Popsongs

Die Stimme des toleranten, multikulturellen Israel

Idan Raichel kombiniert seine Songs mit Klängen aus Afrika, Lateinamerika und Indien, oft mit großer Besetzung. Nun lädt der sanfte Star aus Israel zu einer Art „Wohnzimmerkonzert“.

Foto: Eldad Rafaeli

Er ist an einigen der prestigeträchtigsten Plätze der Welt aufgetreten. Idan Raichel kann auf Konzerte in New Yorks Central Park, der Radio City Music Hall, dem Kodak Theater in Los Angeles, dem Opernhaus von Sydney oder Londons Royal Albert Hall zurückblicken. Kein Kontinent, auf dem Israels sanfter Popstar nicht schon spielte. Er sang vor US-Präsident Obama, bei der Friedensnobelpreis-Verleihung in Oslo und vertonte ein Gedicht seines damaligen Staatsoberhaupts Shimon Peres.

Obwohl der Musiker die ganz großen internationalen Bühnen bespielt, erlebt man ihn seit Jahren fast regelmäßig in der Synagoge Rykestraße bei den Jüdischen Kulturtagen. Weil ihm, wie vielen anderen Künstlern, die in der Rykestraße gastierten, die ganz eigene Atmosphäre der größten Berliner Synagoge zusagt. Aber diesmal wohl auch, weil der äußere Rahmen seinen künstlerischen Ambitionen entgegenkommt.

Denn der Songkünstler bevorzugt im Unterschied zu den großen popsymphonischen Kreationen früherer Tage zunehmend akustische Klänge. In Berlin, in intimerem Rahmen als üblich, will Raichel zu den Urversionen seiner Songs zurückkehren, wie er sie zuhause in Kfar Saba bei Tel Aviv am Klavier entwickelte.

Neugier auf andere Kulturen

Das bedeutet, dass er selbst, der sich immer als Teil des großen Ganzen versteht, diesmal mehr im Mittelpunkt stehen wird. Ungewohnt für einen Künstler, der auf der Bühne gerne am Rand sitzt, um wie sein Publikum gespannt zu warten, was passiert, und sichtlich seine großartigen Mitstreiter genießt. Etwa hundert verschiedene Sänger im Alter von 16 bis 91 aus Dutzenden Ländern nahmen bislang an Idan Raichels Projekten teil.

Die Neugier auf andere Kulturen war es, die den Sohn osteuropäischer Einwanderer, der auch eine Großmutter aus Berlin hatte, zur Musikerlaufbahn brachte. Der Mann mit den Dreadlocks, dem schwarzen Turban und den schicken Beduinenklamotten (entworfen von Mode-Designer Sasson Kedem) hatte nach der Armeezeit in einer Schule Musik unterrichtet, in der viele Kinder äthiopischer Einwanderer lernten.

Abseits des israelischen Mainstream

Mit seinen Kompositionen, die israelische Musik und ihre viele unterschiedliche Einflüsse mit Musik aus Westafrika, Lateinamerika und Indien kombinierte, in der neben Hebräisch auch Arabisch, Amharisch, Swahili, Spanisch und Kreolisch gesungen wurde, stieß Raichel bei einheimischen Labels zunächst auf taube Ohren. „Zu ethnisch“ hieß es oft, da die Songs so gar nicht zum israelischen Pop-Mainstream passten. Doch dann wurde schon das Debüt-Album „The Idan Raichel Project“ Anfang 2003 auch ein großer kommerzieller Erfolg.

Seitdem platzieren sich seine Tonträger auch international in den Charts. Raichel steht für ein junges, tolerantes und multikulturelles Israel. Und für die Hoffnung, dass man mit gemeinsamem Musizieren selbst erbitterte Feindschaft überwinden kann. Denn Gedanken über das Leben und die Vergänglichkeit, über Liebe und Verlust, die seine Songs oft mit biblischen Metaphern transportieren, sind für die meisten Menschen, egal welcher Herkunft und Religion, verständlich.

Viele Gastsänger aus aller Welt

Auf „Quarter to Six“, dem aktuellen Album, wirken prominente Gäste wie Fado-Star Ana Moura, der Wüstenblueser Viex Farka Touré (Sohn des legendären Ali Faka Touré), die arabisch-israelische Sängerin Mira Awad, der deutsche Countertenor Andreas Scholl und Marta Gómez aus Kolumbien mit.

Manche Musiker wiederum erlangten durch die Mitarbeit in Idan Raichels Band Berühmtheit. Wie die Sängerin Cabra Casey, die in einem Flüchtlingslager im Sudan geboren wurde, wo ihre äthiopischen Eltern auf die Einwanderung nach Israel warteten. Oder Schlagzeuger Gilad Shmueli, der heute in Israel ein renommierter Musikproduzent ist. Beide werden jetzt auch in Berlin wieder Idan Raichel unterstützen. Weitere Sänger wie Andreas Scholl oder die kapverdische Künstlerin Mayra Andrade sollen aus dem Off eingespielt werden. Ein „Wohnzimmerkonzert“ mit globalem Touch.

Synagoge Rykestraße, 11. September, 20 Uhr