Gedenkkonzert

Erinnerung an tragisch verstorbene Tonkünstler

Albéric Magnard und Rudi Stephan waren hoffnungsvolle Komponisten. Beide starben im Ersten Weltkrieg. Die Berliner Musiker Judith Ingolfsson und Vladimir Stoupel wollen ihre Werke in den Konzertbetrieb zurückbringen.

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Uwe Sauerwein

Während Albéric Magnard (1865-1914) zeitlebens eher die Rolle des Außenseiters im französischen Musikbetrieb einnahm, zählte sein 22 Jahre jüngerer Kollege Rudi Stephan (1887-1915) als einer der talentiertesten deutschen Tonkünstler seiner Generation. Dass von beiden Komponisten nur wenige Werke erhalten blieben, liegt unter anderem daran, dass beide im Ersten Weltkrieg einen tragischen Tod fanden. Nun erinnert das international anerkannte Berliner Duo Judith Ingolfson / Vladimir Stoupel an die beiden fast vergessenen Tonkünstler.

Der französische Bruckner

Magnard war Sohn des Bestsellerautors und Herausgeber des „Figaro“, François Magnard. Dass er in dem Blatt auch als scharfzüngiger Musikkritiker erschien, bescherte Albéric Magnard frühzeitig zahlreiche Gegner. Gehörschäden und künstlerische Enttäuschungen als Komponist trugen zu Verbitterung und Vereinsamung bei. Durch das väterliche Vermögen war Magnard finanziell abgesichert, doch seine Werke brachte er nur unter großen Schwierigkeiten zur Aufführung. Wegen der gelegentlichen Verwendung von Chorälen nannte man ihn auch den „französischen Bruckner“, bei seinen Opern bediente sich Magnard der Leitmotiv-Technik Richard Wagners. Eine seiner Kompositionen für Orchester, „Hymne à la Justice“, entstand 1902 im Zusammenhang mit der Dreyfus-Affäre. Magnard stand auf der Seite von Émile Zola, der in seinen Artikeln die antisemitischen Beweggründe anprangerte, welche zum Landesverrats-Prozess gegen den jüdischen Hauptmann geführt hatten.

Als in den ersten Kriegstagen deutsche Soldaten Magnards Anwesen Manoirs de Fontaine in Baron betraten, schoss der Hausherr mit einem Gewehr auf die Eindringlinge, worauf diese das Haus in Brand setzen. Man nimmt an, dass Magnard in den Flammen umgekommen ist.

Vom Wagnerianer zum Autodidakten

Wie Magnard musste auch Rudi Stephan, in Worms als Sohn einer wohlhabenden Juristenfamilie aufgewachsen, eigentlich nicht von seiner Kunst leben. Doch schon 1905 verließ er mit Duldung der Eltern das Gymnasium, um Komposition zu studieren. Der Sohn des Vorsitzenden des örtlichen Wagner-Vereins war auch bei seinen ersten Kompositionsversuchen von Richard Wagner beeinflusst. Später lernte er während der Ausbildung in Frankfurt und München die musikalischen Welten von Claude Debussy, Richard Strauss, Arnold Schönberg und Max Reger kennen. Aber früh entwickelte er sich zum Autodidakten. Als „herausragende Leistung eines bizarrphantastischen, aber selbständigen reichen Talents“ würdigte ein Kritiker Stephans „Musik für sieben Saiteninstrumente“ nach der Danziger Uraufführung 1912.

Als Komponist steht er an der Schwelle zur Moderne, er bezog die tonale Tradition wie auch impressionistische Klänge als auch die atonale Entwicklung in sein Schaffen ein. Sein wichtigstes und größtes Werk, die Oper „Die ersten Menschen“, erschien 1915. Bereits im November 1914 äußerte der Komponist in einem Brief die Hoffnung, dass die von der Frankfurter Oper schon zugesagte Uraufführung im kommenden Winter realisiert werden könnte – da „bis dahin mit einem Ende des schrecklichen Krieges bestimmt zu rechnen“ sei.

Rudi Stephans Nachlass verbrannte

Es kam bekanntlich anders. Im März 1915 wurde Rudi Stephan eingezogen, am 29. September, wenige Tage nach Ankunft an der Ost-Front, starb der 28-Jährige im galizischen Tarnopol an einem Kopfschuss. Von seinem Schaffen blieb nur erhalten, was der Musikverlag Schott veröffentlicht hatte. Sein Nachlass verbrannte nach einem Bombenangriff auf Worms im Februar 1945.

Wenn Judith Ingolfsson (Violine) und Vladimir Stoupel (Klavier) heute die beiden Komponisten zurück auf die Bühne bringen, geschieht das nicht historisierend. Die Werke sollen der gegenwärtigen Konzert- und Erfahrungswelt zugänglich werden. Das Duo wurde für sein Programm von der französischen Regierung mit dem Qualitätssiegel „Centenaire“ ausgezeichnet, das Teil des offiziellen Gedenkprogramms zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs ist.

Konzert bei den Jüdischen Kulturtagen

Judith Ingolfsson ist Professorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Die gebürtige Isländerin spielt weltweit als Solistin und Kammermusikerin. Ihr Partner Vladimir Stoupel (Klavier) studierte am Moskauer Konservatorium Klavier und Dirigieren. Er konzertiert in den wichtigen Musikzentren Europas und der USA, spielte mit namhaften Orchestern und Dirigenten. Gemeinsam leiten beide das von ihnen 2009 gegründete Festival „Aigues-Vives en Musiques“ in Südfrankreich.

Synagoge Rykestraße, Sonnabend, 6. September, 21.30 Uhr