Rocksänger

Joe Cocker ist tot - Der Schrei war sein Markenzeichen

Der britische Sänger Joe Cocker ist tot. Der Musiker starb in der Nacht zu Montag im Alter von 70 Jahren, wie sein Agent mitteilte. Laut einem Bericht sei er dem Kampf gegen Lungenkrebs erlegen.

Der Schrei ist verstummt. Dieser markerschütternde Schrei, der ihn 1969 beim Woodstock-Festival über Nacht berühmt gemacht hat. Damals, als der britische Sänger Joe Cocker „With A Little Help From My Friends“ von den Beatles durchlebte und durchlitt und seine Stimmbänder auf unerhörte Weise vibrieren ließ. Man konnte ihn Anfang 2013 zuletzt noch einmal in Berlin hören. Gereift und altersweise stellte Joe Cocker in der O2 World sein Album „Fire It Up“ vor. Und natürlich sang er zum Ende auch jenes legendäre Stück mit jenem legendären Schrei. Am Montag ist Joe Cocker im Alter von 70 Jahren an den Folgen eines Krebsleidens gestorben.

Schon als 15-Jähriger sang sich Joe Cocker durch die Kneipen und Clubs seiner Heimatstadt Sheffield. Tagsüber arbeitete er als Gasinstallateur, während er nachts mit seiner Band Vance Arnold and the Avengers in den Kneipen Sheffields spielte. 1963 feierte seine Band als Vorgruppe für die Rolling Stones einen ersten Erfolg.

Joe Cocker war nie ein Songschreiber. Er verstand es, sich auf emotionale Weise Lieder, die andere komponiert und getextet haben, zu eigen zu machen. Ein genialischer Interpret, ein Autodidakt, der das Musikerleben auf der Überholspur genossen hat. Durch seinen bewegenden Auftritt beim Woodstock-Festival wurde er zur Rock-Ikone. Doch der frühe Erfolg war zu mächtig für die schmalen Schultern des Sängers. Alkohol und Drogen hätten ihn in den 70er-Jahren fast das Leben gekostet.

Ungelenke Bewegungen, unkontrolliertes Talent

Der Sänger mit den ungelenken Bewegungen war mit dem unkontrollierten Talent gesegnet, sich mit ganzer Seele in einen Song werfen zu können. Er landete Hits mit Coverversionen wie „She Came In Through The Bathroom Window“ von den Beatles, „The Letter“ von den Box Tops, „Cry Me A River“ von Julie London oder „Feelin’ Alright“ von Dave Mason. Eine unvergessliche Ballade schrieben Billy Preston und Bruce Fisher 1974 für ihn: „You Are So Beautiful“ fehlte bis zuletzt in keinem seiner Konzerte.

Doch falsche Freunde, gierige Berater und die gefährlichen Verlockungen des Rockmusikerlebens warfen ihn immer wieder aus der Bahn. Nach einer ausschweifenden Tournee unter dem Titel „Mad Dogs and Englishmen“, auf der er 1970 mit einem Tross von gut 25 großartigen Musikern und noch einmal so vielen Technikern in 56 Tagen durch 48 amerikanische Städte zog, saß Joe Cocker vor einem Berg von Schulden und landete mit einem Nervenzusammenbruch in der Klinik.

Er hat Suff und Heroin mühevoll überwunden. Spät erst fand er seinen inneren Frieden. „Es ist aus heutiger Sicht schwer zu erklären, was zu meinem Absturz geführt hat“, sagte er im vergangenen Jahr dieser Zeitung. „Ich war jung, erfolgreich, entdeckte die Drogen – und irgendwann hatte ich Angst, vor der nachrückenden Konkurrenz nicht zu bestehen. Da begann ich zu trinken, es ging steil bergab.“

Comeback in den 80er-Jahren

Erst als Cocker Ende der 70er-Jahre seine spätere Ehefrau Pam Baker kennengelernt hatte, änderte sich sein Leben. Er zog sich mit seiner Frau auf seine Mad-Dog-Farm in den Bergen von Colorado zurück. Sie züchteten Rinder. Sie verkauften selbst gezogene Tomaten. Sie betrieben im Dorf eine Eisdiele. Und schließlich startete Joe Cocker ein erfolgreiches Comeback.

Eine gemeinsame Platte mit den Crusaders brachte den Durchbruch. Er landete wieder Hits wie „When The Night Comes“ oder „Unchain My Heart“ und wurde 1982 für das Duett „Up Where We Belong" mit Jennifer Warnes aus dem Kinoerfolg „Ein Offizier und Gentleman“ mit einem Grammy ausgezeichnet. Deutschland zählte immer zu einer seiner Hochburgen. 1988 trat Cocker als einer von wenigen westlichen Musikern zweimal vor insgesamt 170.000 Menschen in der DDR auf, nämlich in Berlin und in Dresden, wo seitdem die Cockerwiese im Volksmund seinen Namen trägt. Seine Konzerte waren stets ausverkauft, seine Platten landeten in höchsten Hitparaden-Regionen. 1989 trat Joe Cocker drei Tage nach dem Fall der Mauer auch beim SFB-Spontankonzert in der Deutschlandhalle auf. Und sang „With A Little Help From My Friends“.

Nach seiner Europa-Tournee im vergangenen Jahr und einem Nummer-1-Hit in Deutschland mit dem Album „Fire It Up“ wurde es etwas stiller um den großen alten Sänger. Bereits am Sonntag wurden über das Twitter-Netzwerk Tweets vom Tod Joe Cockers verbreitet. „Joe Cocker ist von uns gegangen. RIP“, hieß es da gegen 14.15 Uhr. Die Nachricht wurde aber zunächst dementiert. Am Montag bestätigte Cockers Manager Barrie Marshall gegenüber der BBC den Tod des Musikers.

Mit Joe Cocker hat einer der außergewöhnlichsten Interpreten des Rock die Bühne verlassen. Er hatte stets den Blues in sich. In seinen besten Momenten vermochte er noch dem unscheinbarsten Lied neue, eigene Strahlkraft zu verleihen. Er wusste intuitiv, wie er einem Song Neues abgewinnen kann. Er war einer, dessen Stimme zu Herzen gehen konnte und der bis zuletzt für seine Musik lebte. Er wird fehlen.