Kunst

In Berlin lockt die ABC-Messe mit 111 Galerien

Die ABC-Messe zeigt sich als ideenreicher Abenteuerspielplatz. Von Douglas Couplands Lust auf die Vermessung der Welt bis zu Kerim Seilers Holzhaus mit Veranda samt Bügelbrett ist viel zu bestaunen.

Foto: DAVIDS/Fischer / DAVIDS

„Love it!“ heißt uns die Neonschrift auf dem Dach willkommen. An der Fassade des ehemaligen Postfuhramtes gegenüber steht „...hervorragend diese Bilder...“ Wenn es dunkel ist, leuchten die Neons von Christian Jankowski dem Besuchern bereits im Innenhof entgegen. Am Eingang zur Verkaufsaustellung ABC, Herzstück des Kunstherbstes, stehen drei etwas ungewöhnliche Bänke, zusammengebastelt aus jeweils zwei großen Abflussrohren. Da sitzt ein Typ drauf und raucht und schaut in sein Laptop. Auch wenn es manchen wundert, das ist Kunst. Klar, nicht gerade schön, gewöhnungsbedürftig allemal, dafür funktional. Das ist doch etwas.

Das Signal ist klar: Wir, die Besucher, sind herzlich willkommen. Und die Kunst gibt sich nicht elitär und verschlossen, sondern zum Anfassen, na ja, Draufsitzen, Lesen und Mitmachen. All das ist in diesem Jahr bedingungslos erwünscht auf der ABC in der Station. Übrigens bei ganz vielen Veranstaltungen des Kunstherbstes. In der Ausstellung „Schwindel der Wirklichkeit“ in der Akademie fordert gefühlt jede zweite Arbeit den Besucher zu irgendeiner medialen Aktion auf, Performances liegen ohnehin im Trend.

Ein Höhepunkt könnte am Sonntag Hamish Fultons Ost-West-Spaziergang sein, der über die gesperrte Straße des 17. Juni führen soll. 800 Teilnehmer sucht er für den Publik Walk, gemeldet haben sich bislang 450. Das Problem bei diesem Kunstherbst ist, dass man sich eigentlich von einem Event zum anderen beamen müsste, so viele Angebote gibt es. Allein die ABC bietet ein Rahmenprogramm mit 40 Talks, Performances und Aktionen.

Keine Kojen, viel freie Fläche

Dabei hat der Besucher erst einmal Mühe, sich durch das Angebot der drei Hallen in der Station zu schlagen. Alles sehr offen, ziemlich unübersichtlich, auf jeden Fall wild zusammengewürfelt. Etwa so, als würde man über einen Abenteuerspielplatz wandern und nicht genau wissen, wann und wo die nächste Überraschung folgt. Aber so soll es sein. Eine wohl geordnete Messe in strengen Kojen, das will hier ja keiner der 111 Galeristen, von denen die Hälfte aus Berlin kommt.

Wir waren jedenfalls nicht böse, als uns die Künstlerin Mette Winckelmann einen Button mit der Aufschrift „I like older woman“ in die Hand drückte. „Kunst zum Mitnehmen“ ruft uns die Galeristin hinterher. John Bock hat einen hippen Imbiss in der Bananenhalle aufgestellt und ist gerade dabei, seine Hawaii-Toasts vorzubereiten, für all jene „ans Licht getretenen Trieb-Kreaturen“. Wir verzichten lieber drauf und wollen auch keinen Eierlikör, der gereicht wird. Jede Menge Alkoholika gibt es auch bei Alex Hubbard. Er hat „The Chess Club“ aufgebaut, eine Bar, eng wie eine analoge Telefonzelle, in der man nur alleine trinken kann. An diesem frühen Mittag ist der Künstler nicht da, vielleicht ist es einfach zu früh für einen Drink.

Irgendwo klirrt es gewaltig. Ist da einer durchgedreht? Nicht ganz, den Lärm verursacht ein Bär in einem Glaskäfig, der eine Kristallvase nach der anderen zerkloppt. Die 40-jährige Künstlerin Anca Munteanu Riminic soll in dem schwarzen Fell stecken, um auf heimatliche und zunehmend miese Produktionsverhältnisse hinzuweisen. Der traditionelle Handwerkszweig wird dort offensichtlich gerade eingestellt. Und Douglas Coupland („Generation X“) trauert den alten Atlanten nach, auf denen man die Welt zumindest mit den Augen noch vermessen konnte. Er kaufte weltweit alte Globen auf und übergoss allesamt mit Farbe. Kerim Seiler hat ein Holzhaus mit Veranda aufgebaut, da steht ein Bügelbrett mit Wäsche drauf. Man kann ihn dort wohl auch treffen und über den Preis seiner Kunst sprechen. Jetzt geht es zu Fiete Stolte und seinem Fotoautomaten rüber. Ein Foto schießen von unserer Pupille, darin spiegelt man sich selbst ins Unendliche. Das Foto kostet 50 Euro, zum Mitnehmen im Heftchen.

Der experimentelle Charakter hat sich bei vielen Kunstwerken auf der ABC als „Qualitätssiegel“ eingeschrieben. Reicht das? Ist das nicht reine Selbstvergewisserung? Das Lebensmotto jung, bunt, unkonventionell mag sich zu Marketingzwecken bestens eignen. Aber man kann die Idee des ewigen Aufbruchs auf Dauer nicht konservieren. Selbst in Berlin nicht.

ABC, Station, Luckenwalder Str.4-6. Heute, 12-19 Uhr, So bis 18 Uhr.

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