Schaubühne

Thomas Ostermeier – „Oft ist es furchtbar und verkrampft“

Seit 15 Jahren ist Thomas Ostermeier Intendant und Regisseur an der Schaubühne. Wir sprachen mit ihm über das Feiern des Dilettantismus, brüllende Schauspieler und seinen großen Theater-Traum.

Foto: Schaubühne / Paolo Pellegrin / Schaubühne/Paolo Pellegrin

In jungen Jahren wollte Thomas Ostermeier, Jahrgang 1968, Schauspieler werden. Irgendwann stellte er fest, dass er nicht so begabt wie Gert Voss ist – „drunter macht es keinen Spaß“. Er hat es denn doch auf die Bühne geschafft, seit 15 Jahren arbeitet Ostermeier an der Schaubühne. Als Intendant und Regisseur hat er das Haus aus der Erstarrung befreit. Es war zu einer Legende geworden, die auch besagte, dass ein Leben nach Peter Stein nicht möglich ist. „Ostermeier backstage“ (Gerhard Jörder, Theater der Zeit, 18 Euro) heißt das Gesprächsband, das am heutigen Freitag vorgestellt wird, und ein Überblick über ein ziemlich turbulentes Leben gibt.

Berliner Morgenpost: Herr Ostermeier, gehen Sie gern ins Theater?

Thomas Ostermeier: Ich schaue mir ja häufig andere Bühnen an, weil ich immer auf der Suche nach anderen Regisseuren bin. Und ich bin wirklich ein freundlicher Zeitgenosse, doch dann sitze ich da drin und verzweifele. Es ist oft so furchtbar und verkrampft. Die meisten Menschen unterliegen einem Missverständnis, und zwar glauben sie, dass Schauspielerei ausgestelltes Leiden ist. Da wird gegreint, gestemmt, gebrüllt, gelitten, geheult. Und dabei wird dann noch geglaubt, das sei eine Punk-Haltung.

Und wenn Sie inszenieren?

Meine Figuren sind leicht, aber sie werden in Zusammenhängen gezeigt, die zum Verzweifeln sind. Die Figur kann kippen, so wie Nina Hoss in „Die kleinen Füchse“. Kurz vor Ende, da ist sie, da ist der Mensch mit dem eigenen Abgrund konfrontiert. Bis dahin aber hat man das Gefühl, man schaut einer Salonkomödie zu. Ich habe eher eine hedonistische Haltung zur Kunst. Ich mag eine Kunst, die Humor hat.

Die wird selten präsentiert.

Das Leiden ist groß. Mir tun die Schauspieler so leid, weil sie auch diesem Missverständnis unterliegen, sie müssen stets einen Ausbruch spielen. Was ist denn unser Mainstream heute im Theater dieser Tage? Der x-te Aufguss von Theateravantgarden der letzten 30 Jahre.

Der Dramatiker Moritz Rinke hat gesagt, Theater funktioniert hierzulande wie die Mülltrennung: Gelacht wird in Container U, geschwiegen, streng nachgedacht und manchmal auch sich zu Tode gelangweilt wird in Container E.

Im Hochkulturkontext mit einer leichten, spielerischen Art auf die Welt zu gucken, das ist den Deutschen wirklich sehr fremd. Ich weiß nicht, ob ich diese Wesensart habe, ich hätte sie aber gerne. Gebildet zu sein und zu schmunzeln ist aber nicht das Konzept von Kultur in Deutschland. Theater ist ein erzählendes Medium. Wenn es bei uns aber leicht und narrativ ist, gilt es reaktionär.

Sie sagen im Buch: „Bevor man Theater dekonstruieren kann, sollte man es in aller Perfektion und szenischen Meisterschaft beherrschen.“ Das ist so, als wenn Sie 1977 zu den Sex Pistols gesagt hätten: Jetzt lernt erst einmal ordentlich Gitarre spielen.

Eben gerade nicht. Bei den Sex Pistols war die Zerstörung aller Formen authentisch. Alle anderen, die nach den Sex Pistols Punk machen, haben es aber leider nicht als erste gemacht. Wenn Vivien Westwood eine neue Strömung in die Mode reinbringt, wenn Andy Warhol Pop-Art erfindet, dann ist das alles innovativ. Schlimm wird es, wenn im Nachgang darauf 523 andere denken, sie seien Avantgarde, weil sie das kopieren.

Aus der Falle kommt die Jugend nicht raus – was ist heutzutage schon authentisch?

Francois Truffaut hat gesagt: „Man kann niemanden überholen, wenn man in seine Fußstapfen tritt.“ Man muss wissen, wenn man sich im Kunstkontext artikuliert, was schon da war – vor allem, wenn man sich anarchisch und formenzertrümmernd präsentiert.

Welchen Weg haben Sie eingeschlagen?

Ich nehme heute meine eigene Erfahrungen als Maßstab. Ich will das, was ich in meinem Leben erfahre, in eine Form bringen. Früher habe ich öfters auch nicht meine eigenen Erfahrungen genommen, sondern die, die ich im Kunstkontext gemacht habe, die ich im Theater gemacht habe. Aber so bescheuert, mein großes Vorbild Einar Schleef zu kopieren, war ich zum Beispiel nie.

Wozu braucht man einen Regisseur?

Regisseure sind überflüssig. Sie sind Handwerker, sie sind keine originären Künstler – mit einigen großartigen, allen bekannten Ausnahmen selbstverständlich, die man auf vielen Bühnen Berlins sehen kann. Ich bin zufällig zu diesem Beruf gelangt. Nachdem ich von der Schauspielerei genug hatte, und ich feststellen musste, dass es in Berlin neben mir tausend andere Bassisten gibt, die in Undergroundbands spielen, brachte mich eine Freundin auf die Idee, dass man Regie studieren kann. Und von der bestandenen Aufnahmeprüfung an ging es für mich ab wie eine Rakete. Ich habe mich aber nie als Regisseur gesehen.

Eine Begabung müssen Sie dafür ja haben.

Ein Regisseur muss die Begabung haben, viele Menschen in einem Raum, die viel Angst haben und sehr im Stress sind, kreativ zu kriegen.

Warum machen Sie in dieser Gesellschaft Theater?

Wenn man nicht in die Zeit passt, in der man lebt, dann hat man auch keinen Grund, Kunst zu produzieren. Man kann nur aus dem Widerstand heraus etwas produzieren. Und aus Wut, Wut gegenüber anderen, auch Wut gegenüber sich selber. Wir leben in einer zerrissenen Gesellschaft; einer Gesellschaft, die zerrissen ist zwischen arm und reich.

Barrie Kosky von der Komischen Oper hat über die Krisenhaftigkeit des Landes gesagt: „Man kann nicht sagen, dass das Berliner Straßenbild nur von Armut, Arbeitslosigkeit, Chaos und Gewalt geprägt wäre.“

Man kann aber auch nicht sagen, dass die Berliner Welt von Lebensfreude, sprudelnder Energie, Lust, Leidenschaft, Offenheit geprägt ist.

Finden Sie?

Haben Sie das Gefühl, dass die Leute, die Sie in der U-Bahn sehen vor Lebensfreude überschäumen?

Die Deutschen singen halt nicht in der U-Bahn und sitzen dort mit starrer Mine. Das ist doch okay.

Stopp, stopp. Ich bin selten schlecht gelaunt und deprimiert von der Welt oder meinem eigenen Leben. Ich habe einen irrsinnigen Spaß und bin vielen hedonistischen Vergnügungen gegenüber nicht abgeneigt. Ich genieße das Leben.

Schon mal gut.

Und weil ich die Menschen in meiner Nähe so schätze und liebe, möchte ich für sie kämpfen. Ich arbeite seit zehn Jahren nebenbei an der Ernst-Busch-Hochschule. Heute rutschen pro Jahr ein, zwei Studenten in eine psychische Krankheit ab, manche vorübergehend, manche für immer. Die Studenten sehen sich heute in einer totalen Drucksituation. Das hat sich verändert und war früher anders. Und muss sich ändern.

Ihr Buch ist im Grunde ein Schrei nach Liebe. Fühlen Sie sich zu wenig anerkannt in der Stadt?

Ja und nein. Manchmal habe ich das Gefühl. Aber wenn ich mir dann die Kritiken über die anderen Häuser durchlese, denke ich: Denen geht es genauso schlecht. Ich sollte es nicht persönlich nehmen.

Sie sind seit 15 Jahren Intendant hier. Haben Sie das Gefühl angekommen zu sein?

Heute Mittag hier auf dem Gang ist mir auf einmal der Gedanke gekommen, wie fremd mir das alles ist. So richtig zu Hause bin ich immer noch nicht.

Nicht im Ernst.

Auf so einem großen Tanker wie der Schaubühne ist die Entfremdung schon groß. Ich habe immer noch den Traum im Kopf, dass ich eine kleine Bühne habe, acht Schauspieler, mit Nina Hoss und Lars Eidinger, und anderen aus dem Ensemble der Schaubühne, eine kleine Truppe, die wirklich zusammenhält. Wir machen eine Produktion im Jahr, spielen 30 bis 40 Vorstellungen und in dem anderen halben Jahr können die Schauspieler drehen oder in anderen Häusern spielen, und dann treffen wir uns wieder. Das ist meine Vision: Ein eigenes Theater bauen.

Und, was meint Tim Renner, unser Kulturstaatssekretär, dazu?

Gibt es nicht. Kein Geld.

Backstage Ostermeier: Buchpräsentation mit Thomas Ostermeier und Gerhard Jörder und Ausschnitte aus der Dokumentation zu „Ein Volksfeind“, Schaubühne am Lehniner Platz, 10. Oktober 2014 um 19.30 Uhr