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Mark Twain und seine Berliner Monate

Der berühmte Schriftsteller weilte einige Monate in Berlin. Die Stadt begeisterte ihn, denn man könne in Berlin alles lernen - außer der deutschen Sprache.

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Einerseits kennt man diese Stadt, die Mark Twain da schildert. „Was die Hausnummern betrifft: So etwas hat es seit dem Chaos zu Anbeginn der Welt nicht mehr gegeben. Zunächst denkt man, dies sei das Werk eines Idioten, aber dafür ist die Sache zu abwechslungsreich“, so beschreibt der amerikanische Autor die eigenwilligen und zudem noch variierenden Berliner Zählungen. In manchen Straßen sei die Verwirrung so groß, dass man sich von einer Nummer zur nächsten erst einmal durch das halbe Alphabet arbeiten müsse, bevor man zum gesuchten Haus käme. Darüber aber könne der Besucher alt und grau werden. Durch das Berlin, das Mark Twain für seine Leser entwirft, laufen Scharen an Hunden (die sich sogar in Chören zusammenfinden) und in der Nähe der Potsdamer Straße lungern halb bekleidete Frauen herum.

Andererseits aber kann man kaum glauben, dass der große amerikanische Schriftsteller, der von 1835 bis 1910 lebte, hier wirklich von Erfahrungen spricht, die er in Berlin gemacht haben will. Die Post, zum Beispiel, verschwand damals nicht mit undurchsichtiger Gesetzmäßigkeit. Im Gegenteil: „Oft kommen Briefe an, auf denen nicht mehr als der Name des Adressaten & das Wort ‚Berlin‘ stehen.“ In der Stadtverwaltung hat absolut jede Kleinigkeit Methode und System. Und was die Stadt selbst angeht: „Alles ist ordentlich.“ Twain will bei seinem immerhin ein paar Monate dauernden Aufenthalt sogar nur einen einzigen Bettler gesehen haben. Und die Berliner Hochschullandschaft lobt er lange vor der Exzellenzinitiative. „Sie lehren hier alles. Ich glaube, es gibt nichts auf der ganzen Welt, was du in Berlin nicht lernen kannst, außer der deutschen Sprache.“

Bummel durch das europäische Chicago

Dass Mark Twain einst in Berlin wohnte, ist bekannt. Weitaus weniger bekannt ist, was er in und über Berlin dachte. Zum Teil, weil die wenigen hier entstandenen Schriften unveröffentlicht geblieben sind, aber auch, weil vieles von Mark Twains Zeit in Berlin über verschiedene andere Werke verstreut ist. Die Mühe, dies zusammenzutragen, hat sich aber der Berliner Journalist Andreas Austilat gemacht: „Mark Twain in Berlin. Bummel durch das europäische Chicago“ heißt sein Buch, das 2013 auf Englisch erschien und nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

Im Oktober 1891 kam Mark Twain unter seinem bürgerlichen Namen Samuel Langhorne Clemens mit seiner Frau und den drei Töchtern in die Hauptstadt. Er war zu dem Zeitpunkt bereits ein berühmter Autor, wenngleich auch ein Autor in finanziellen Schwierigkeiten. Nach einem Fehlinvestment kann er sich seinen Lebensstandard in den USA nicht mehr leisten. Er kommt nach Berlin, weil es hier billig ist.

Ähnlich wie heute hatte die Stadt damals gerade rasante Veränderungen erlebt. Sie war eine der jüngsten Metropolen Europas und gerade dabei, erwachsen zu werden. Berlin war neu auf der Landkarte. „Wer dachte damals daran, dass man auch Berlin sehen müsste?“, schreibt Twain in Bezug auf seine 25 Jahre früher stattfindende Reise durch die halbe Welt. „München und Dresden und Köln standen auf der Reiseroute und wer diese drei Städte gesehen hatte, bildete sich wohl ein, dass er Deutschland nun um und um kenne.“ Aber jetzt, Ende des 19. Jahrhunderts, spielte Berlin mit. „Was ich sehe, ist großartig.“

Erst in der Körnerstraße, dann nahe dem Pariser Platz

Doch die Arbeit, die sich Twain für Berlin eigentlich vorgenommen hatte, verlief schwierig. Sein Arm schmerzte ihn meist zu sehr zum Schreiben, außerdem fand er, dass man in Berlin keinen ordentlichen Füllfederhalter bekäme. Twain erlebte die Stadt ausgerechnet im Winter, einige Wochen seines Aufenthaltes musste er im Bett verbringen. Erst wohnten sie in der Körnerstraße 7, später in unmittelbarer Nähe zum Pariser Platz, Unter den Linden. Im März 1892 dann zog Twain mit Frau und zwei Töchtern schon weiter nach Südafrika. Nur Clara, die mittlere, blieb, um ihre musikalische Ausbildung beenden zu können – auch wenn sie, glaubt man den Tagebüchern, ihre Berliner Zeit auch dazu benutzte, um von Offizieren umschwärmt zu werden und selber für den jungen deutschen Kaiser zu schwärmen, der den Vater einmal zum Abendessen bat. Viel Material für ein ganzes Buch hat Twain aber nicht hinterlassen können in der kurzen Zeit.

Dennoch ist Austilats „Mark Twain in Berlin“ ein verdienstvolles Werk, allein schon wegen der fleißigen Quellenarbeit. Für den einführenden Text über Mark Twains Zeit in Berlin, der immerhin über 100 Seiten lang geraten ist, sind Tagebücher der Töchter, Erinnerungen von Zeitgenossen und zahlreiche andere Dokumente aus den Archiven in Berlin und Berkeley konsultiert worden. Manchmal führt die Ermangelung an Stoff Austilat dazu, mit Trivialitäten seinen Text anzureichern.

Der scharfe Humor ist einzigartig

Wie zum Beispiel, welche Bauwerke heute an der Stelle stehen, wo zu Mark Twains Tagen das Hotel „Royal“ war, in dem er seine komfortablere Strecke der Berliner Zeit verbrachte. Oder was Rudolf Lindau, ein guter Freund Twains in Berlin, sonst noch so in seinem Leben machte, was jetzt aber gar nichts mit Mark Twain zu tun hat. Und einem großen Spötter, wie Twain einer war, tut man keinen Gefallen, wenn man seine Persiflagen allzu ernst nimmt, wie es Austilat an manchen Stellen tut.

Sein Buch macht aber auch Lust, wieder mehr von Mark Twain zu lesen. Der scharfe Humor ist einzigartig. Ein großer Kolumnist hätte Twain auch sein können, das zeigt sich in den Texten wie „Gedanken zum deutschen Kachelofen“ und „Wie man in Berlin eine Wohnung mietet“, wo der Vermittler der Unterkunft lauter Herzöge als Nachbarn verspricht. Wenn er Berlin lobt, dann macht er es auch, um seine Heimat Amerika anzugreifen. Aber das macht die Sache nicht weniger reizvoll.

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