n’-Roller-Leben immer wieder gefährlich aus der Bahn zu werfen drohte. Der Prototyp des bodenständigen Rock-’n’-Rollers in der Nachfolge eines Keith Richards, der aber im Gegensatz zu dem Rolling-Stones-Gitarristen nie eine fest gefügte Band-Familie um sich hatte, die ihn auffangen konnte, wenn er durch Alkohol- und Drogenexzesse mal wieder am Abgrund stand. Ende der 2000er-Jahre entschied er sich für eine Entziehungskur.

Die geliebte Gibson Les Paul effektvoll in Szene gesetzt

Nach Guns N’Roses versuchte sich Slash an diversen Solo- und Bandprojekten wie Slash’s Snakepit oder Velvet Revolver. Der gefragte Gitarrist spielte als Gast auf Platten von Bob Dylan, Iggy Pop oder Michael Jackson. Und ist seit einigen Jahren unterwegs mit einer Crew, die er sperrig Slash feat. Myles Kennedy and the Conspirators nennt. Die wird in der Zitadelle nach einem Power-Vorprogramm der wieder vereinten amerikanischen Frauen-Punkrock-Band L7 von den rund 3500 Besuchern kräftig gefeiert.

Mit „You’re A Lie“ vom 2002er-Album „Apocalyptic Love“ eröffnen die Konspiratoren ihr Berlin-Konzert, gefolgt vom Guns N’Roses-Klassiker „Nighttrain“. Sänger Myles Kennedy ist ein stimmstarker Rockshouter, für den auch höchste Höhen kein Problem darstellen. Die Band mit Gitarrist, Bassist und Schlagzeuger versteht ihr Handwerk. Die Musiker beherrschen die Posen des Hardrock. Sie lassen breitbeinig die langen Mähnen wehen, zeigen großflächige Tattoos auf nacktem Arm und haben spürbar Spaß auf der Bühne.

Und auf der rechten Seite steht Slash vor einer Mauer aus Marshall-Lautsprechern. Er geht überraschend kollegial in dieser Gruppe auf. Er bleibt über weite Strecken geradezu zurückhaltend Teil des Kollektivs, bekommt aber dennoch genügend Raum, um sich und seine geliebte Gibson Les Paul pointiert und effektvoll in Szene zu setzen.

Hits von Guns N’Roses mit anderen Musikern

Jede Menge neue Stücke sind im Programm, wie das aufwühlend voranpreschende „Wicked Stone“ vom aktuellen Album „World Of Fire“. Doch daneben gibt es viele Klassiker der frühen Jahre, an denen Slash beteiligt war. Wie „Welcome To The Jungle“ von Guns N’Roses oder „Slither“ von Velvet Revolver. Slash wechselt mehrfach auch zur zweihalsigen Gitarre, lässt die Saiten heulen und jaulen, schreien und flüstern, bringt orientalische Melodien ins Spiel und umarmt sein Instrument bei atemlos machenden, fingerflinken Soloeskapaden. Er geht ganz auf in seinem Spiel und scheint seine Umwelt dabei völlig zu vergessen.

Slash geht es wie vielen Rock-’n’-Roll-Handwerkern seiner Zunft. Er ist ein virtuoser Instrumentalist, der aber ohne die Band, mit der der sich seinen Platz im Rockolymp erspielte, mit einer gewissen Ziellosigkeit seinen Weg geht. Der sich an immer neuen Solo-Projekten abarbeitet oder als professioneller Stargast die Platten anderer veredelt. Mit den Conspirators scheint er momentan die richtige Truppe um sich zu haben. Er muss sich aber auch fragen, ob er für den Rest seines Lebens mit anderen Musikern die Hits von Guns N’Roses nachspielen will.

Mehr als zwei Stunden lang rocken Slash und Co. über die Zitadellenbühne. Sie machen mit deftigem Sound und in grellem Flackerlicht ordentlich Druck. Sie heizen das Publikum mächtig auf. Streckenweise macht sich aber auch gitarrengestählter Gleichklang breit. Sie zelebrieren die große Zeit des Rock. Sie schwelgen im warmen Gitarrensound von „Sweet Child O‘ Mine“. Und wäre das nicht schon erinnerungsselig genug, spielen sie zur Zugabe auch noch einen der größten Erfolge, die Guns N’Roses gelandet haben: das wuchtige „Paradise City“ mit diesem ungeheuer treibenden Slash-Gitarrenriff. Das Publikum will es so haben. Und ist hörbar zufrieden.

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