„Catfish“

Wie sich ein Berliner Autor seinem Idol Bob Dylan nähert

Maik Brüggemeyer, Jahrgang 1976, ist Bob-Dylan-Fan - und Musikjournalist. Dylan hat er nie getroffen. Brüggemeyer hat sich dem Künstler ganz anders genähert – und einen skurrilen Roman geschrieben.

Foto: Dobromila Walasek

Auf dem blauen Umschlag seines neuen Buches trägt Maik Brüggemeyer ein blau kariertes Hemd unter einem blauen Kapuzenpullover und sieht freundlich aus. Maik Brüggemeyer ist ein Musikfan. Und er ist klug, er hat seine Liebe zur Musik zum Beruf gemacht, er schreibt über Musik, vor allem für den „Rolling Stone“, den deutschen, seit Jahren schon, und er macht es gut. Nun ist nach „Das Da-Da-Da-Sein“ sein zweiter Roman erschienen. „Catfish“ heißt er, ein Bob-Dylan-Roman soll es sein, vor allem ist er aber eine Collage. Genauer noch eine Fancollage.

„Catfish“ ist die erwachsene Version dieser Mappe, in der man als junger Musikfan jeden Schnipsel seines Idols, den man zuvor aus Musik- und Jugendzeitschriften herausgerissen hatte, eingeklebt hat. Ein Kompendium. Niemals vollständig. Und voller Lügen und Sagen, untereinander abgeschrieben, aber reichlich bebildert, und in ihrer Menge, da ergaben all die Lügen, Songtexte und Interviews etwas Wahres. Das Wahrste wenigstens, was man damals so hatte, über seinen Star in dieser Ära vor Internet und Instagram.

Maik Brüggemeyer, Jahrgang 1976, ist Bob-Dylan-Fan. „Dem Typ, der Folk mit Rock ins Bett gezwängt hat, der in den Siebzigern Make-up auflegte, in einem Nebel des Drogenmissbrauchs verschwand, wieder auftauchte, um Jesus zu finden, den man Ende der Achtziger als einen von vorgestern abgeschrieben hatte, der plötzlich ein paar Gänge hochschaltete, um ab Ende der Neunziger einige der stärksten Werke seiner Karriere zu veröffentlichen.“ So steht es in „Catfish“ und so stand es mal in den „Buffalo News“, einer New Yorker Tageszeitung, und so könnte man es eigentlich auch auf alle Zeit stehen lassen. Es sei denn, man ist Fan. Dylanologe. Dann reicht das, was so schlüssig aussieht, nicht, nein, dann ist es sogar ein wenig lächerlich, ironisch, anmaßend sogar.

Denn Dylan ist ihnen mehr als das, ein paar Randdaten, er ist der, der viele Fragen stellt und kaum eine beantwortet. „Wie viele Meilen muss eine Kanonenkugel fliegen, bevor sie für immer verboten wird?“ Als Künstler gibt er Rätsel auf, als Mensch löst er sie nicht. In Interviews redet er kaum über sich. Es gilt: Nichts genaues weiß man nicht. Vordergründig erzählt „Catfish“ die Geschichte des Musikjournalisten Maik Brüggemeyer, der nach New York reist, um sich auf die Spuren von Bob Dylan zu begeben. All die offenen Fragen sind nun Brüggemeyers Auftrag. Was kann man durch Dylan über das Leben lernen? In der „Catfish“-Bar in der Bedford Avenue in Brooklyn beginnt der Autor seine Recherche.

Eine Geschichte über das Musikfansein

Er trifft allerhand Menschen, sie reden häufig in Songtexten, manchmal da zitieren sie auch Interviews von Dylan, aber immer da scheinen sie eine Reflexion auf den Künstler zu sein. Alles ist hier konstruiert, kunstvoll verwoben. Und alles ist Dylan. Der Künstler, den keiner kennt, er scheint plötzlich alles zu sein. Das Innerste, was die Welt zusammenhält. Ein Idol eben. Gott.

Der Stoff aus dem „Catfish“ ist, reicht von Adorno bis Fellini, von der Kulturindustriethese über Kafka bis Woody Allen. Und von „Blowin’ in the Wind“ bis „Tweedle Dee & Tweedle Dum“. In „Catfish“ wird zitiert, paraphrasiert, nachgestellt und so kunstvoll zusammengeklebt, dass das Bild einer New-York-Reise entsteht, die ganz so ist, wie man sie sich eine New-York-Reise wünschen würde, mit allerlei kauzigen Barbegegnungen, einer Minstrel-Show, einer knallenden Schreibmaschine, viel Alkohol und noch viel mehr Wunderlichem. Maik Brüggemeyer begreift Bob Dylan als einen Totalkünstler. Das Leben des Musikers, der als Robert Allen Zimmermann geboren wurde, als ein einziges Werk, dem man sich folgerichtig nur über sein Werk nähern kann. Das erzählt er, das schreibt er, eigentlich aber erzählt „Catfish“ vor allem eine Geschichte über das Musikfansein. Er erzählt von dem jungen Maik aus Nordrhein-Westfalen, der „wie vermutlich jeder in einer bestimmten Zeit seines Lebens“ mal auf der Flucht vor seiner Herkunft war. Aber nicht klassisch wegrannte, sondern sich in Bücher und Lieder flüchtete, „die ihm eine andere Welt versprachen, als die, die seine Eltern für ihn ausgesucht hatten.“

Trickser und Betrüger

Und doch soll es bei einem katholischen Jugendtreff an einem Lagerfeuer gewesen sein, dass Brüggemeyer zum ersten Mal von Dylan hörte. Manni soll ein Anleiter und acht bis neun Jahre älter gewesen sein, und damals über „Catfish“ geredet haben, über einen Dylan-Song, in dem es nach Manni um einen Trickser und Betrüger gehen sollte, der einen weißen Anzug trägt und der „einem alles beschaffen kann“, was man eben so will. Die Schilderung des Lieds und des Betrügers vor allem faszinierten den jungen Maik. Er hörte alles von Dylan und als er „Catfish“ schließlich fand, stellte sich raus – Trickserei! Betrug! Das Lied erzählt die Geschichte eines Baseballspielers, nicht die eines Betrügers. Aber doch, so konstruiert es der Autor Brüggemeyer Jahre später, Mannis Missverständnis passt, denn ist nicht auch Dylan ein Trickser und Betrüger, weil auch er bei anderen Künstlern klaut – wie alle. Man ihm aber doch nicht auf die Schliche kommt, weil man doch nichts Gesichertes weiß, über ihn, als Mensch.

Treffen in der Bleecker Street

Der Musikfan wurde Musikjournalist. Aber trotz der Professionalisierung seiner Leidenschaft blieb Dylan ihm ein Enigma und somit auch ein Idol. Denn Dylan empfängt nicht jeden. Eigentlich nur amerikanische Journalisten, solche, die er kennt. Die Projektionen konnten an der Realität nicht zerschellen. Und selbst wenn er ihn träfe, was würde er wirklich über ihn erfahren? In „Catfish“ spielt er das Szenario durch. Er trifft den Musiker in der Bleecker Street, im Folkklub „Bitter End“ zum ersten Mal. Bob Dylan sitzt da und sagt: „Wenn ich nicht Bob Dylan wäre, würde ich vermutlich selbst denken, dass Bob Dylan mir eine Antworten geben kann.“ Und der Reporter fragt ihn: „Und? Stimmt das?“ Und dann schaut Bob Dylan nur mit dem Blick eines verschreckten Tieres und sagt: „Vielleicht für Sie. Für mich nicht. Oder vielleicht doch. Keine Ahnung.“

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