Fotoausstellung

„Genesis“ – ein pathetischer Bilderzyklus

Großer Andrang herrschte in der C/O-Galerie an der Hardenbergstraße zur Eröffnung der „Genesis“, eine Ausstellung des Fotografen Sebastião Salgado. Ein Treffen.

Foto: Amin Akhtar

Wim Wenders kann nicht kommen zur Eröffnung von Sebastião Salgado in der C/O-Galerie an der Hardenbergstraße in Berlin, er sei in Düsseldorf, lässt er ausrichten. Wenders hat zusammen mit Salgados Sohn Juliano „Das Salz der Erde“ gedreht, einen Dokumentarfilm über den brasilianischen Ausnahmefotografen, der die Welt in allen Schattierungen von schwarz-weiß in atemberaubenden Aufnahmen festhält. Das faszinierte die Oscar-Jury so, dass der Film Anfang des Jahres für den Oscar nominiert wurde.

Aus dem Goldjungen wurde leider nichts. Salgado war in L.A. eingeladen, aber nicht dort. Das sei ein Ort für Filmemacher, nicht für Fotografen, meint er. „Das ist mein Leben, deren Konzept“, sagt Salgado. Das klingt distanziert sowohl seinem Sohn als auch Wenders gegenüber.

Die Idee für das Porträt hätte Juliano gehabt, der oft mit ihm gereist sei. Der hätte ihn gefragt, „da konnte ich nicht ablehnen“. Wenn Salgado unterwegs ist, ist er oft allein in der Wildnis, allein mit den Tieren, allein mit den Menschen, deren Sprache er nicht spricht. Und plötzlich war da eine lärmende Filmcrew um ihn herum. Gleich drei Kameras, Sound, Anweisungen, Catering. Das ist einfach nicht sein Ding.

Einfühlung mit der Kamera

„Wissen Sie, im Kino herrscht wenig Instinkt, dort geht es darum, ein intellektuelles Konzept umzusetzen.“ Salgado bereist oft unwegsame Gegenden, klimatisch extrem, fern der Zivilisation, wie beim Nomadenvolk der Dinka, das er im Sudan besuchte. „Hören Sie, ich bin dabei, wenn Feuer gemacht wird, das Feld bestellt wird. Ja, und dann kommt plötzlich dieser eine Moment.“ Dann drückt er eben auf den Auslöser.

Salgado sitzt im Café der C/O-Galerie im Amerika Haus, mehr als 200 Fotos seines „Genesis“-Projektes zeigt er dort. Erstaunlich, wie fit der 71-Jährige wirkt. Mit der North-Face-Weste, Basecap und dem Rucksack sieht er aus wie ein Forschungsreisender, der lieber gleich wieder los will – hinaus in die Welt. „Fotografen brauchen keinen Therapeuten“, scherzt er, lacht und schaut konzentriert.

Für „Genesis“ war er immerhin acht Jahre unterwegs

Mit „Genesis“ zieht sich ein mächtiger, pathetischer Bilderzyklus durch die Räume im Erdgeschoss der C/O-Galerie. Archaische, gewaltige Natur, wilde Flora und Fauna, wie wir sie in Europa nicht kennen. Galapagosinseln mit Pinguinen und Seelöwen, die Bewohner der Mentawai-Inseln, Rentierherden am Polarkreis. Salgado ist ein Zauberer der feinen Effekte, durch Kontraste und verschiedene Grauwerte bekommen seine Fotos eine ungewöhnliche Materialität, eine dramatische Tiefe: aus Luft wird Eis, aus Wasser Holz. Die Aufnahmen aus der exotischen Pflanzenwelt sind entrückte Stillleben (nature morte). „Genesis“, die Schöpfung, ist Salgados Hommage an die Schönheit unseres Planeten. Zugleich aber auch eine Warnung und Mahnung an die Menschheit: Seht zu, dass ihr eure Welt nicht noch mehr zerstört. „Der Mensch“, sagt Salgado, „ist ein Tier, ein furchtbares“. Diesen einen Satz wird er an diesem Nachmittag gleich dreimal wiederholen.

Für „Genesis“ war er immerhin acht Jahre unterwegs, jeweils acht Monate im Jahr. Meistens zu Fuß, viele Tausende Kilometer müssen das in seiner mittlerweile 40-jährigen Karriere sein. Salgado hat sehr, sehr viel gesehen, mehr, als man selbst je sehen möchte. Ruanda, Kongo, ehemaliges Jugoslawien. Völkermord, Zerstörung, Massenflucht, Hunger- und Choleratote, Gewalt, „alles dabei“. Er hat gesehen, dass ein Menschenleben nichts wert ist. Salgado, der Menschenfreund, ist der Maestro der Sozialfotografie im Gewand der Schönheit. Haben Menschen im Elend nicht auch ein Recht darauf?

Armut muss nicht unbedingt hässlich machen, findet er. „Schönheit ist kein Recht der reichen Völker“, sagt er. Salgados Stammesmitglieder der Korowai, die er für „Genesis“ fotografierte, sind stolz und selbstbewusst. Mit dieser Sicht auf die Dinge hat er sich aber auch Kritik eingehandelt. Die Publizistin und Regisseurin Susan Sontag warf ihm einst vor, seine Ästhetik instrumentalisiere das Elend der Leidenden. So eine Argumentation macht ihm nichts, zumal er sich zugute hält, dass er immer dicht dran ist an den Menschen.

30 Kilometer pro Tag

Irgendwann, Mitte der 90er-Jahre, wurde Salgado richtig krank. Sein Immunsystem brach zusammen, eine Reaktion seines Körpers darauf, dass es zu viel war, was er gesehen hatte. Er stieg aus und ging zusammen mit seiner Frau Lelia nach Brasilien, zurück auf die Farm seines Vaters. Sie fingen an, das alte Farmland aufzuforsten und nach ökologischen Prinzipien aufzubauen. „Die Natur, ihre Schönheit, Bäume, Wasser, Insekten – mein Leben kam zurück. Ich musste wieder los.“

Das Losgehen war wohl der Start für „Genesis“, ein Neuanfang, ein Gegenentwurf zu all dem Kaputten, das er erlebt hat. Er wendet sich in „Genesis“ stärker den Tieren zu, der Natur, Gegenden, die scheinbar noch unberührt sind von Zerstörung. Fast die Hälfte der Welt sei noch im Paradieszustand, glaubt er.

„Manchmal“, erzählt Salgado, „wache ich auf in der Nacht, und denke, ich kann nicht mehr gehen.“ 30 Kilometer schafft er pro Tag, im Norden Äthiopiens brauchte er für 850 Kilometer 45 Tage. Klar, er könnte einen Flieger nehmen, doch die Sprache der Fotografie entspräche nicht der Schnelligkeit eines Flugzeuges, sondern dem Tempo eines gehenden Menschen. Sebastião Salgado bleibt ein Reisender. Ohne sein beständiges Gehen, diesem Unterwegssein, dem Meditieren mit der Kamera wäre er kein Fotograf mehr.