Friedrichstadt-Palast

Der Zirkus war schon immer seine Welt

Sebastian Hüchtebrock ist Castingleiter im Friedrichstadt-Palast. Um die besten Artisten nach Berlin zu holen, baut er auf ein globales Netzwerk. Denn er muss seiner Zeit stets voraus sein.

Foto: Christian Kielmann

Manchmal ruft ihn morgens um drei Uhr jemand aus Nowosibirsk an und berichtet von einer ganz tollen neuen Artistiknummer. Sebastian Hüchtebrock erzählt das nicht mit verdrehten Augen. Der Castingleiter vom Friedrichstadt-Palast freut sich immer, wenn seine Zirkusfreunde sich melden. Sein Netzwerk ist über die ganze Welt gespannt. Er kennt die Manager des Zirkusfestivals in Monte Carlo ebenso wie die Artisten von der Zirkusschule in Montreal und den großen Shows in Las Vegas.

Er sieht sich die neuen Zirkusnummern in China und Russland an und ist gern dabei, wenn an den Zirkus- und Artistenschulen in Berlin, Moskau, Kiew oder Paris eine neue Artistengeneration ihre Examina macht. Hüchtebrock kennt die Marktlage und ist immer wieder auf der Suche nach dem Neuen und Einzigartigen für den Friedrichstadt-Palast.

Er wollte hinter den Kulissen arbeiten

Der Zirkus war immer seine Welt. „Die Exotik, die vielen Kulturen, das Sprachengewirr und das Reiseflair haben mich fasziniert“, erinnert er sich. Dass sich ein Kind für den Zirkus begeistert, ist nichts Besonderes. Bei Sebastian nahm die Leidenschaft allerdings ungewöhnliche Formen an. Mit zehn Jahren begann er, die Zirkusleute am Wochenende zu besuchen. Er trat in die Gesellschaft der Circusfreunde ein, um immer genau zu wissen, welcher Zirkus wann und wo gastiert.

Die ganze Kindheit hindurch hat er sich mit dem Thema beschäftigt. Allerdings nicht, weil er selber Clown, Artist oder Dompteur werden wollte. Dieser ganz spezielle kleine Zirkusfan wollte hinter den Kulissen arbeiten: „Ich habe schnell herausgefunden, dass mein Talent im Management liegt.“

Als Jugendlicher versuchte er sich neben der Schule am Stadttheater Osnabrück als Statist, im Kinderchor und im Extrachor. Vor 15 Jahren machte er sein Abitur und ging dann gleich als Sekretär zum Zirkus Busch-Roland Von dort aus drehte er ein paar Saltos durch die Zirkuswelt, die Kontakte hatte er schließlich als Kind schon gesammelt. Sebastian Hüchtebrock machte Pressearbeit für den Zirkus Roncalli, arbeitet beim Cirque d’hivers in Paris, dann kümmert er sich um das Management für eine holländische Company, die den nordkoreanischen und den russischen Staatszirkus zusammenbrachte.

Den Friedrichstadt-Palast fest im Blick

Nach fünf bunten Zirkusjahren beschloss er, an der Freien Universität Berlin Theaterwissenschaft zu studieren. Den Friedrichstadt-Palast hatte er damals schon fest im Blick. Für den jungen Mann, der eine feste Bürostelle im Show- und Artistikbereich anstrebte, war das Haus die erste Wahl in Deutschland. Während des Studiums begann er als Praktikant an der Friedrichstraße, danach wurde er gleich Regieassistent. Eigentlich aber liebäugelte er mit dem kleinen Castingbüro, in dem nur zwei Menschen sitzen: der Castingleiter und sein Assistent. 2008 bewarb er sich um die Assistentenstelle und lernte viel von dem langjährigen Castingleiter Achim Kujawa. Als der sich in den Ruhestand verabschiedete, übernahm er die Position. „Jetzt bin ich in dem Job angekommen, den ich immer machen wollte“, freut er sich.

Sebastian Hüchtebrock ist dafür zuständig, die Gastkünstler für die Shows zu finden und mit ihnen die Vertragsbedingungen auszuhandeln. Um neue Tänzer kümmert sich die Ballettdirektion, um neue Musiker die Show-Band, um alle Festangestellten grundsätzlich das Personalbüro. Doch auf der Bühne des Friedrichstadt-Palastes stehen viele von Show zu Show wechselnde Artisten und Sänger. Die besten, spektakulärsten und innovativsten Nummern nach Berlin zu bringen, ist die Aufgabe des Castingleiters.

Rund zwei Jahre vor einer Showpremiere engagiert er in Absprache mit der Intendanz und Kreativdirektion Bühnen- und Kostümbildner, Choreografen und Lichtdesigner. Wenn das Konzept für die Show steht, bespricht er mit dem Regisseur und dem Autor, welche Art von Sängern und Artisten dazu passen. Luftakrobatik, Pantomime, Synchronschwimmen?

Mit der Hundetruppe aus Hoppegarten

Für die aktuelle Show „The Wyld“ wünschte sich der Regisseur Manfred Thierry Mugler eine Pudelnummer, und die war wirklich schwer zu finden. In Paris stieß Sebastian Hüchtebrock auf eine geeignete Hundetruppe und stellte erfreut fest, dass sie aus Berlin-Hoppegarten stammt. So können die Pudel jeden Abend nach der Show nach Hause.

Gesangssolisten zu finden, ist auch nicht leicht, obwohl sich auf jede ausgeschriebene Solistenstelle zwischen 60 und 100 Künstler bewerben. Die Sänger müssen erstklassig sein, dürfen aber keine Verpflichtungen auf anderen Bühnen, in Platten- oder Fernsehstudios haben. Das ist jedes Mal wieder ein Spagat. „Wir haben sechs bis acht Shows in der Woche und können niemanden besetzen, der nur am Dienstag und Samstag Zeit hat“, erläutert der Castingleiter. Wenn eine Vorauswahl getroffen ist, organisiert Hüchtebrock eine Audition ohne Mikrofon in einem Studioraum. Erst die enge Auswahl darf sich beim Recall dann auf der großen Bühne präsentieren. „Wir brauchen Popstimmen, nicht so sehr Musicalsänger. Der Stil hat sich in den letzten Jahren gewandelt“, meint Hüchtebrock.

Auch die Artistenwelt hat sich verändert. Früher ging es um die sportlichen Leistungen, heute möchte das Publikum auch eine ästhetisch ansprechende Choreografie erleben. Die westlichen Zirkus- und Artistenschulen bringen hauptsächlich Solisten heraus. „Früher waren große Truppennummern wie das Schleuderbrett, der russische Barren und die russische Schaukel weit verbreitet“, erzählt Hüchtebrock. „Heute findet man sie nur noch in China, Russland und Nordkorea.“ Für die opulenten Nummern gibt es immer weniger Arbeitsmöglichkeiten. Am Friedrichstadt-Palast sind sie allerdings gefragt.

Der Castingleiter macht sich wieder auf die Suche, um die Zukunft zu planen. Während „The Wyld“ als neue Show im Friedrichstadt-Palast läuft, ist Hüchtebrock im Kopf schon bei der Show fürs Jahr 2016.

Foto: Robert Grischek