Konzert in Berlin

Morrissey in der Columbiahalle - Der König lebt

Morrissey hat in einer ausverkauften Columbiahalle gespielt - anders als in Warschau länger als 25 Minuten. Fans konnten sich in feinster Moz-Melancholie wallen und redeten am Ende über das Sterben.

Foto: Matthias Balk / dpa

Er ist nur einer aus dem Publikum, und doch ist er wie fast alle hier. Sein Haar grauschwarzmeliert, er trägt Suspenders, die stehen ihm so gut und er riecht so maskulin, das Bier an der Bar bezahlt er aus der Herrengeldklammer. Aber man täusche sich nicht, er war mal sixteen, clumsy and shy. Und immer wenn er besonders traurig war, dann hörte er den Moz. So nennt er ihn. Ganz vertraut. Denn er war immer dabei. You never walk alone. Wie ein Lieblingsfußballverein, nur nicht irgendeiner. Moz das ist der König der Clubs, Real Madrid, die Garantie, Hüftschwung auf dem Rasen, kein Sport – Poesie. „Morrissey! Morrissey! Morrissey!“, skandiert der Fan mit Suspenders. So gut gekleidet, und doch so großmäulig mit dem Bier in der Hand, er kleckert, er trinkt, Dandy und Hooligan zugleich.

Vor der Morrissey-Show ist auch eine Morrissey-Show – Video-Show. Moz zeigt den Zauberer vom Oz. Ding, Dong die Hex‘ ist tot. Er zeigt die, die für ihn gestorben sind. Die Thatcher, die Stierkämpfer. Und dann die, die ihm unsterblich sind. Charles Aznavour singt, und natürlich auch und die New York Dolls. Looking For A Kiss, im Musikladen 1973. Und dann fällt der Vorhang. Das Publikum steckt Spiegel und Kamm in die Hinternhosentaschen, alle sind jetzt ultra, alle sind jetzt Fankurve, alles drängt nach vorn. Er ist da. Er singt the Queen ist dead. Der King aber, der lebt. Auch ohne Plattenlabel. „Fuck Harvest Records“ trägt sein Bandgefolge auf der Brust.

Ihr Morrissey ist ganz in Weiß, tief V-dekolletiert, wie Elvis in Vegas. Vor blinkenden LEDs gibt er den großen Master, wirbelt mit der Mikrofonschnur, singt „Suedehead“: „Warum kommst du hier hin? Warum hängst du hier rum?“ Und niemand hier fragt sich das. Morrissey sagt, Berlin ist schön, aber wenn ihr die Stadt trotzdem verlassen wollt, ist das schon okay, geht nur wirklich niemals nach England. Morrissey, das ist noch immer der larmoyante Junge auf dem Rücksitz des Lebens, der bettelt, er will nach Hause, nach Hause, nach Hause, aber doch bloß nie ankommen.

Tiere, Tod und Pathos

„How Soon Is Now?“ Der Drummer verschwindet inmitten seiner leuchtenden Trommeln in einem einzigen Wirbel, gong, gong, gong, härter, schneller, fast brutal, wie eine Schiffsschraube durchs Meer, wühlt sich die Songlegende durch das Publikum. „Da ist ein Club, du könntest dort jemanden kennenlernen, der ich wirklich liebt, du gehst hin, du stehst alleine rum, du gehst heim, du weinst, du willst sterben.“ Das Publikum blickt in die letzte Pfütze seines pubertären Weltschmerzes. Es ist die Pfütze, die nie austrocknet. Oder?

Denn alles ist, wie es immer gewesen ist. Man wallt in Morrissey-Melancholie, bis mit „Meat is Murder“ die vegane Aufklärungsstunde geschlagen hat. Massentierhaltungsshow. Federvieh wie Fracht. Milchvieh traurig. Ferkelchen verendet. Die Bühne leuchtet Schlachthausrot. Mit großer Geste donnert der Sänger: „This beautiful creature must die“. Tiere, Tod und Pathos. Dem blassen Publikum bleibt das giftige Stück Milcherzeugnis belasteter Käsebrezel im Rachen stecken. Wer verkauft die eigentlich hier? Man wähnt sich schon im Glassarg, hustet und windet sich. Der König ging doch vom Hof, nach 25 Minuten in Warschau, als im Publikum jemand etwas – irgendwas – über Fleisch rief, erinnert man sich. War doch so, oder? Aber in Berlin, zum Glück, da bleibt er – bis zur Encore.

Der König hat Krebs

Der Ringleader trägt jetzt schwarz, die Bühne ist schwarz-weiß, und er singt: Lass mich schlafen, weck‘ mich nicht, sorge dich nicht um mich, tief im meinem Herzen, bin ich froh zu gehen. Es ist „Asleep“, der gleiche Song wie 1985, aber doch ist etwas anders. Der König hat Krebs. Es hat sich was verschoben. Die Welt ist jetzt nicht mehr eklig, und der Tod ideal, sondern der Tod eklig echt.

Und so trocknet die letzte Pfütze pubertärer Weltschmerz nach über 90 Minuten ein. In der Verlängerung vor der Halle reden die Fans über das Sterben. Es ist 2014. Aus „Please, please, please, let me get what I want “ ist „Please, please, please, let me keep what I have“ geworden. Und dann gehen alle heim und sind allein und sind glücklich. Erwachsen ist besser, wissen sie. Und der König überlebt. Sowieso.