Kunstarchiv

In der Schatzkammer der Berliner Akademie der Künste

Die Akademie der Künste verfügt über das wichtigste Archiv zu Kunst und Kultur seit 1900. Gerade die Nachlässe bedeutender Theaterkünstler böten Stoff für spannende Ausstellungen. Ein Besuch.

Foto: Arno Declair

„N2-Löschanlage ausgeschaltet“ steht unübersehbar auf einem Schild in Kopfhöhe neben der schweren Eingangstür, daneben ein rotes Lämpchen. Das geht immer dann an, wenn eine „zugangsberechtigte“ Person die tresorartige Tür öffnet mit einem überraschend kleinen Schlüssel. Der aber verschafft Zugang zu einer riesigen Schatzkammer der besonderen Art.

Und dieser Schatz steckt in Abertausenden, akkurat gestapelten schwarzen Kartons. Die wiederum lagern in fahrbaren, mannshohen hellgrauen Stahlregalen – über neun Etagen in einem bombensicheren Kubus aus Beton, der noch in den letzten Jahren der DDR in den Hof des zugleich neu bebauten Grundstücks Robert-Koch-Platz 10/Ecke Hannoversche Straße gesetzt wurde. Vorn der neue Fünfgeschosser mit Büros für Verwaltung und Forschung, mit Bibliothek (550.000 Bestandseinheiten) und Arbeitsräumen für die Nutzer, dahinter der Hochsicherheitstrakt mit den zwölf Regalkilometern Schriftgut in den schwarzen Schachteln; Dokumente, wichtig für die Wissenschaft, oder Memorabilien (Urlaubsgrüße, Liebesbriefchen, Kneipenrechnungen) von eher anekdotischer Bedeutung. Sie stammen von Künstlern aller Sparten, deren Schaffen mehr oder weniger eng mit Deutschland verbunden ist. Hinzu kommen 1.200.000 Fotos, eine Kunstsammlung mit 65.000 Objekten und 40.000 Plakaten.

Betonhochbunker als Herzstück

Wir befinden uns im Archiv der Akademie der Künste (AdK) Berlin, dem, so die offizielle Ansage, wichtigsten interdisziplinären Archiv zu Kunst und Kultur seit 1900 im deutschsprachigen Raum. Und wenn beim Betreten seines Herzstücks, dem Betonhochbunker, die kleine rote Lampe aufblinkt, heißt das: Die N2-Löschanlage ist ausgeschaltet. Wir könnten also durch einen etwaigen Unfall nicht ersticken. Denn hier wird im Ernstfall nicht mit dem für Papiere so zerstörerischen Wasser gelöscht, sondern mit Stickstoff. Und wenn wir den Bunker verlassen, wird die Löschanlage augenblicklich wieder umgeschaltet. Auf „Funktion“; aber Lämpchen aus.

„Archive sind das letzte Glück der Erde“, schrieb Heinrich Böll euphorisch und meinte wohl damit das große, so schöne wie oft auch schmerzvolle Abenteuer, auf einsame, ganz intime Weise das Leben von anderen samt deren Welten zu erkunden. Der Maler Joachim John sprach vom Glück des Verschwindens in die Ewigkeit der Archive. Vom Glück, durch die Aufbewahrung seines gesamten Schaffens, seines Denkens und Tuns als Künstler, Zeitgenosse, Privatmann der Unsterblichkeit ein Stückchen näher rücken zu können. Die wichtigen Werke, die Dokumente ihres Werdens, auch die des Scheiterns, zusammen mit den vielen Schnipseln, die vom Leben übrig bleiben und es anschaulich machen – alles zusammen bewahrt auf immer, damit die Nachwelt diese Menschenexistenz umfassend erkenne, das hat etwas Tröstliches. Ein Nachlass gleicht Memoiren, einem Lebenslauf gepackt in viele Pappkartons.

Kleinarbeit ist erforderlich

Es ist jeweils quasi eine Schatulle des Ruhms, wenn es denn schon keine Ruhmeshalle gibt für die Maler, Bildhauer, Fotografen, die Architekten und Filmemacher, die Musiker, Komponisten, Dirigenten, die Philosophen, Schriftsteller, Dichter, die Bühnenbildner, Schauspieler, Tänzer, Choreografen, Regisseure. Für sehr viel Geld oder für ein bloß bescheidenes Entgelt als Nachlässe von den Erben gekauft oder großzügig überlassen oder von den Lebenden als Vorlass geschenkt oder zu mehr oder weniger Geld gemacht (die Temperamente und sozialen Lagen sind höchst unterschiedlich, worüber man hier eisern schweigt) – so kommt das Künstlerleben als chaotischer Papierhaufen im Müllsack oder in US-Eipulver-Kartons (wie der Nachlass von Heinrich Mann 1955 aus Übersee) oder pingelig vorsortiert in die Kartons der entsprechenden Archiv-Abteilungen. Freilich hat man zuvor alles in pusseliger Kleinarbeit auseinanderklamüsert, entziffert, zugeordnet, thematisch feinsortiert und in viele einzelne Mäppchen gesteckt, beschriftet und registriert in Findbüchern oder einer Datenbank. Denn was nützt ein Archiv, in dem kein Nutzer weiß, wo und wie er suchen muss.

Nicht unbedingt jeder Künstler bekommt hier seine Schachteln, das Archiv ist durchaus wählerisch. Trotzdem wächst es vehement, man muss sich keine Sorgen machen um Nachschub; die Aufnahmekapazitäten sind großzügig geplant. Und doch ringen oder betteln in diplomatischer Langzeitarbeit die Archivare am Kochplatz um so manche Überlassung, denn die Konkurrenz schläft nicht oder es lockt das ganz große Geld diverser Auktionshäuser, die dann die Dokumente meist verstreuen in alle Welt oder in private Safes.

Deutsche Theater sammeln unentwegt

Das AdK-Archiv Darstellende Kunst gehört zu den größten unseres Landes; seine Theatergrafik-Sammlung (4900 Blatt) von Künstlern des deutschen und europäischen Theaters des 18./19. Jahrhunderts zählt zu den ältesten. Was Schiller nicht ahnen konnte: In Theater-Deutschland sammeln die Theater unentwegt, was ihre Spielpläne und ihre Theoretiker hergeben. Erst recht natürlich heutzutage, da Inszenierungen in ihrem Entstehungs- und Wirkungsprozess ausführlich dokumentiert werden. „Sie können, dank dem Computer, ihre Fragen etwa nach einer Inszenierung aus dem Jahr 1988 jetzt eingeben und bekommen prompt bestandsübergreifend eine Liste der unterschiedlichsten Materialien aus unseren Archiven“, sagt Abteilungsleiter Stephan Dörschel.

Bestandsübergreifend heißt, auf der Liste stehen: Plakate, Rollenverzeichnisse, Regiebücher, Textentwürfe, Korrespondenzen, Bühnenbildentwürfe, Figurinen, Szenenfotos oder Video-Aufzeichnungen – oder die Dokumente der Gesellschaft für Theatergeschichte, gegründet 1902. Im AdK-Archiv Darstellende Kunst lagern 1,5 Millionen Zeitungsausschnitte, 300.000 Programmhefte, 25.000 Blatt Bühnenbild und Theatergrafik – von Fehling, Piscator bis Zadek, Schleef, Schlingensief. „Da strömen die Nutzer aus aller Welt zu uns“, sagt Dörschel nicht ohne Stolz.

Ideen für ein Theatermuseum

Man darf sagen, Dörschel verwaltet im Prinzip schon längst ein Theatermuseum, wenn auch eins in Stahlregalen. Das von vielen so sehr herbeigesehnte Theatermuseum, das ja einst im Schloss der Hohenzollern sein Domizil hatte, war im Zweiten Weltkrieg ausgelagert worden, überlebte jedoch größtenteils und wird seither in diversen Speichern deponiert. Das Märkische Museum offeriert gegenwärtig einen höchst bescheidenen Teil. Hier wäre nun auch der rechte Ort für ein die Stadt Berlin wie den gesamten deutschsprachigen Raum wirklich repräsentierendes Theatermuseum. „Also das Verstreute endlich vereint und attraktiv aufbereitet unterm Dach eines großen, kulturhistorisch ausgelegten Stadtmuseums“, meint Dörschel. Alle Theatralia sammelnden Institutionen der Stadt, so Dörschels Vorschlag, sollten einen Beirat berufen, der dann diverse Einzelausstellungen managt. Da käme zumindest temporär immer wieder neues, also endlich sehr, sehr viel, thematisch ganz unterschiedlich zu bindendes Material an die Öffentlichkeit. Sozusagen ein Runder Tisch der vielen Berliner Theaterarchive als kontinuierlicher Ausstellungsmacher!

Lebensader der Akademie

Es sei noch angemerkt, dass es, neben den einzelnen, nach Sparten der Kunst geordneten Abteilungen, übergreifende Sammelschwerpunkte des Archivs der vom Bund getragenen Berliner Akademie gibt: nämlich Geschichte der Akademie seit 1696, Archive ihrer Mitglieder (besagte Vor- oder Nachlässe), Künstler und kulturelles Leben seit 1900, Künstleremigration während der NS-Zeit, in der die Akademie sich hat politisch vereinnahmen lassen, Jüdischer Kulturbund 1933-1941, Archive von Künstlervereinigungen und -verbänden, Kunst und Kultur der DDR. Während die „Ost“-Akademie staatsnah dem Ministerrat unterstellt war, blieb die „West“-Akademie eigenständig staatsfern.

„Rumpelkammer, Müllablage, Sarg, Sammelsurium, Beerdigungsinstitut, Kasematte der Verstaubung“ – nie dürfe ein Archiv auch nur einen Hauch von derartigem haben, sagten prominente AdK-Mitglieder bei einer Umfrage. Denn das Archiv sei die Lebensader ihrer Akademie, sei ein „unermüdlich umtriebiger Schatzgräber“. Womit klar ist, was der Herr Dörschel nebst fleißiger Kollegenschaft zu tun hat, nämlich: „Hüten, entdecken, untersuchen, inspirieren, moderieren, akquirieren, zugänglich machen.“ Und das bitte unentwegt und unermüdlich!