Buchvorstellung

Zwischen den Fronten des Ersten Weltkriegs

Es war das erste und bislang einzige Mal in der europäischen Geschichte, dass jüdische Soldaten sich auf dem Schlachtfeld gegenüberstanden. Avi Primor hat darüber einen Roman verfasst.

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Sommer 1914. Ein Aufruf des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens: „Wir rufen euch auf, über das Maß der Pflicht hinaus Eure Kräfte dem Vaterland zu widmen! Eilet freiwillig zu den Fahnen!“ Die meisten deutschen Juden, wie die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung im Deutschen Reich insgesamt, lassen sich von diesem Patriotismus mitreißen. Auch Ludwig Kronheim, Sohn eines Arztes aus Frankfurt am Main, kann seine Einberufung kaum abwarten. Als Soldat fühlt er sich endlich voll akzeptiert.

Ähnliche Gefühle überfallen zur gleichen Zeit im französischen Bordeaux den jüdischen Bäckersohn Louis Naquet. Durch den Dienst an der Waffe könne er, so schreibt er seinem Vater, dem französischen Volk endlich zurückzahlen, was es für ihn getan habe. Ludwig und Louis werden sich zweimal an der Front begegnen – das zweite Mal mit tödlichem Ausgang.

Ehrenvoller Tod fürs Vaterland

„Süß und ehrenvoll“ (Quadriga Verlag, 383 S., 19,99 Euro) heißt der Roman, den Avi Primor, von 1993 bis 1999 Israels Botschafter in Deutschland, über den Ersten Weltkrieg verfasst hat. Nach etlichen Sachbüchern ist es Primors erster Roman, für den er gleichwohl umfangreiche Recherchen anstellte. Viele beschriebene Ereignisse aus den Jahren 1914 bis 1918 sind denn auch historisch verbürgt. Weil der Autor offenbar so viel wie möglich davon einbinden wollte, wirkt die Handlung an manchen Stellen ein wenig konstruiert. Die Schicksale, die hier erzählt werden, gehen trotzdem unter die Haut.

Der unausgesprochene Nachsatz zum Titel „Süß und ehrenvoll“ lautet : „...ist es, für das Vaterland zu sterben“. Dieser Satz wurde deutschen Gymnasiasten im Krieg eingetrichtert. Auf beiden Seiten der Front sind Juden für ihr Vaterland in den Krieg gezogen und gefallen. Es war das erste und bisher auch das einzige Mal in der Weltgeschichte, dass Juden sich in großer Zahl im Krieg gegenüberstanden. In dieser Tatsache liegt die Motivation für den Ex-Diplomaten Primor, diese Geschichte über die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts, über die Absurdität eines Krieges, der 16 Millionen Menschenleben kostete, und über die Suche nach Zugehörigkeit zu schreiben.

Feldpostbriefe in Jerusalem

Reichlich Stoff für seinen Roman fand er überraschender Weise im Leo-Baeck-Institut in Jerusalem. Dort stieß Primor auf eine riesige Sammlung von Feldpostbriefen, die Flüchtlinge aus Deutschland später in den 30er-Jahren mitgebracht hatten. Viele Soldaten schilderten in den Briefen das Krepieren in den Schützengräben, wo sich der Traum vom Heldenleben als furchtbare Illusion erwies.

Als trügerisch entpuppte sich auch für die deutschen Juden die Hoffnung, durch den Kriegsdienst die lang ersehnte gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren. Sie standen wortwörtlich zwischen den Fronten. Mitten im Stellungskrieg, auch dies beschreibt Primor, gab es bereits die so genannte „Judenzählung“, bei dem offenbar der Beitrag jüdischer Soldaten zur Kampfkraft in der Statistik gemindert werden sollte. Von hier aus ist es nicht allzu weit bis zur „Dolchstoßlegende“ am Ende des für Deutschland verlorenen Krieges, ohne den man wiederum Hitlers späteren Aufstieg nicht erklären kann.

Selbst Orden schützten vor den Nazis nicht

Umso bitterer erscheint in diesem Zusammenhang eine Bemerkung am Ende des Romans, wenn Primor eine Frau sagen lässt: „Es wird nie wieder einen Unterschied zwischen jüdischen und christlichen Deutschen geben.“ 1918 konnte niemand wissen, dass selbst das Eiserne Kreuz, die besondere Auszeichnung für Tapferkeit vor dem Feind, die Juden nicht vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten schützen sollte.

Die Veranstaltung bei den Jüdischen Kulturtagen geht über eine reine Autorenlesung hinaus. Avi Primor wird vielmehr über seine Beweggründe und die Recherche für sein Romandebüt berichten.

Konrad-Adenauer-Stiftung, 10. September, 18 Uhr

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