Holocaust

Gisi Fleischmann: „Ich bleibe, um zu helfen“

Sie half Juden aus ganz Europa, sich selbst konnte sie nicht retten. Nun erinnert eine Ausstellung im Cetrum Judaicum an die slowakische Widerstandskämpferin Gisi Fleischmann.

Foto: Robert Kalb / picture alliance / Robert Kalb

Simon Wiesenthal schrieb einmal, ginge es um den selbstlosen Einsatz zur Rettung verfolgter Juden, müsse man Gisi Fleischmann in einem Atemzug mit Persönlichkeiten wie Raoul Wallenberg nennen. Anders als der schwedische Diplomat geriet die jüdische Aktivistin aus Bratislava in Vergessenheit. Erstmals erinnert nun im Rahmen der Jüdischen Kulturtage eine Ausstellung des Slowakischen Instituts im Centrum Judaicum mit vielen bislang unbekannten Dokumenten an die Frauenrechtlerin und Widerstandskämpferin.

Gisela Fischer, so ihr Mädchenname, wurde 1894 in eine orthodoxe jüdische Familie geboren. Die Eltern betrieben im damaligen Preßburg ein Hotel und Restaurant. 1915 heiratete sie den Kaufmann Josef Fleischmann. Schon als junge Frau begeisterte sich Gisi für die Idee des Zionismus. Sie wurde eine führende Funktionärin der zionistischen Frauenbewegung in der Slowakei. Ab 1933 gelangten in die Slowakei, die damals noch zur Tschechoslowakei gehörte, immer mehr jüdische Flüchtlinge aus Hitler-Deutschland. Vielen von ihnen unterstützte Gisi Fleischmann als Mitglied des Zentralkomitees der Juden in Bratislava bei der Auswanderung nach Palästina.

Bratislava wollte sie nicht verlassen

Im März 1939 riefen slowakische Nationalisten einen unabhängigen Staat aus, dessen autoritäre Regierung eng mit Deutschland zusammenarbeitete und bald Gesetze gegen die jüdische Bevölkerung erließ. Gisi Fleischmann leitete das Auswanderungsreferat der jüdischen Gemeinde. In dieser Funktion hielt sie sich im September 1939 in London auf, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Sie kehrte trotzdem nach Hause zurück, um bei der Familie zu sein. Beide Töchter schickte sie nach Palästina, sie jedoch wollte Bratislava nicht verlassen. „Ich bleibe, um zu helfen“, soll sie gesagt haben.

Für dieses Ziel ging Gisi Fleischmann ungewöhnliche Koalitionen ein. Gemeinsam mit Dov Weissmandel, einem mit ihr verschwägerten ultra-orthodoxen Rabbiner, leitete die Zionistin eine geheime Rettungsorganisation, die Juden vor der Deportation bewahren sollte. Mit Geheimcodes wurde mit dem Zentrum der zionistischen „He-Halutz“ in Genf und mit Vertretern der Jewish Agency in Istanbul korrespondiert. In dem Netzwerk wurde Gisi Fleischmann zentrale Koordinatorin bei den Bemühungen, Menschen aus den von den Nazis besetzten Ländern die Flucht zu ermöglichen. Andererseits arbeitete in der offiziellen Judenzentrale der Slowakei, die gezwungen war, die Deportationen mit zu organisieren. Nachdem bereits 80.000 slowakische Juden deportiert worden waren, unterstützte Gisi Fleischmann die Verhandlungen, die noch in der Slowakei verbliebenen 20.000 Juden durch Geldzahlungen vor dem Transport in die Vernichtungslager zu bewahren. So konnten mehrere Hundert bereits verschleppte Kinder aus Polen zurückgeholt und in Sicherheit gebracht werden.

Erfolgloser Nationalaufstand

Teile der slowakischen Armee revoltierten im August 1944 gegen den Einmarsch der Wehrmacht und die slowakische Kollaborationsregierung. Der so genannte Slowakische Nationalaufstand wurde zwei Monate später niedergeschlagen. Im Zuge der damit verbundenen Razzien verhaftete man auch Gisi Fleischmann. Zunächst wurde sie ins Arbeitslager Sered und von dort, mit dem Gestapo-Vermerk „Rückkehr unerwünscht“, nach Auschwitz gebracht, wo man sie direkt nach Ankunft am 18. Oktober 1944 ermordete.

Centrum Judaicum 11. September bis 16. November.

Foto: Botschaft der Slowakei