Leuchtenburg

Scherben bringen Glück, auch in Thüringen

Die Welt der Porzellane wird in der Leuchtenburg neu erfunden. In der mittelalterlichen Festung erlebt man dank eines raffinierten Ausstellungskozepts die Geschichte des „weißen Goldes“.

Foto: Nicky Hellfritzsch / Stiftung Leuchtenburg/Nicky Hellfritzsch

Bislang war die Leuchtenburg in Thüringen vor allem bei Mittelalter-Fans angesagt. Zu Ostern pilgerten jedes Jahr Tausende auf die historische Burganlage bei Kahla in 400 Metern Höhe, um historisch nachempfundenen Ritterspielen beizuwohnen, sich von Handwerkern und Gauklern bespaßen zu lassen sowie den gruseligen Marterturm und das Kreisheimatmuseum zu besichtigen.

Seit Anfang April aber sorgt die Leuchtenburg, 1221 erstmals als Verwaltungssitz urkundlich erwähnt, durch ein neues Ausstellungskonzept und avantgardistische Baumaßnahmen für Schlagzeilen. Das Stiftungsteam um Sven-Erik Hitzer und Ulrike Kaiser eröffneten in den Räumen des einstigen Zuchthauses die „Porzellanwelten“ mit sieben einzelnen Themenfeldern. Der Besucher wird durch die Geschichte des „Weißen Goldes“ geführt, dessen Herstellungsformeln vor 250 Jahren auch nach Thüringen kamen und die Gründung vieler Manufakturen nach sich zogen.

Die Geheimnisse der Alchemie

Die einzelnen Bereiche heißen: „Das Fremde“, „Das Rätsel“, „Das Kostbare“ und „Das Alltägliche“. Man wandert durch ein chinesisches Schattentheater und taucht ein in die Geheimnisse der Alchemie. Wer will, kann mit den Materialien experimentieren, sie fühlen, abwiegen und mischen – und am Ende staunend in den Brennofen schauen.

Der letzte Porzellanmuffel wird spätestens am futuristischen Skywalk bekehrt, der im Saaletal 20 Meter über die Baumwipfel des Thüringer Waldes hinausragt und ein einzigartiges Panorama preisgibt. In Kürze wird die gläserne Brücke als „Steg der Wünsche“ eröffnet. Von hier aus kann man nicht nur bis nach Jena schauen, sondern, quasi als abschließender Höhepunkt des Rundganges, Geschirr in die Landschaft werfen. Wer möchte, der schreibt seinen ganz privaten Wunsch auf Teller oder Tasse, bevor er sie dem Universum übergibt. Denn wie heißt so schön: Scherben bringen Glück!

Das kleinste Service der Welt

In einem Neubau, der ebenfalls Ende des Jahres fertiggestellt wird, residieren die größte Vase und das kleinste Service der Welt. 2015 dann folgt die Erweiterung der Themenwelt mit „das Visionäre“, wofür die alte Burgkirche mit Porzellan ausgekleidet wird.

Schon Kurfürst August der Starke (1670-1733) wurde einst von der Sammelwut gepackt. Mit Leidenschaft hat sich nun auch das Stiftungsteam um Hitzer und Kaiser der Schönheit und Vielfalt dieses einzigartigen Materials gewidmet. Dabei ist es ihnen gelungen, die Besucher an dieser Faszination teilzuhaben, sei mit der Liebe zum Porzellan anzustecken.

Tatsächlich kommt das unkonventionelle Ausstellungskonzept der Leuchtenburg großartig an. Seit Eröffnung der Porzellanwelten kamen 30 bis 40 Prozent mehr Besucher als in den Jahren zuvor. Bis Dezember werden es immerhin wohl 50.000 Gäste sein – auch wenn das ehrgeizige Ziel 150.000 lautet. Sogar Hollywoodstar Kevin Costner spendete eine wertvolle Ming-Schale für die Themenwelten.

Ausgezeichnet mit dem Thüringer Tourismuspreis

Zudem räumte das Stiftungsteam gleich den diesjährigen Thüringer Tourismuspreis ab. Die Jury lobte den interaktiven, konsequent durchdachten Gesamtauftritt, der zehm Millionen Euro kostete. Er spreche unterschiedlichste Zielgruppen an habe das Angebot für Thüringer Gäste spürbar verbessert, hieß es.

Trotz der Umgestaltungen kommen aber auch Anhänger des Mittelalters noch auf ihre Kosten. Bis zum 18. Jahrhundert fungierte die Leuchtenburg wahlweise als Amtssitz mit Gefängnis, als Zuchthaus und Irrenanstalt. 1873 wurde sie zum Hotel umgebaut, 1920 avancierte sie zur ersten Jugendherberge Thüringens. Als diese 1997 auszog, sollte die Leuchtenburg versteigert werden. Da kam Sven Erik Hitzer ins Spiel und gründete die Stiftung.

Seltene Stücke in Bananenkisten

In einem der wenigen Momente, in denen ihm das Burggeschehen eine Pause gönnt, sitzt er stolz in der Burgschänke und lässt sich den Wein schmecken, der von den angrenzenden Weinbergen stammt. Hitzer hat noch einiges vor mit der Leuchtenburg. Da wären zum Beispiel die seltenen Stücke eines Berliner Kurators, die der Stiftung vermacht wurden. „Die Sammlung ist in 1000 Bananenkisten verpackt und wartet darauf, von uns ausgepackt und würdig präsentiert zu werden“, erzählt Hitzer und hat gleich, so scheint es, die nächste gute Idee.

Foto: Stiftung Leuchtenburg