Workshop

Wie wir glauben und wie wir unsere Feste feiern

Die Jüdischen Kulturtage bieten wieder ein Programm von Kindern für Kinder. Junge Besucher können so in der Synagoge Joachimstaler Straße viel über jüdisches Leben erfahren.

Foto: Christian Kielmann

Warum müssen jüdische Männer so eine komische Mützen tragen, wenn sie in ihr Gotteshaus gehen? Warum sitzen Männer und Frauen in der Synagoge getrennt? Und was ist eigentlich eine Thorarolle? Fragen, auf die sich Daniela, Rita, Laura, Michelle, Isabell und Mary gut vorbereitet haben. Denn die Mädchen bieten im Rahmen der Jüdischen Kulturtage einen Workshop für Kinder an. „Ich finde es wichtig, unseren Glauben zu erklären. Nur wenn man etwas versteht, kann daraus auch Frieden entstehen“, meint die 14-jährige Isabell.

Die Mädchen gehören zum Jugendzentrum „Olam“ an der Joachimstaler Straße, dass am 5. und 12. September die Workshops für Acht- bis 13-Jährige anbietet. „Wir wollen den Kindern unsere Synagoge zeigen und alle Fragen beantworten“, erklärt Mary die Idee. Die Mädchen sind voller Begeisterung bei der Sache. Sie gehen regelmäßig ins Jugendzentrum, um sich zu treffen, gemeinsam „abzuhängen“ über Sorgen und Erlebnisse zu sprechen, aber auch um zusammen zu spielen und ganz nebenbei die eine oder andere Glaubensfrage erklärt zu bekommen. Auch gemeinsame Ferienreisen für die Gemeindekinder werden angeboten. So waren die Workshop-Mädchen in den Sommerferien fast alle mit in Italien.

Arthur Poliakow ist einer der beiden Gruppenleiter, die für die 11- bis 13-Jährigen im „Olam“ zuständig sind. Der 19-jährige Chemiestudent ist Vertrauter, Respektperson, Anleiter – alles in einer Person. Was er sagt, machen die quirligen Mädchen – und himmeln ihn dabei an. Gemeinsam mit ihnen entwickelt er auch die Ideen für den Workshop.

Von orthodox bis liberal

So wird den jeweils 30 Gastkindern unter anderem die Synagoge gezeigt. 14 Synagogen gibt es in Berlin, die an der Joachimstaler Straße gehört zu den orthodoxen. Auch sie ist erst zu erkennen, wenn man das unscheinbare Vorderhaus und die Sicherheitsschleuse durchquert hat. Und an dem obligatorischen Polizisten, der vor allen jüdischen Einrichtungen steht...

Früher war das Gebäude eine jüdische Loge, dann eine Schule für jüdische Kinder und seit 1945 wird es als Synagoge genutzt. Zeitweise befanden sich dort auch weitere Einrichtungen der Gemeinde, heute noch das Jugendzentrum. „Männer und Frauen müssen aber in der Synagoge getrennt sitzen, damit sie sich nicht gegenseitig ablenken“, weiß die 13-jährige Mary. Und die 12-jährige Laura zeigt gleich, wie man die Schabbatkerzen anzündet und anschließend die ausgestreckten Hände in einer Kreisbewegung zu den Augen führt und diese bedeckt. Dann spricht sie den Segensspruch.

Die jüdischen Feiertage

Völlig unbefangen bewegen sich die Mädchen in dem jüdischen Gotteshaus, lachen, rennen, sprechen in normaler Lautstärke. „Die Synagoge ist kein sakrales Gebäude wie eine Kirche. Sie ist lebendig, wird auch für Versammlungen und Feste genutzt. Die Menschen singen und tanzen hier auch mal“, erklärt Nastia Pletoukhina, die Leiterin des Jugendzentrums. Nur eine Regel gibt es: Man muss angemessen gekleidet sein. Das heißt, Knie und Ellbogen sollten bedeckt sein, die Männer müssen eine Kippa tragen, als Zeichen der Bescheidenheit vor Gott.

Man merkt den Mädchen an: Sie fühlen sich wohl. Und sie bestätigen, sie lieben ihren Glauben – vor allem die Gemeinschaft und die Feste. Besonders Purim hat es ihnen angetan, ein Fest, das dem Fasching ähnelt mit Verkleidung und Spielen. Überhaupt die Feste. Die wollen die Mädchen den anderen Kindern auch erklären. Warum sie nicht Weihnachten feiern beispielsweise, sondern stattdessen Chanukka. Und das christliche Osterfest fällt in der Regel zeitlich in die Nähe des jüdischen Pessachfestes. Die höchsten Feiertage sind jedoch Rosch Ha-Schana, das jüdische Neujahrsfest, und Jom Kippur, der Versöhnungstag, der zehn Tage später begangen wird. Jom Kippur, ein Tag der Reue, Buße und Umkehr, wird mit strengem Fasten und einem ganzen Tag voller Gebete in der Synagoge eingeleitet. Auch Daniela fastet mit ihrer Familie gemeinsam, 25 Stunden lang. „Das gehört einfach dazu.“

Negative Erfahrungen in der Schule

Bei all ihrem Enthusiasmus, ihren Glauben auch anderen Kindern zu erklären, haben die Mädchen durchaus schon negative Erfahrungen machen müssen. Mary beispielsweise ging auf eine Grundschule, die auch viele arabischstämmige Kinder besuchten. „Die haben mich mal nach meinem Glauben gefragt. Und als ich es ihnen sagte, haben sie komisch geguckt und sind ohne ein Wort weggegangen“, erinnert sie sich, „aber mir ist das egal, die haben ihren Glauben, ich meinen.“ Inzwischen besucht die quirlige 13-Jährige das jüdische Gymnasium. Genauso wie Isabell, die schon einmal die Schule wechseln musste, weil sie wegen ihres Glaubens gemobbt wurde. Auch im Schwimmbad hatten die Mädchen bereits unschöne Erlebnisse – einfach nur, weil sie anhand von roten Bändchen an ihren Handgelenken als Juden identifiziert wurden. „Die Bändchen sind aus Jerusalem und werden an der Klagemauer verkauft. Sie sollen Wünsche erfüllen“, weiß Rita.

Wer mehr zu Bräuchen und Riten des jüdischen Glaubens erfahren möchte, ist am 5. und 12. September von 15 bis 17 Uhr in der Synagoge Joachimstaler Straße willkommen. Der Workshop „Komm, ich zeig’ dir was!“ richtet sich an Kinder zwischen acht und 13 Jahren. Gekrönt wird er durch das gemeinsame Backen einer traditionellen Challa, einem geflochtenen Hefezopf, der am Shabat und zu den jüdischen Feiertagen gegessen wird. Der Eintritt ist frei, Anmeldungen unter 88028-123 oder per email an michele@tichauer.de

Foto: Christian Kielmann