Eröffnungskonzert

Juwelen auf dem Trödelmarkt

Zum Auftakt der Jüdischen Kulturtage tritt Countertenor Jochen Kowalski mit dem Vogler-Quartett in der Synagoge Rykestraße auf; unter anderem mit Liedern seines Namensvetters, der einst aus Deutschland fliehen musste.

Foto: Buddy Bartelsen / impress picture - Buddy Bartelsen

Am Wochenende zieht er fast immer über die Berliner Trödelmärkte. Diesmal hat Jochen Kowalski Schellackplatten mit Musik von Friedrich Hollaender, Robert Stolz und Paul Abraham erstanden. Zu Hause besitzt der Sänger mehrere Plattenspieler und Spezialnadeln für jedes Jahrzehnt. Sein Hauptsammelgebiet ist die Geschichte der Berliner Staatsoper. Aber auch andere besondere Schätzchen legen die Händler gern für ihn zurück. Auf den Trödelmärkten kennt er alle, die Platten, Noten und Programmhefte verkaufen.

Vor anderthalb Jahren rief ihm einer dieser Händler nach: „Kowalski, guck mal, hast du auch komponiert?“ Dann drückte er ihm die Noten von Max Kowalskis Liederzyklus „12 Gedichte aus Pierrot lunaire“ in die Hand. Der Countertenor hatte von seinem Namensvetter noch nie etwas gehört. Der Händler wollte ihm die Noten schenken, doch Kowalski fand: „Nee, das bringt Unglück, lass mich lieber einen Euro bezahlen.“

„Das konnte nur Schicksal sein“

Jochen Kowalski legte den Notenfund seiner Lehrerin Jutta Vulpius auf das Klavier. Die frühere Staatsopern-Diva entdeckte sofort den Namenszug „Lohmann“ rechts oben auf dem Titelblatt. Sie erkannte die Handschrift ihrer eigenen Lehrerin Franziska Martinsen-Lohmann, der bedeutendsten deutschen Gesangslehrerin ihrer Zeit. Aus ihrer Sammlung stammen die Noten, die Kowalski auf dem Trödelmarkt bekam. Jutta Vulpius war sofort Feuer und Flamme, und auch der Sänger fand: „Das konnte doch nur Schicksal sein!“ Die zwölf Lieder passten perfekt zu seiner Stimme.

Die berühmte Vertonung des Zyklus hat Arnold Schönberg 1912/13 etwa zeitgleich mit Kowalski geschrieben. Die beiden Tonsetzer kannten sich. Der jüdische Komponist Max Kowalski hat zwar 17 Liederzyklen verfasst, war im Hauptberuf aber Rechtsanwalt. 1930 vertrat er Schönberg in einem Urheberrechtsprozess. Ihre beiden „Pierrot lunaires“ führen in ganz unterschiedliche musikalische Welten. Schönberg hat sein atonales Sprechgesangs-Melodrama für die Schauspielerin Albertine Zehme geschrieben. Kowalskis spätromantische Tonsprache orientiert sich mehr an Gustav Mahler, Richard Strauss und Franz Schreker.

In der Rolle des Pierrrots

„Schönbergs Komposition ist besonders gut bei Schauspielern aufgehoben. Kowalskis Werk ist etwas für Sänger“, findet der Countertenor. Er liebt es, in die Rolle des Pierrots zu schlüpfen: „Da kann man Kind sein und Erwachsener, Weisheiten von sich geben, jammern und sich freuen. Pierrot hat sich die Fähigkeit zum Träumen erhalten. In diesen Liedern steckt das ganze Lebensspektrum zwischen Liebe, Hass und Tod.“ Die Gedichte von Albert Giraud hat Otto Erich Hartleben ins Deutsche übersetzt.

Musiker wie Heinrich Schlusnus, Alexander Kipnis, Joseph Schwarz, Kurt Sanderling und Michael Raucheisen haben früher Max Kowalskis Werke interpretiert. Jochen Kowalski besitzt die Platte, auf der Paul Bender die „Pierrot lunaire“-Lieder singt. Auch Hans Hotter und Otto von Rohr haben sie aufgenommen. „Ich habe diese Platten noch nicht auftreiben können, aber ich sitze jeden Tag am Computer und suche“, sagt der Sänger. Auch die Nachfahren des Komponisten, die in New York leben sollen, würde er gern ausfindig machen.

Max Kowalskis vergessene Musik

Max Kowalski wurde 1938 ins KZ Buchenwald deportiert. Ein Jahr später konnte er sich mit seiner Tochter ins Londoner Exil retten, nachdem seine Frau Selbstmord begangen hatte. Bis zu seinem Tod 1956 arbeitete er dort als Klavierstimmer, Synagogensänger und Gesangslehrer. Seine Werke gerieten schnell in Vergessenheit. „Ich sehe es als Auftrag, ihn wieder ins Gespräch zu bringen“, meint Jochen Kowalski. „Es lohnt sich wirklich.“ Im Berliner Ensemble hat er „Pierrot lunaire“ in einer Fassung für Streichorchester präsentiert. Auch beim Liebenberger Musiksommer am 31. August will er den Zyklus singen.

Uwe Hilprecht, der Pianist und langjährige musikalische Leiter des Deutschen Theaters, hat noch eine neue Version für Countertenor, Klavier und Streichquartett arrangiert. Am 4. September gibt Jochen Kowalski damit sein Debüt bei den Jüdischen Kulturtagen. Es wird das Eröffnungskonzert in der Synagoge Rykestraße, in der der Sänger als Student ein für ihn prägendes Konzert mit dem Oberkantor Estrongo Nachama erlebt hat. Er gestaltet den Abend gemeinsam mit Uwe Hilprecht und dem Vogler-Quartett, das sich gern für Raritäten und für die Musik des 20. Jahrhunderts einsetzt. Die Musiker ergänzen das Programm mit dem Streichquartett Nr. 6 von Felix Mendelssohn-Bartholdy und dem ersten Streichquartett von Erwin Schulhoff, der 1942 im Lager Wülzburg an Unterernährung, Erschöpfung und Krankheit starb.

Weitere Fundstücke vom Flohmarkt

Jochen Kowalski präsentiert außerdem noch einen zweiten Flohmarkt-Fund: Lieder zu Goethes „Faust“ von Paul Dessau. Der jüdische Komponist hat sie 1949 für eine „Faust“-Aufführung am Nationaltheater Weimar geschrieben. Er war gerade aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt. Der Countertenor hat sie vor zehn Jahren beim selben Händler erstanden wie die Kowalski-Lieder. Bei den Jüdischen Kulturtagen wird er die Lieder zum ersten Mal aufführen, und er verspricht hübsche Überraschungen. So wird sich bei einem Lied das Vogler-Quartett als Chor betätigen. Für den Fall, dass dann noch eine Zugabe gefragt ist, haben die Musiker noch Paul Dessaus alten Schlager „Niemand kann so zärtlich sein wie du“ einstudiert. Natürlich ist auch das eine von Jochen Kowalskis Trödelmarkt-Juwelen.

Synagoge Rykestraße, 4. September, 20 Uhr

Foto: Christian Kern

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