Filmreihe

Besuch aus der Vergangenheit

Das Zeughaus Kino begibt sich mit der Reihe „Fragmente einer Welt“ auf Spurensuche jüdischen Lebens in unserem polnischen Nachbarland.

Foto: Nationalkinemathek Warschau

Auf ihrer Flucht aus Deutschland kamen die Juden nach Polen und wurden gastfreundlich empfangen. Da sagten sie auf hebräisch: „Po-lin – hier bleiben wir.“ Und gaben so Polen seinen jüdischen Namen. So jedenfalls will es die Legende aus dem 13. Jahrhundert. Bis zum Zweiten Weltkrieg lebten in Polen ca. 3,5 Millionen Juden, zehn Prozent der Bevölkerung. Nach dem Überfall durch Hitler-Deutschland wurde mit dem Völkermord die polnisch-jüdische Welt zerstört. Allenfalls winzige Bruchstücke erinnern heute noch an diese so facettenreiche Kultur. „Fragmente einer Welt“ heißt denn auch die Kinoreihe des Deutschen Historischen Museums, die auf Initiative des Polnischen Institutes Berlin entstand und im Rahmen der Jüdischen Kulturtage zu sehen ist. Im Zeughaus Kino werden insgesamt acht Produktionen gezeigt, Spielfilme wie Dokumentationen, die sich auf Spurensuche nach dem ausgelöschten jüdischen Leben in Polen machen.

Jolanta Dylewskas mehrfach preisgekrönter Film „Po-Lin“ (2008), der die Reihe eröffnet, verwendet Amateurfilme, die amerikanische Juden vor 1939 machten, als sie ihre Verwandten in Polen besuchten. Die selben Orte, an denen diese heute so wertvollen Dokumente des jüdischen Alltags entstanden, suchte die Filmemacherin 70 Jahre später auf, um Zeugen zu befragen, die diese Welt noch kennen gelernt hatten. Jolanta Dylewska wird zur Filmvorführung am 6. September in Berlin erwartet.

Die Kultur des Jiddischen

Die jüdische Kultur in Polen wurde erheblich von einer eigenen Sprache getragen, dem Jiddischen. Neben Literatur, Presse, Liedern und Theater entwickelte sich in Polen das jiddische Kino, das ab 1935 einige goldene Jahre erlebte. Viele Produktionen entstanden nicht zuletzt auch für das große jiddischsprachige Publikum in Nordamerika. Dabei orientierten sich die Filme meist sehr eng an beliebten jiddischen Theaterstücken. Das gilt auch für Michal Waszynskis „Dybbuk“ von 1937, heute ein Klassiker des jiddischen Kinos. Er basiert auf An-Skis berühmten Theaterstück, das wiederum nach einer Legende vom Geist eines unglücklich Verstorbenen entstand, der vom Körper einer jungen Frau Besitz ergreift. Die starke Religiosität und die Mystik in einer Bildsprache, die sich an den deutschen Expressionismus anlehnt, faszinieren bis heute.

Nach dem Krieg gab es wenige, vergebliche Versuche, das polnisch-jüdische Kino neu zu beleben. Etwas erfolgreicher waren die Bemühungen, die einst so reiche Kultur der jiddischen Bühne vor dem Untergang zu bewahren, mit dem staatlich geförderten Jiddischen Theater in Warschau. Einige seiner Protagonisten sind auch als Filmschauspieler zu sehen, etwa in dem 1983 entstandenen Spielfilm „Austeria“ des legendären Regisseurs Jerzy Kawalerowicz (1922-2007).

Der Film spielt in den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs in Galizien, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. In einer Schenke suchen Flüchtlinge Schutz vor den heranrückenden Kosaken. Bald erhalten sie Gesellschaft von einer Gruppe chassidischer Juden, gefolgt von einer österreichischen Baronesse und einem ungarischen Husaren, dem seine Einheit abhanden gekommen ist. Auf engem Raum treffen so verschiedene Lebenswelten aufeinander. Die Musik zu diesem Film stammt von dem 1918 geborenen Komponisten Leopold Kozlowski, der vor einigen Jahren seinerseits in einem Film als als „Letzter Klezmer“ gewürdigt wurde.

Individuelle und kollektive Erinnerung

Zu den Meisterwerken nicht nur der polnischen Filmkunst zählt sicher „Das Sanatorium zur Todesanzeige“. 1973 setzte Wojciech Has Szenen aus dem gleichnamigen Erzählband von Bruno Schulz in surreale Bilder um. Das Sanatorium, das hier besucht wird, erweist sich aus Labyrinth aus Raum und Zeit. Es geht um den Unterschied zwischen individueller und kollektiver Erinnerung, um die Wahrnehmung des Todes, wobei der Holocaust, dem auch der Dichter Schulz zum Opfer fiel, nur unterschwellig erwähnt wird, aber immer im Bewusstsein ist.

Den Fokus auf die Zeit der Vernichtung des polnischen Judentums richtet „Fotoamator“, Darius Jablonskis Doku aus dem Jahr 1998, die unter anderem den Grimme-Preis erhielt. Im Mittelpunkt stehen Bild-Dokumente, die in den 1980er-Jahren in einem Trödelladen auftauchten. Der Leiter der Finanzabteilung der deutschen Getto-Verwaltung in Lodz hatte in amtlichem Auftrag in den Jahren 1940 bis 1944 Hunderte Farbdias angefertigt. Im Film werden diese Bilder ergänzt durch die Erinnerungen von Arnold Mostowicz, der als Arzt im Getto arbeitete und zu den letzten überlebenden Zeugen zählte.

Jüdische Handwerker verrichteten Zwangsarbeit für die Ausrüstung der Wehrmacht. Eine Tätigkeit, welche die NS-Bürokratie zynisch als „Übergangslösung“ bis zur vollständigen Vernichtung bezeichnete. Auch zwei Dokumentarfilme von Pawel Lozinski befassen sich mit diesem Abschnitt der polnischen Geschichte, die für das Land immer noch eine offene Wunde ist. In „Geburtsort“ (1992), neben „Bestandsaufnahme“ (2010) zu sehen, bekommen die Menschen eines polnischen Städtchens Besuch aus der Vergangenheit in Gestalt eines früheren jüdischen Bewohners.

Die wahre Familiengeschichte

Der jüngste Film der Kino-Reihe, das polnisch-dänische Roadmovie „Ida“ von Pawel Pawlikowski, entstand 2013, spielt aber in den 1960er-Jahren. Eine junge Novizin, die im Waisenhaus aufwuchs, wird, bevor sie ihr Gelübde als Nonne ablegt, von ihrer Tante mit der Vergangenheit konfrontiert. Die Tante hat direkt nach dem Krieg als unerbittliche Richterin gewirkt. Nun verrät sie der Nichte ein Familiengeheimnis: Anna ist gebürtige Jüdin, Vater und Mutter fielen der Schoa zum Opfer. Auf der Suche nach dem Grab begeben sich Nichte und Tante beide Frauen auf eine Reise durch Polen – und zugleich durch ein Spannungsfeld zwischen Sozialismus, Katholizismus und Antisemitismus. „Ida“ erhielt Hauptpreise auf internationalen Festivals und war in Frankreich ein Publikumserfolg.

Zeughaus Kino, 6.-9. September