Konzert im Tempodrom

Die Einstürzenden Neubauten und der Sound des 1. Weltkriegs

Sieben Jahre ist es her, als das letzte Neubauten-Album erschien. Danach widmeten sich die Musiker eigenen Projekten. Ein Auftrag brachte sie zusammen. Nun präsentierten sie live ein neues Album.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Metallplatten schaben auf Metall. Ketten rasseln über Blechtonnen. Knüppel schlagen gegen Eisenträger. Ein Streichquartett veredelt diesen vorsichtig anschwellenden Klangteppich. Und an der Bühnenrampe steht Blixa Bargeld und hält Schrifttafeln in die Höhe. „Der Krieg bricht nicht aus, war nie gefangen oder angekettet“ ist da zu lesen. Immer fordernder wird die drohende Soundwand, ohne übermäßig an Phonstärke zu gewinnen. „Der Krieg bricht nicht aus. Er wartet. Auf ein einziges, tausendfaches…“ steht auf der letzten Tafel. Da treten die Musiker ans Mikrofon und brüllen laut den Kriegsruf: „Hurrah!“ in die Halle.

Berlins experimentierfreudige Geräuschtruppe Einstürzende Neubauten stellt am Dienstagabend im ausverkauften Tempodrom ihr neues Werk live vor. Sieben Jahre ist es her, dass mit „Alles wieder offen“ das letzte Neubauten-Album erschien. Die einzelnen Musiker beschäftigten sich in der Zwischenzeit in anderen Bands, mit eigenen Projekten. Eine Anfrage aus Belgien brachte die Gruppe wieder zusammen. Die Neubauten sollten für die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs in Diksmuide in der Region Flandern ein Auftragswerk komponieren, eine Performance, die sich mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzt.

„Lament“ heißt nun diese Inszenierung, die am Wochenende in Diksmuide uraufgeführt wurde und nun auch als Platte erschienen ist. Ein Patchwork, dem man die intensive Recherchearbeit anhört, ein Konstrukt, das typisches Neubauten-Handwerk mit historischen Versatzstücken kombiniert. „Kriegsmaschinerie“ haben sie die Ouvertüre genannt. Gleich darauf singen sie „Heil Dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands“ in pathosfreiem Chor - und mehrsprachig dazu - bis zur volkstümlichen Hymnenverballhornung „Heil Dir im Siegerkranz, Kartoffeln mit Heringsschwanz“.

Harfe aus Stacheldraht

Sie haben sich viel vorgenommen. Und machen es ihrem Publikum im Verlauf dieser gut zwei Stunden nicht einfach. Blixa Bargeld (Gesang), Alexander Hacke (Bass), Jochen Arbeit (Gitarre), N.U. Unruh (Perkussion) und Rudolf Moser (Schlagzeug) arbeiten sich konsequent durch ihr Konzeptwerk, das von flächigen Passagen und perkussiven Langstreckenläufen hin und her gerissen wird. In „The Willy-Nicky Telegrams“ verarbeiten sie Korrespondenzen zwischen Kaiser Wilhelm II. und Zar Nikolaus II., Bargeld singt rezitierend den Kaiser-Part, Hacke den Zaren-Text. Sie reden von Frieden, dabei ist der Krieg längst beschlossene Sache.

Zum Text „In de loopgraaf“ (Im Schützengraben) des zeitgenössischen belgischen Dada-Dichters Paul van den Broeck, den Blixa Bargeld auf Flämisch singt, begleitet N. U. Unruh auf einer Harfe aus Stacheldraht, die er mit Klöppeln bearbeitet. „Lauter!“ ruft einer aus dem Publikum. „Mehr Schlachtenlärm?“ fragt Bargeld zurück. Aber den gibt es nicht. Die Einstürzenden Neubauten bleiben, was eruptiver Ausbrüche und kreative Krachmomente angeht, dem Thema gemäß zurückhaltend.

„Der 1. Weltkrieg“ ist ein Stück, das mit mathematischer Nüchternheit die 1568 Tage, die der Erste Weltkrieg währte, in 392 Viertakter fasst. „Mit 120 beats per minute“, wie Blixa Bargeld erläutert. Dabei wird auf 20 Kunststoff-Röhren getrommelt, die die am Krieg beteiligten Länder repräsentieren und die zum jeweiligen Kriegseintritt zum Einsatz kommen. Es ist das längste Stück des Abends. „Der 1. Weltkrieg endet mit dem Ende des nächsten Taktes“, kündigt Bargeld schließlich an. Es wird dunkel. Der Klang verstummt.

Blixa Bargeld im papiernem Pelzmantel

Es sind skurrile, überraschende, auch bewegende Geschichten, die die Einstürzenden Neubauten bei ihrer Recherchearbeit ausgegraben haben. Wie die der so genannten Harlem Hell Fighters, der Marching Band des ersten farbigen US-Regiments. Gleich zwei Stücke der Band haben sie für „Lament“ bearbeitet. Im Lautarchiv der Humboldt-Universität ist Blixa Bargeld auf Tonaufnahmen von Kriegsgefangenen gestoßen, festgehalten auf Edison-Wachszylindern. Diese fremdsprachigen Stimmen der Vergangenheit knarzen nun durch den Saal. Die Musiker haben kleine Lautsprecher in Händen, die sie im Wechsel vorsichtig ans Mikrofon halten.

Für die Fans gibt es dann doch noch „ein Stück aus dem Fundus“, so Blixa Bargeld, weil es irgendwie zum Thema passe. Da wird es doch noch richtig laut mit „Let’s Do It A Dada“ vom „Alles wieder offen“-Album. Ein stellenweise etwas statischer, aber dennoch imponierender Abend, an dem Blixa Bargeld auch noch im papiernem Pelzmantel à la Marlene Dietrich „Sag mir wo die Blumen sind“ intoniert und einen Text des nahezu vergessenen lippischen Humoristen Joseph Plaut mit dem Titel „Der Beginn des Weltkrieges 1914 dargestellt unter Zuhilfenahme eines Tierstimmenimitators“ rezitiert.

„Ich gehe jetzt“ vom 2004 erschienenen Album „Perpetuum mobile“ steht passenderweise am Ende dieser ambitionierten Aufführung, die sich mit dem Schrecken des Krieges auseinandersetzt, ohne je das Grauen platt reproduzieren zu wollen. Die Soundanarchisten der 80er-Jahre sind erwachsen geworden. Sie setzen ihre Stimmen und die erprobte Geräuscherzeugung mit Bedacht ein. Sie türmen Klangschichten übereinander, ohne sie in einem finalen Fortissimo zum Einsturz zu bringen. So manch einer im Saal hatte sich aber wohl doch mehr vom Druck der frühen Jahre erhofft.