Ausflug nach Gera

Die Stadt für den zweiten Blick in Thüringen

Kultur trotz finanzieller Notlage: Gera hat viele Sehenswürdigkeiten, vor allem Kirchen und Museen, aber auch die Höhler, ehemalige Lagerkeller. Man muss die Attraktionen allerdings erst suchen.

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Die Sieben gilt gemeinhin als Glückszahl. Und wer ein 777-jähriges Stadtjubiläum feiert wie Gera, dürfte sich eigentlich vor Glück kaum retten können. Doch leider läuft es anders. Gera ist pleite. Die Stadtwerke Holding und die Geraer Verkehrsbetriebe haben Insolvenz angemeldet. Trotzdem geht das Leben in der mit knapp 100.000 Einwohnern drittgrößten Stadt Thüringens weiter, auch das kulturelle Leben.

Im November vergangenen Jahres sorgte die eintägige Schließung sämtlicher Kultureinrichtungen für bundesweites Aufsehen. Es sollte ein spontanes Alarmzeichen sein angesichts des riesigen Schuldenbergs von rund 224 Millionen Euro, der auf der Stadt lastet. Doch leider ging von der Aktion das Signal aus, Geras Kulturbetrieb sei fast tot. Dem ist jedoch nicht so. Dass die Kunstgalerie in der früheren fürstlich-reußischen Orangerie bis Ende des Jahres geschlossen bleibt, ist nicht der finanziellen Notlage geschuldet. Die Schäden, die das Hochwasser im Frühsommer 2013 auch in dem Barockbau hinterließ, werden nun beseitigt. Die Weiße Elster hatte damals vor allem den Ortsteil Untermhaus überflutet. Der sogenannte Küchengarten, ein wirklich sehenswerter barocker Lustpark zwischen Orangerie und Theater, lädt heute wieder zum Spaziergang. Das Theater von 1902 ist einer von drei Theaterbauten der Stadt. Die Bühnen der Stadt Gera kooperieren mit dem Landestheater Altenburg und sind ein Dreispartenhaus. Zudem konzertiert hier das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera.

Ein Museum für Otto Dix

Auf der gegenüberliegenden Seite des Küchengartens liegt das Geburtshaus des Malers, nach der sich die Otto-Dix-Stadt Gera benannt hat. Auf zwei Etagen sind hier Werke des Expressionisten ausgestellt. Ab Jahresende sind hier Baumaßnahmen wegen Hochwasserschäden vorgesehen. Das Otto-Dix-Haus findet sich unweit der Brücke über die Weiße Elster, auf der ein Restaurant zur warmen Jahreszeit Tische aufstellt. Überhaupt zählt der Stadtteil Untermhaus, mit ihrem Wahrzeichen, der spätgotischen Marienkirche, zu den pittoresken Ecken der Stadt, auch weil der Hofwiesenpark, ein Hauptschauplatz der Bundesgartenschau 2007, sich unmittelbar anschließt.

Ansonsten empfängt Gera die Besucher, was das Stadtbild betrifft, nicht gerade von der charmanten Seite. Bausünden aus sozialistisch-realistischen Jahren sind leider unübersehbar. Gleichwohl gibt es im gesamten Stadtgebiet viele kulturelle Sehenswürdigkeiten, man muss sie nur suchen. „Gera ist eine Stadt auf den zweiten Blick“, bringt es Michael Kleim auf den Punkt. Kleim amtiert als Jugendpfarrer in der Tritinatiskirche. Die älteste Kirche der Innenstadt, sie geht auf das Jahr 1609 zurück, ist heute unter anderem auch Konzertort für Weltmusik, womit, auch das ist leider ein Problem, der örtlichen Neonazi-Szene begegnet werden soll.

Erinnerung an glücklichere Zeiten

Die „Ger’schen“, wie die Geraer sich selber nennen, war öfters in ihrer Geschichte richtig reich. Der Handel mit Bier, vor allem aber mit Textilien brachte einst viel Geld in die Stadt. Renaissance-Bauten wie das Rathaus aber auch die Stadtapotheke am Marktplatz mit ihrem wunderschön verzierten Erker erinnern an glücklichere Zeiten. Auf dem Markplatz zieht zudem der Simsonbrunnen die Blicke auf sich. Auch der Jugendstil ist in Gera vertreten. Etwa in der Schulenburgschen Villa, die Henry van de Velde 1913 bis 1914 für einen Geraer Industriellen entwarf. Oder in der barocken St.-Salvator-Kirche auf dem Nicolaiberg, dem höchsten Punkt der Altstadt. Der Innenraum ist vom Jugendstil geprägt. An Museen sind vor allem das Stadtmuseum, das Museum für Angewandte Kunst und das Naturkundemuseum erwähnenswert.

Keller unter den Kellern

Eine Besonderheit, die Gera zu bieten hat, sind die Höhler, die zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert unter den Keller getrieben wurden, um dort vor allem Bier zu lagern. Im 2. Weltkrieg wurden die Höhler teilweise als Luftschutzbunker genutzt. Mit der industriellen Bierproduktion verloren sie ihre Bedeutung und gerieten in Vergessenheit, bis sie als historische und touristische Attraktion wieder entdeckt wurden. Zehn Höhler wurden nach 1980 saniert und als Museum zugänglich gemacht. Beim alljährlichen Höhlerfest stehen sie im Mittelpunkt. Das Fest findet in diesem Jahr im Rahmen der Festwoche zum 777-jährigen Stadtjubiläum vom 28. September bis 5. Oktober statt. Gefeiert wird auf jeden Fall. Wie gesagt, die Sieben soll ja eigentlich Glück bringen.

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