Ausstellung

Herta Müller und viel Glamour in Kurtchens Gutshof

Herta Müller zeigt ihre eigenwilligen Collagen im Mühlenhaupt-Museum. Der Regisseur und Mühlenhaupt-Fan Andreas Dresen hat kuratiert und hält die Eröffnungsrede. Ein Besuch in Bergsdorf.

Foto: DAVIDS/Darmer / DAVIDS

Neben einem Zitronenbäumchen raucht eine korpulente Frau im grob getupften Sommerkleid. Es könnte ein Mühlenhaupt-Bild sein, aber es ist die Realität. Genau wie die tropische Hitze hier in der Mark Brandenburg Realität ist. Warmer, nein, heißer Kuhdungduft überlagert den Teergeruch der Zigarette. Die Schäfchen Coco und Chanel weiden auf der Wiese. „Viva Las Vegas“ spielt ein Straßenmusiker im Hof dazu – und es passt.

Andreas Dresen kuratiert

Denn in Bergsdorf auf dem Gutshof von Kurtchen, Gott habe ihn selig, und Hannelore Mühlenhaupt flirrt heute nicht nur die Sonne, es glitzert und glamourt richtig. Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller stellt ihre Wort-Collagen aus, direkt neben Kurtchens Bildern, und kuratiert wird das alles vom mehrfach Grimme-Preis gekrönten Regisseur Andreas Dresen. Welch seltener Glanz in der Feldsteinhütte.

Der Ausstellungsraum ist die Scheune. Müllers Klebekunst hängt neben Mühlenhaupts Bildern wie „Zusammen alt werden“ – ein Paar eng umschlungen in ganz dicker Ölmalerei. Mühlenhaupt war schon fast blind, als er es malte, seine Hannelore sagt, er musste es erfühlen. Müller hat ihre Worte aus Prospekten ausgeschnitten, aufgeklebt auf Karton, wie sehr ordentliche Erpresserbriefe: „Das Gedächtnis ist seltsam manches ist weg manches ist gestochen scharf wie feine Zähne beim Kamm.“

Die Wortneuschöpferin, die Verkomplizierte und der einfache Maler. Eigentlich ist das ein Mashup, eine Verknüpfung wie aus Schlager und Jazz. Ein Bastard in Bergsdorf, dessen Eltern doch ein gemeinsames Reizthema hatten: sozialistische Diktaturen. Mühlenhaupts DDR-Kohlezeichnung „Der Gesinnungswandel“ hängt neben Müllers Wortschnipseln zum Ceaușescu-Regime. „Das Dunkelfeld über der Stadt ist die Saat von schwarzen Melonen sämtliche Sterne sind ihre Kerne sowie ihre Blätter unserer Betten und der es weiter sagt geht leider Hops wegen Geheimnisverrat.“ Geklebt liest sich die Nobelpreisträgerin ein bisschen lyrisch, ein bisschen märchenhaft, ein bisschen kitschig. Und bei „Hops“ da lacht man dann ein bisschen auf. Oh, ein Bruch. Oh, Kunst, die lustig sein soll. Und oh, das Mashup harmoniert. Viva Las Vegas. Und dann stoppt die Musik.

Hannelore Mühlenhaupt geleitet die Nobelpreisträgerin vorbei an Rotkäppchen-Sekt und Wurst auf dem Hof. Herta Müller ist ganz zierlich, ganz hektisch und geht wie immer ganz in schwarz. Nur ihre Zehennägel sind blau, dunkelblau, ja, blutergussblau. Natürlich sind sie so lackiert, aber doch sehen sie so aus, als sei ihr jemand gehörig auf den Fuß getreten. Nun, da wäre eben gerade diese Stadt, Berlin, Müllers Wahlheimat, die ohne, dass sie sie darum gebeten hat, diskutiert, ob sie, die Autorin, denn nun der Ehrenbürgerwürde würdig sei oder nicht. Aber wegen all dieser Unannehmlichkeiten ist sie mit ihrer Klebekunst doch nicht nach Brandenburg geflüchtet oder doch?

Andreas Dresen ist zum ersten Mal Kurator. In hellgrauer Cordhose und weißem Hemd schlendert er lässig und gebräunt durch die Ausstellung. „Ja, Kurt Mühlenhaupt lebt weiter“, sagt er . Der Legende nach in einem Zug geboren, ist Mühlenhaupt an der Berliner Hochschule der Künste wahnsinnig geworden, nach seiner Exmatrikulation hat er dann als Tierzüchter und Trödelhändler gearbeitet, bis er nach Kreuzberg zog und begann, seine Nachbarn zu malen. Menschen ohne Schnickschnack, gemalt ohne Schnicknack. Der Autodidakt, ohne Ausdeutung. Naive Kunst. Mühlenhaupt verstarb 2006.

Und dann stehen sie sich gegenüber, die kleine, schwarz gekleidete Müller und der große, weiße Dresen. Er fragt sie, wie sie das denn macht, wenn das eine Woche dauert, bis so eine Collage fertig ist und die Wörter lose auf dem Tisch liegen – lüftet sie dann nicht? Kommt dann nicht der Wind? Nein, nein, sagt Müller, bei ihr, da zieht es nicht. Was Dresen nicht weiß, Herta Müller hat das Ausschneiden und Kleben perfektioniert. Zuhause in Friedenau hat sie einen Schrank mit 26 Schubladen.

Und Herta Müller, wie kam die nun nach Bergsdorf? Mit den Händen macht sie Gesten, als sei ihr Gegenüber eine Fliege. „Meine Kunst spricht doch für sich“, sagt sie empört. „Und hier hängen doch auch noch die Bilder von Kurt Mühlenhaupt, die, glaube ich, sehr schön sind.“

Henri Matisse fing das Ausschneiden und Kleben im Alter an, als er nicht mehr so gut malen konnte. Herta Müller fing das Kleben an, weil ihr, als sie vor etwas mehr als 20 Jahren aus Rumänien nach Deutschland kam, keine der hier feil gebotenen Postkarten gefiel. Also kaufte sie sich Karteikarten und beklebte sie. Mit Wörtern. Anfangs sammelte sie die Wörter noch auf einem Hackbrett, jetzt klebt sie auf einem großen Tisch.

Ein Esel störte Herta Müller

Die zierliche Müller springt einen katzenhaften Hops nach hinten. Die Ehrenbürgerfrage! „Darüber rede ich nicht. Das ist Sommertheater. Das läuft neben mir ab, aber nicht mit mir.“ Ja, Berlin ist ihr auf die Füße getreten. Aber auch ihre besondere Verbindung zu Bergsdorf besteht, weil sie hier einst jemand brüskiert hat. Alles trug sich vor ein paar Jahren zu. Herta Müller hatte in der Scheune aus ihrer „Atemschaukel“ gelesen und saß sie bereits am Herta-Müller-Tisch, um ihre Bücher zu signieren. Plötzlich ließ das Publikum sie einfach sitzen – für einen Esel, der hatte plötzlich gefohlt. Und die Geburt, die war halt spannender als das Signieren. Inzwischen ist das Schau stehlende Eselchen grau und kräftig, und die Müller, die ist wieder hier.

Warum noch einmal? „Na warum denn nicht? Auf dem Dorf sind die Menschen auch nicht dümmer als in der Stadt“, sagt sie. Und es blitzt ein bisschen aus ihren Augen. Da war er, der Seitenhieb auf die Stadt, die ihr auf die Füße trat.

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