Klassik

Stardirigent Christian Thielemann auf Heimatbesuch in Berlin

Thielemann gastiert an diesem Freitag mit der Sächsischen Staatskapelle in Berlin. Die Morgenpost sprach mit dem 55-Jährigen, der in Dresden arbeitet und in Potsdam lebt, über seine alte Heimat.

Foto: DG/ Matthias Creutziger

Berliner Morgenpost: Herr Thielemann, werden Sie wie gewohnt in Ihrem Porsche von Dresden nach Berlin fahren?

Christian Thielemann: Nein, ich werde direkt vom Konzert in München nach Berlin reisen. Mit dem Flugzeug, die Distanz ist einfach zu groß.

Sie kommen im Richard-Strauss-Jahr mit der Staatskapelle Dresden nach Berlin. Aber Sie spielen gar keinen Strauss, sondern ein zeitgenössisches Stück von Sofia Gubaidulina. Wie kam das?

Das ist das Ergebnis langfristiger Planung. Der Violinist Gidon Kremer ist bei uns in diesem Jahr Capell-Virtuos, das ist eine besondere Einrichtung. Und Capell-Compositrice ist Sofia Gubaidulina. Das passt unglaublich gut zusammen.

Wie ist es, mit einem lebenden Komponisten zu arbeiten?

Toll. Man kann über Tempo-Vorgaben sprechen und fragen, ob der Komponist mit einer Veränderung zufrieden ist. Neben Frau Gubaidulina habe ich beispielsweise eng mit Hans Werner Henze und Wolfgang Rihm zusammengearbeitet. Nur zu Beginn hatte ich befürchtet, dass Änderungen vielleicht nicht akzeptiert werden. Aber das läuft nicht so päpstlich ab. Alle haben gesagt: Wir sind froh, wenn ein Interpret die Initiative ergreift. Eine Interpretation ist immer etwas Persönliches. Bisher waren wirklich alle zufrieden, es gab keine bösen Szenen. Aber die verstorbenen Komponisten kann man ja nicht mehr fragen.

Wie gut lernt man sich kennen?

Das Privatleben von Komponisten interessiert mich nicht sehr. Ich will einen Zugang zur Musik finden. Stellen Sie sich vor, Sie verehren einen Komponisten und stellen dann fest, dass er als Mensch furchtbar unsympathisch ist. Das würde auf die Liebe zu seiner Musik Einfluss haben. Ich weiß nicht, wie Johann Sebastian Bach war. Vielleicht war der nett und lustig, aber vielleicht auch nicht. Es ist gut, dass man das nicht so genau weiß.

Früher wurden Chefdirigenten gewissermaßen auf Lebenszeit eingestellt. Haben Sie an der Semperoper so etwas wie eine Lebensstellung gefunden?

Ich fühle mich der Stadt und dem Orchester so verbunden, als wäre ich immer hier gewesen. Es ist ein Orchester, das mit seiner 450-jährigen Geschichte einen Hintergrund mitbringt, der weltweit einmalig ist. Nicht nur Strauss ist hier präsent, sondern auch Wagner, Weber oder Schütz. Man hat manchmal das Gefühl, die stehen alle da und schauen zu, was wir jetzt machen mit der Wunderharfe. Das ist eine besondere Verantwortung. Man spürt die, aber nicht als Last, sondern als beflügelnde Tradition. Das bringt eine angenehme Ruhe in die Arbeit. Sehen Sie, wenn eine Tradition erst übermäßig zelebriert werden muss, dann macht das keinen Spaß.

Die Bayreuther Festspiele haben dagegen ein Image-Problem. Zumindest war es in diesem Jahr überraschend leicht, Karten zu bekommen. Verliert der Grüne Hügel seine Exklusivität?

Nein. Es gibt sicherlich einen Wechsel der Publikums und der Generationen. Aber es ist ja gerade richtig, dass in Bayreuth alle Strömungen ausprobiert werden. Wo, wenn nicht da? Wir haben den großen Vorteil, dass dort ein Stück alle sieben Jahre neu gemacht wird. Auch deshalb sollen in Bayreuth keine anderen Werke laufen. Man kann viel mehr experimentieren. Anders als an einem Opernhaus, wo beispielsweise eine „Tosca“-Inszenierung 20 Jahre lang laufen muss. In Bayreuth ist die gesamte Freiheit der Kunst möglich. Natürlich muss die musikalische Seite so stark wie möglich gestaltet werden.

Frank Castorfs „Ring“-Inszenierung ist umstritten. Welchen Regisseur schätzen Sie?

Ich arbeite derzeit mit Katharina Wagner am „Tristan“. Das macht sehr viel Spaß, weil wir in vielen Bereichen deckungsgleich denken. Wir haben das Konzept jetzt fertig und können mit der nötigen Ruhe proben.

Verraten Sie Details?

Es wird auf keinen Fall etwas Politisches kommen. Damit hat der „Tristan“ nichts zu tun. Mehr will ich noch nicht sagen. Während der Proben kann sich noch viel ändern. Auch Dinge, von denen man dachte, das wird ganz toll – aber dann muss man in der Praxis einsehen, das sie nicht funktionieren. Nur so viel: Wir spielen das ganze Stück. (lacht)

Sie arbeiten in der absoluten Spitze in Dresden, Salzburg, Bayreuth - denken Sie überhaupt noch manchmal an ihre Heimat Berlin?

Ich wohne in Potsdam und habe das Privileg, dass ich frei habe, wenn ich in Berlin bin. Das ist ein Gefühl, das ich aus meinen Berliner Arbeitsjahren gar nicht kannte. Früher hatte ich so viel zu tun, dass ich die Stadt gar nicht wahrgenommen habe. Jetzt mache ich in Berlin vor allem eines: keine Musik. Es ist wichtig für mich, von der Musik auch mal wegzukommen. Sonst wäre das so, als würde man jeden Tag Rotwein trinken. Zu viel von etwas ist nicht gut. Man muss zum Beispiel auch mal ausgeruht ein anständiges Buch lesen. Ich habe „Der Turm“ von Uwe Tellkamp für meinen Urlaub rausgelegt. Darin geht es um Dresden in den Jahren vor dem Mauerfall. Überhaupt achte ich zunehmend darauf, meine Arbeit besser zu planen und mich nicht zu verzetteln.

Wie sehen Sie Ihre Heimatstadt inzwischen?

Ich empfinde Berlin als eine sehr suchende Stadt. Das ist einerseits schön, aber ich würde mich auch über eine gewisse Stetigkeit freuen. Und darüber, wenn Berlin nicht andauernd ein internationales Stirnrunzeln auslösen würde, wie mit dem fehlenden Flughafen. Und ich frage mich, ob es ein wirkliches Bürgertum in Berlin gibt und welche Aufgaben es übernehmen will. Das ist alles noch nicht definiert.

Es wird ja bald eine Stelle bei den Berliner Philharmonikern frei. Simon Rattle verlässt 2018 die Stadt. Haben Sie Interesse?

Ich habe eine Traumposition gefunden und überhaupt keinen Grund, mir etwas anderes zu überlegen. Für die kommenden Jahre habe ich die tollsten Pläne und mache mir keine Gedanken über neue Konstellationen.

Andersherum: Was müsste Berlin tun, damit Sie aufmerksam werden?

Berlin ist immer in meinem Herzen. Ich bin jedes Jahr zwei Wochen bei den Philharmonikern. Das reicht.

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