Kunst

Edward B. Gordon malt und verkauft jeden Tag ein Bild

Der Berliner Maler vereint künstlerisches Talent mit Geschäftssinn. Einen guten Überblick über sein Schaffen bietet nun sein neues Buch, das die Stadt in allen Farben und zu allen Tageszeiten zeigt.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Nach so einem halben Tag an der Seite mit Edward B. Gordon ist man tiefenentspannt. Wir schaukeln stundenlang über die Spree. Die Fahrt geht von Oberschöneweide bis zur Oberbaumbrücke in einem kleinem Motorboot. Beim Anlegen fragt man sich, was der Sinn eines Lebens auf dem Land wohl sein könnte.

Edward B. Gordon, 48, hat einen Motorboot-Führerschein, das ist seine einzige Fahrlizenz. In diesen Spätherbsttagen und im Frühjahr sei die beste Zeit zum Fahren, sagt er, im Sommer bekomme man ohnehin einen Sonnenstich und mit seinem kleinem Boot müsse er immer ausweichen. Und die Idee, wie einst Claude Monet über die Flüsse zu schippern und zu malen, fand er „reizvoll“. Impressionistisch sind Gordons Werke durchaus (wenngleich nicht durchgängig), mit ihrem Spiel zwischen warmen und kalten Farben, den Launen des Wetters, dem naturalistischen Ansatz.

Nur die Motivauswahl ist nicht immer beschaulich. Straßenbahnen, Autos auf grauen Straßen, Häuserwände, der urbane Mensch – bei ihm gern die jüngere Frau –, der einen Moment innehält. Er sitzt auf der Treppe, auf dem Gehsteig und schaut. Sehnsuchtsvoll, abwartend, abwesend, der Betrachter weiß das nicht. Er wirkt etwas verloren. Man möchte sich neben die Figur von Edward B. Gordon setzen und irgendetwas Tröstendes sagen.

Künstlerisches Talent gepaart mit Geschäftssinn

Einen guten Überblick über sein Schaffen bietet Gordons neues Buch („Tag und Nacht“, Kein & Aber, 24,90 Euro). Es ist nach „Bilder einer Stadt Painting Berlin“ sein zweites innerhalb von zwei Jahren. Als „Berlin-Maler“ wird er gern bezeichnet; man merkt, wie ihm diese Zuschreibung missfällt, aber wenn die Leute Schubladen nun einmal bräuchten, dann sei es halt so. Die Stadt habe sich ziemlich verändert in den vergangenen Jahren, sagt er und schaut auf die neu gebauten Lofts am Uferrand.

Edward B. Gordon vereint künstlerisches Talent mit Geschäftssinn. Er habe diese Idee nur aus den USA übernommen, sagt er abwehrend, aber bestechend ist sie trotzdem: Jeden Tag bietet er auf seinem Blog ein Bild an, seine Tagesproduktion von 15 x 15 cm. Gebote starten ab 150 Euro, jeden Tag um 18 Uhr endet das Angebot. Wenn der potenzielle Käufer überboten wird, erfährt er das durch Gordons Büro. Es läuft stetig besser. In diesem Jahr hat er jedes einzelne Bild verkauft.

„Jeder glaubt, Künstler zu sein“

Er stammt aus einer Künstlerfamilie, bei ihm zu Hause wurde gemalt. Geboren ist er in Hannover, der britische Akzent verrät, dass er dort nicht lange blieb. In London ging er auf eine Schauspielschule. „Absolut kein Talent“ hatte er für den Beruf, aber manchmal brauche man etwas länger, um seine Fähigkeiten zu erkennen. Maler ist er dann geworden, seit 1989 versuche er davon zu leben, sagt er. Mit der Berufsbezeichnung „Maler“ kann er mehr anfangen, mit „Künstler“ weniger. „Künstler ist ein abgedroschener Begriff, jeder glaubt, Künstler zu sein.“ Künstler – das sei man nicht, wenn man morgens aufwache, Kunst müsse ein Ziel sein, es sei kein Status.

Vielleicht reagiert er auch deshalb so, weil sich in dieser Stadt jeder zweiter als Künstler bezeichnet. Das geht mittlerweile einigen auf die Nerven. „Regisseure sind überflüssig. Sie sind Handwerker, sie sind keine originären Künstler“, hat Thomas Ostermeier, Intendant der Schaubühne und Regisseur, vor kurzem in dieser Zeitung erzählt. Und so sagt auch Edward B. Gordon, dass er „erst einmal Handwerker“ sei. Er habe zwölf Farben, die er untereinander mischt, eine Leinwand als Hintergrund, einen Pinsel, das wäre es. Dieser bodenständige Ansatz habe im übrigen auch etwas Befreiendes: „Dann muss man sich nicht jeden Morgen ein Ohr abschneiden und ein Meisterwerk schaffen. Da reicht es, wenn man malt.“

Malerei hat seit jeher Konjunkturen gehabt, seit Ende der 90er Jahre ist sie wieder zurückkehrt, nachdem in der Kunst eine leichter Überdruss an Installationen, Performances und Videoarbeiten eingetreten war. Seit gut sieben Jahren könne er von der Malerei leben. Was sofort nachvollziehbar ist, weil man beim Durchblättern durch sein Buch oder beim Scrollen über seinen Blog automatisch denkt, wie sich das eine oder andere Bild wohl über der Couch machen würde (und wie viele Bilder, jetzt mal ehrlich, will man schon jeden Tag über der Couch sehen?). Seine Malerei ist konventionell, der Strich selbstbewusst, die Farbkomposition ist oft mediterran.

Es ist keine Kunst, die von sich behauptet, Gesellschaft samt Geist, Pluralismus und Bildung zu stärken oder Missstände aufdeckt oder Tabus bricht oder die Gesellschaft aufrütteln möchte. Kurzum, dieser leicht pathetische Größenwahn, der den hiesigen Kunstdiskurs dominiert, ist Edward B. Gordon fremd. Der Frage, ob er denn Künstlerfreunde in der Stadt habe, weicht er aus; nein, hier nicht, aber in England und in den USA schon.

15 mal 15 cm als „Pflichtprogramm“

Ein bisschen befremdlich bleibt aber doch dieses Ding mit der Tagesmalerei. Anfangs habe er auch noch gedacht, dass das ein ziemlich ambitioniertes Programm sei. Aber es sei so wie beim Laufen – wenn einmal der innere Schweinehund überwunden ist, ist das Joggen auch keine Qual mehr.

Was für einen Außenstehenden etwas zwanghaft sein mag, ist für ihn genau das Richtige. Er sei sehr froh, wenn er malen könne, er könne sich seine Welt dann so erschaffen, so wie er sie sehen möchte. „Wer völlig ausgeglichen ist und mit der Welt so zufrieden ist, wie sie ist, der wird keine Sinfonien schreiben, der wird keine Bilder malen, der wird keine Bücher schreiben“, sagt Edward B. Gordon.

Ob es nicht vielleicht sein könne, dass er an einem Tag auf einen Schlag drei Bilder male und dann die Seele baumeln lasse? Das werde ihm gern unterstellt, entgegnet er, aber das ja gerade das interessante an der Arbeit, dass sie tagesbezogen sei: „Egal, wie der Tag war, gehe ich in mein Atelier und male mein Bild. Ich habe mir dadurch einen Bereich in meinen Leben geschaffen, der völlig autark ist.“ Er malt auch größere Bilder, aber das 15 mal 15 cm große Bild sei „Pflichtprogramm“. Der Arbeitstag, inklusive Wochenende, sei erst fertig, wenn das Bild fertig ist. „Da gibt es keine Ausreden.“ Am Ufer an der Köpenicker Straße endet die Tour, Edward B. Gordon lässt den Gast raus und wendet sein Boot. Er weiß, was zu tun ist. Über den Ausflug wird er ein Bild malen.