Literatur

Ferdinand von Schirach und die komplexe Welt

Der Mann ist produktiv: Ferdinand von Schirach hat ein neues Buch veröffentlicht. Es erscheint am Montag. Ein Gespräch über seine Berufe, die heutige Rechtsprechung und den überforderten Menschen.

Foto: Amin Akhtar

In einem Essay schreibt Ferdinand von Schirach über seinen Großvater. Baldur von Schirach war Gauleiter in Wien, verantwortete die Deportation der Juden aus der Stadt und wurde in den Nürnberger Prozessen verurteilt. Ferdinand von Schirach berichtet, dass er auf seinem Grabstein habe schreiben lassen „Ich war einer von euch“. „Ein entsetzlicher Satz“, fügt Ferdinand von Schirach hinzu. In seinem Essayband „Die Würde ist antastbar“ (Piper 16,99 Euro), das am Montag erscheint, lesen wir, dass er sich hier das erste Mal über ihn äußere, „und es wird das letzte Mal sein“. Und reden will er bei unserem Treffen über seinen Großvater schon gar nicht. Dafür hat der Anwalt und Autor mit Millionenauflage eine klare Haltung, wenn es um Rechtssprechung, den Ruhm der Autoren und das Leben im Smartphone-Alter geht.

Berliner Morgenpost Herr von Schirach, Sie arbeiten nur noch selten als Anwalt. Vermissen Sie das?

Ferdinand von Schirach Ich gehe jetzt seltener in die Kanzlei und trete zur Zeit in keiner Hauptverhandlung mehr auf, das stimmt. Aber ich bleibe Anwalt und werde es sicher irgendwann wieder machen. Das ist doch das Interessante heute: Anders als unser Eltern können wir verschiedene Berufe haben.

Was vermissen Sie konkret?

Den Kampf ums Recht, den Kampf David gegen Goliath.

Sie meinen doch nicht im Ernst, dass Sie der David sind?

Schon zahlenmäßig ist das so. In Berlin gibt es tausende Polizisten und die größte Staatsanwaltschaft in Deutschland. Im Gericht sitzen bis zu fünf Richter. Der Verteidiger steht allein, er kann keine Haftbefehle erlassen, keine Durchsuchungen anordnen, keine Telefone abhören. Er kann nur Anträge stellen.

Ein Staatsanwalt würde entgegen, dass Sie zu den hochbezahlten Anwälten gehören, ultramodern ausgerüstet, während er versucht, seinen 16-Bit-Rechner hochzufahren.

Meinen Sie, ein schnellerer Computer ändere etwas? Was mir nicht fehlt, ist die Verantwortung des Anwalts. Als Schriftsteller bin ich für eine Geschichte verantwortlich, als Anwalt für einen Menschen. Wenn ich als Verteidiger einen Fehler mache, bekommt mein Mandat eine höhere Strafe. Wenn mir eine Geschichte misslingt, ist es einfach nur eine schlechte Geschichte.

In Ihrem Buch haben Sie Philipp Roth zitiert, der einmal gesagt hat, er könne nur leben, wenn er schreibt. Nun hat er vergangenes Jahr gesagt, er höre auf mit Schreiben und in einem Interview hinzugefügt, das hätte er mal viel früher machen sollen.

Als ich das gelesen habe, musste ich auch lachen. Vielleicht fängt er wieder an zu schreiben. Simenon wollte auch aufhören, verkündete das öffentlich und mit großer Geste. Er schrieb heimlich weiter. Das Schreiben ist ein Sog, manchmal wird es sogar rauschhaft. Auch wenn es zeitweilig furchtbar anstrengend ist.

Es ist ein einsamer Beruf.

Es geht auch nicht anders. Jede E-Mail, jede Verabredung, jedes Abendessen stört. Aber ich bin ganz gern allein, ich finde das angenehm.

Warum schreiben Sie? Geld? Ruhm?

Weil ich es gerne tue. Das mit dem Geld ist eine andere Frage. Ich sitze an einem Buch zwölf, fünfzehn Monate, ich schreibe jeden Tag, Satz für Satz für Satz. Neben dem Schriftsteller leben Buchhändler, Papierlieferanten, Drucker, Setzer, Handelsvertreter, die Angestellten des Verlages – vom Büroboten über die Lektoren bis zum Verleger - von den 17 Euro, die der Leser bezahlt. Wer ein Buch schreibt, um damit reich zu werden, ist naiv. Etwa fünf Prozent der Schriftsteller können von ihren Buchverkäufen wirklich leben. Und kaum mehr als zwanzig Schriftsteller in Deutschland verdienen mit ihren Büchern wirklich Geld. Und der Ruhm? Nein, es geht um etwas ganz anderes. Vor ein paar Wochen kam in einem Café eine Frau an meinen Tisch. Sie hatte ein Baby auf dem Arm und sagte, sie hätte ihren Sohn nach mir benannt hat, weil sie meine Bücher gerne liest. Das hat mich sehr berührt. Genau dafür schreibe ich.

In einem Essay haben Sie gut 200 Fragen hintereinandergestellt wie : „Was verbinden Sie mit den Begriffen ‚Libor‘ und ‚Eurobor‘? Oder: „Was halten Sie von der Rechtsform ESM?“ Was war Ihre Grundidee?

Wir scheinen unsere komplexe Welt nicht mehr verstehen zu können. Wir verstehen den Euro nicht, wir verstehen die Griechenland-Krise nicht, wir verstehen den Gaza-Streifen nicht. Wann haben Sie selbst denn den letzten Artikel über die Bankenkrise zu Ende gelesen? Das macht kaum jemand mehr, es ist einfach zu komplex.

Ist das nicht das Grundklagen des überforderten Menschen seit Beginn der Moderne?

Vielleicht haben Sie Recht. Ich war gerade in den USA. Dort sitzen Sie mit einem Literaturagenten und einem Schauspieler am Tisch, und jeder sieht während des Gesprächs auf sein Handy. Nach kurzer Zeit empfinden Sie das nicht mehr als unhöflich. Und es bringt ja auch wirklich etwas – Dinge können nachgeschlagen, Termine vereinbart werden usw. Es geht längst nicht mehr um E-Mails oder Facebook. Fotos von den Kindern Ihres Gesprächspartners werden gezeigt, Ausschnitte des Film, den der Schauspieler gerade gemacht hat. Niemand benutzt auch zum Beispiel mehr das Navigationssystem seines Wagen, es gibt längst viel bessere Apps. Im Flugzeug zurück nach Europa lese ich einen Text von Hans-Magnus Enzensberger. Er schrieb in der FAZ, dass wir die Mobiltelefon wegwerfen sollen. Ich kann ihn ein wenig verstehen, wir alle haben diese Sehnsucht nach Einfachheit. Wir glauben, wenn der Computer, das Handy wieder verschwinden würde, wäre alles so wie früher.

Was halten Sie von Enzenbergers Vorschlag?

Nichts. Es war früher weder besser noch einfacher. Es war nur anders.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch über die Sicherheitsverwahrung, die Sie nicht gutheißen. Ich habe beim Lesen den Verdacht bekommen, Sie verteidigen das Recht bedingungslos und lassen es an Pragmatismus vermissen.

Das Recht muss doch nicht pragmatisch sein. Im Gegenteil – es muss nach Prinzipien entscheiden, nicht pragmatisch nach Einzelfällen. Im übrigen habe ich mich nur gegen die nachträgliche Sicherungsverwahrung gewandt. Das ist etwas ganz anderes. Es ist vielleicht ein wenig kompliziert: Ein Mensch, der seine Strafe verbüßt hat, kann in einem Rechtsstaat nicht weiter bestraft werden. Genau das hat die Bundesrepublik aber jahrelang getan.

Sie schreiben über einen Drehtürgefangenen. Kaum ist er in Freiheit, schon begeht er die nächste Straftat. Und trotzdem sind Sie gegen die Sicherheitsverwahrung.

Noch einmal: Ich bin überhaupt nicht gegen die Sicherungsverwahrung, das wäre ja auch Unsinn. Es ist doch gar keine Frage, dass sich die Gesellschaft vor gefährlichen Menschen schützen muss. Die Frage ist nur, wie wir das tun.

Er bleibt aber dennoch gefährlich.

Natürlich. Aber ein Mensch, der seine Strafe verbüßt hat, muss im Prinzip so leben können, wie Sie das tun. Seine Schuld ist ja getilgt. Das ist das Prinzip in einem Rechtsstaat. Trotzdem haben wir ihn nach der Strafe praktisch in der gleichen Zelle gelassen, wir haben nur einen Zettel davor gehangen, wonach er jetzt kein Gefangener mehr ist, sondern ein Sicherungsverwahrter. Das geht natürlich nicht. Wir müssen einen anderen, humaneren Weg finden. Der Staat hat die Verantwortung für die Menschen, die er einsperren muss.

Und wie soll das funktionieren?

Wie solche Anstalten konkret aussehen, kann ich Ihnen nicht sagen. Auf keinen Fall dürfen sie jedoch wie ein Gefängnis Strafcharakter haben. Nichts anderes sagte im Grunde genommen das Europäische Gericht für Menschenrechte.

Wenn wir nach dem Einzelfall entscheiden würden, wäre das dann die amerikanische Rechtssprechung?

Die Grundlage des Rechts in den USA ist der Utilitarismus. Sehr grob heißt das, richtig – und gerecht – ist, was der Mehrheit nutzt. Ein Beispiel: Wenn man zwei Menschen opfert muss, damit aber 20 Menschen retten kann, dann ist es richtig, so zu handeln. Das geringere Übel zu wählen, ist meistens ein vernünftiges Prinzip. Aber es kann auch sehr schwierig werden. Stellen Sie sich vor, ein Schiff kentert und in dem Rettungsboot ist nur Platz für zehn Menschen. Ein Matrose wirft 40 Überlebende ins Wasser, um Zehn zu retten. Ist das nun richtig oder falsch? Einem Gericht in den USA wurde dieser Fall vorgelegt. Es entschied, der Matrose habe richtig gehandelt.

Als Nicht-Jurist denkt man sich, wie so häufig: Gott sei Dank musste ich das nicht entscheiden.

Sie haben Recht, hoffentlich kommen wir nie in eine solche Situation. Aber die Frage bleibt: Entscheiden wir pragmatisch nach dem Einzelfall, oder entscheide wir nach einem Prinzip. Das Prinzip unserer Verfassung steht in Artikel 1, die Würde des Menschen ist unantastbar. Das bedeutet, Leben darf nicht gegen Leben abgewogen werden.

Und was machen wir jetzt mit dem Matrosen?

Unsere Gerichte würden ihn vermutlich verurteilen.