Ladino-Songs

Nur die Lieder werden ewig leben

Yasmin Levy pflegt mit modernem Sound die alten Lieder in Ladino. Die israelische Sängerin spricht über das kulturelle Erbe der Sefarden und ihren Bezug zur Türkei, einstige Heimat ihres Vaters.

Foto: Jan Dzban / picture alliance / dpa

Ladino, auch Judenspanisch genannt, ist die Sprache der Sefarden. Jener Juden, die 1492 die Iberische Halbinsel verlassen mussten. Die Vertriebenen fanden vor allem im Mittelmeerraum, insbesondere im Gebiet des damaligen Osmanischen Reichs ein neues Zuhause, was sich auch in der Sprache und in den Liedern bemerkbar macht. Eine herausragende Interpretin dieser Musik ist die israelische Sängerin Yasmin Levy, die zum zweiten Mal bei den Jüdischen Kulturtagen auftritt. Sie vereint traditionelle Lieder mit eigenen Stücken, in die sie auch Flamenco und moderne lateinamerikanische Elemente einfließen lässt.

Berliner Morgenpost: Was empfinden Sie, wenn Sie in die deutsche Hauptstadt kommen?

Yasmin Levy: Ich komme jetzt zum dritten Mal nach Berlin. Jedes Konzert ist für mich etwas Besonderes. Aber wenn ich in Deutschland oder Spanien auftrete, empfinde ich noch mehr Freude und Glück. Ich als Jüdin besuche diese Länder als gleichberechtigte Person! Das zeigt, dass wir Menschen nicht zwingen können, auf die Art zu leben, wie wir es uns vorstellen. Man muss die Menschen so respektieren, wie sie sind.

Welche Lieder werden Sie bei den Jüdischen Kulturtagen singen?

Ich denke nicht in religiösen Kategorien. Ich sage nicht: „Das ist ein jüdisches Festival und ich werde deshalb ein spezielles Programm singen.“ Ich bin ich, Yasmin. Die Person, die Künstlerin, die Menschen liebt und gern singt. Mein Repertoire umfasst Lieder aus allen meinen Alben. Lieder, die ich liebe und mit meinem Publikum teilen möchte. Da sind viele Lieder in Ladino dabei, aber auch meine eigenen Kompositionen.

In Berlin blüht jüdisches Leben in vielen Facetten wieder auf. Auch viele Israelis leben inzwischen in der Stadt. Was denken Sie über diese Entwicklung?

Ich habe mich immer gefragt, was Überlebende, die ihre Angehörigen in Deutschland oder woanders verloren haben, dazu treibt, wieder ins frühere Heimatland ihrer Familien zurückzukehren, dort zu leben oder es einfach zu besuchen. Ich konnte bis jetzt keine rationale Antwort darauf finden. Aber mein Herz hat mich zu der Überzeugung geführt, dass etwas in uns eine Bestätigung sucht: dass wir nicht mehr verfolgt werden, dass wir uns nicht mehr zu fürchten brauchen und dass wir uns in anderen Ländern nicht wie Fremde fühlen müssen. Wir wollen das Gefühl haben, dass wir geliebt werden. Menschen wie mein Onkel, der damals seine ganze Familie in Deutschland verloren hat und trotzdem regelmäßig nach München reist, wollen in Frieden leben. Sie brauchen es. Das kann man nicht ohne Vergebung erreichen.

Ihr Vater ist in der Nähe von Izmir geboren und wanderte in jungen Jahren ins damalige Palästina aus. Haben Sie eine besondere Beziehung zur Türkei?

Ich fühle mich in der Türkei wie in meiner zweiten Heimat. Die Menschen dort akzeptieren mich, als wäre ich im Geiste und in Mentalität eine von ihnen. Sie geben mir so viel Liebe, die sie sonst nur ihrer Familie zeigen würden. Dann habe ich immer Tränen in den Augen. Weil mein Vater in der Türkei geboren ist, habe ich dort das Gefühl, dass er die ganze Zeit bei mir ist. Ich bin mit türkischer Musik aufgewachsen. Ich habe auch andere Musikarten gehört, aber irgendwie hatte türkische Musik immer einen besonderen Platz in unseren Ohren und Herzen.

Sie haben ein schönes Konzert mit dem türkischen Superstar Ibrahim Tatlises gegeben. Was fühlen Sie, wenn Sie in der Türkei auftreten?

Ich bin dankbar, dass ich häufig in der Türkei auftreten kann. Man braucht sich nur an die Geschichte zu erinnern. Das Osmanische Reich hat damals viele Juden aufgenommen, die aus Spanien vertrieben wurden und nicht wussten, wo sie hingehen sollten. Aber ich trete auch gern in der Türkei auf, weil ich die Menschen dort sehr mag. Ich habe viele Freunde in der Türkei, Juden und Nichtjuden. Erst im Januar gab ich ein Konzert in Istanbul. Ich merke, dass Musik wirklich die Kraft hat, Grenzen zu überwinden.

Sie singen in Ladino, der Sprache der spanischen Juden. Was ist das Besondere an dieser Sprache?

Die Juden konnten damals nur ihre Sprache und ihre Erinnerungen mitnehmen. Danach haben sie alles getan, um ihre Sprache lebendig zu halten. Ladino ist die Sprache der Liebe, der Sehnsucht, des Schmerzes, des Leids und der Hoffnung.

Wie kann diese Sprache für künftige Generationen aufbewahrt werden?

Ich glaube nicht, dass Ladino als lebendige Sprache bleiben wird. Viele, die heute Ladino sprechen, sind ziemlich alt. Wenn sie sterben, wird niemand mehr diese Sprache im Alltag verwenden. Vielleicht wird man sie dann nur noch in Büchern finden oder an den Universitäten studieren. Nur die Lieder werden immer leben, weil die Musik ihr eigenes Leben hat.

Wie sind die Reaktionen des Publikums in Spanien oder Israel, wenn Sie in Ladino singen?

Überall wo ich auftrete, empfinden die Menschen Liebe und Sehnsucht für diese sterbende Sprache, auch wenn sie nicht zu ihrer eigenen Geschichte oder zu ihrer Tradition gehört. Es ist schön, so etwas zu erleben.

Was sind Ihre künftigen Projekte?

Zurzeit konzentriere ich mich auf mein Tango-Projekt, das wir im vergangenen Jahr mit dem Israelischen Kibbutz Orchester aufgenommen haben. Die CD „Tango“ erscheint in Deutschland am 13. Oktober. Bei den Vorbereitungen konnte ich wirklich sehr nahe an diese Musik herankommen. Ich habe ein sehr reiches musikalisches Erbe vorgefunden, in das ich mich von Herzen hineinfühlen kann. Viel intensiver als früher, als ich zum ersten Mal mit Tango in Berührung kam. Ich habe gerade auch die Arbeiten an einer speziellen Show abgeschlossen. Die Uraufführung war in Spanien mit der Flamenco-Sängerin Montse Cortes und einigen Tänzern. Es zeigt die Gemeinsamkeiten zwischen Flamenco und Ladino. Für mich war es eine sehr schöne Erfahrung. Ich hoffe, dass wir die Show nächstes Jahr auch in Deutschland aufführen können.

Synagoge Rykestraße, 10. September, 20 Uhr