Literatur

Elisabeth Ruge - Der Neustart einer Wohlgesinnten

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Alexander Schimmelbusch

Foto: Markus WŠchter / Waechter / Markus Wächter

Sie hat den Berlin Verlag und Hanser Berlin geleitet. Dann hat sie die Seiten gewechselt und ist unter die Literaturagenten gegangen. Ein erste Zwischenbilanz nach einem halben Jahr.

Als Elisabeth Ruge noch Chefin des Berlin Verlages war, gab sie in jedem Jahr zur Frankfurter Buchmesse eine große Cocktailparty im Frankfurter Hof. Da man sich auf diese, auch wenn man mit Ruge gar nicht bekannt war, ohne Probleme einschleichen konnte, begegnete die Verlegerin einem in diesen Jahren als die eloquente Dame, deren schöner Ansprache man in jedem Oktober lauschte, bevor sie einem dann einen Abend lang netterweise den Riesling finanzierte.

Und sie begegnete einem natürlich im Geist des Programms, das ihr Verlag veröffentlichte, in „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell zum Beispiel, für dessen deutsche Rechte der Berlin Verlag unter Ruges Ägide das Bietergefecht gewann: Um das Epos über den amoralisch-höflichen SS-Schergen Max Aue entwickelte sich unter ihrer Marketing-Regie eine so umfassende, kontroverse und polarisierte Debatte, wie man sie jedem Buch nur wünschen kann.

Nach einer Auseinandersetzung über programmatische Autonomie mit dem damaligen Mutterkonzern des Verlages wechselte Ruge Ende 2011 zu Hanser, wo sie mit dem scheidenden Patriarchen Michael Krüger den Hanser Berlin Verlag aus der Taufe hob – ein edles kleines Haus mit konzentriertem Programm, das mit Philippe Pozzo di Borgos „Ziemlich beste Freunde“ gleich zu Beginn mit einem Bestseller aufwarten konnte. Die profiliertesten Autoren des Berlin Verlages waren Ruge zu Hanser gefolgt, sodass man als Beobachter ganz selbstverständlich davon ausging, dass sie als die Nachfolgerin Krügers an der Spitze des Münchener Mutterhauses gesetzt war.

Wie eine Fabriketage in New York

Zumindest bis zu einem ominösen Interview, in dem der alte Herr noch vor Ruges Amtsantritt verlauten ließ, Ruge werde „hundertprozentig nicht“ seine Nachfolgerin, da müsse ein ganz anderer Typus her, so eine Position könne man ihr gar nicht zumuten, außerdem habe sie ja zwei Kinder – eine Aussage, die auf alle Unter-70-Jährigen im Buchbetrieb so wirkte, als käme sie direkt aus den 50er-Jahren. Ende 2012 wurde dann Dumont-Verleger Jo Lendle zum Nachfolger Krügers ernannt, und im Frühjahr 2013 kündigte Elisabeth Ruge ihren Rückzug von der Spitze der Berliner Tochter an, „aus persönlichen Gründen“, wie es in ihrer Pressemitteilung hieß. Was war geschehen? Ruge selbst bleibt hier im Gespräch diplomatisch, sie erzählt von einer aufgeheizten Situation, in die sie bei Hanser hineinkam, und die weniger mit ihr zu tun hatte als mit dem Abschied Krügers, der den Verlag in einen ungeheuren Aufruhr versetzte.

Seit Anfang des Jahres arbeitet Ruge nun als Agentin, direkt am Hackeschen Markt hat sie mit ihrer Agentur in einem lichten Hof ein karges Loft bezogen. Ihr Büro ist im Hochparterre, ihre Mitarbeiter sitzen im Souterrain, „in einem sehr schönen und hellen Raum“, wie Ruge versichert, „der eher an so eine Fabriketage in New York erinnert“. Die Assoziation passt zu Ruge, die in Amerika aufwuchs, später in Harvard den legendären „Radcliffe Publishing Course“ absolvierte und in New York dann „so eine Art Praktikum“ bei der Literaturagentin Elaine Markson machte, die damals gerade Salman Rushdies Weltbestseller „Mitternachtskinder“ vermittelt hatte.

Sie habe sich also schon früh für das Agentengeschäft interessiert, erzählt Ruge, aus ihrer Zeit bei Markson stamme zum Beispiel auch ihre Freundschaft mit der New Yorker Agentin Mary Evans, für deren Klienten sie nun im deutschsprachigen Markt als Subagentin agiere.

Manche Leute hätten ihren Wechsel ins Agentenfach als Verrat empfunden

Im Grunde mache sie nun das weiter, was für sie immer der Kern gewesen sei, nämlich mit Autoren zu arbeiten. Darauf hätte sie nicht verzichten wollen, sagt Ruge. Was immer wieder vergessen werde, gerade auf Verlagsseite, sei die Tatsache, dass gute Agenten Verbündete der Verlage seien und nicht einfach Leute, die einen möglichst hohen Vorschuss aushandeln wollten. Es gebe ja so ein Agenten-Bashing im deutschen Verlagswesen, was möglicherweise damit zusammenhänge, dass dieses Berufsbild hier noch nicht lange etabliert sei. Manche Leute hätten ihren Wechsel ins Agentenfach dann auch als Verrat empfunden, einige hätten gesagt: Jetzt bist du zur anderen Seite übergelaufen. Dies sei albern. Es sei vielmehr so, dass Agenten nach dem Ende der Ära lebenslanger Verlagszugehörigkeiten zunehmend zur zentralen Konstante im Berufsleben von Schriftstellern geworden seien: „Es gibt immer mehr Autoren“, so Ruge, „die auf die Frage nach ihrer literarischen Heimat antworten: Die ist bei meinem Agenten oder bei meiner Agentin.“

Ein Faible für seltsame Bücher

Sie habe im Übrigen nicht vor, den Kollegen in anderen Agenturen, mit denen sie zum Teil befreundet sei oder zusammenarbeite, die Autoren abzuluchsen. Sie freue sich vielmehr darauf, mit ihren Mitarbeitern etwas Eigenes aufzubauen. Es sind mittlerweile derer drei: Zuletzt hat Ruge die langjährige Hanser-Lektorin und frühere Programmleiterin bei Metrolit Bärbel Brands an Bord geholt – der Einsatz einer erfahrenen Lektorin als Agentin erscheint als weiterer Beleg für Ruges durchaus verlegerische Herangehensweise an das Agentengeschäft. Der Übergang sei ihr wirklich schwer gefallen, gesteht Ruge, sie liebe den Beruf des Verlegers, dies werde auch so bleiben.

Elisabeth Ruge wagt sich nun auf einen wachsenden, aber umkämpften Markt, auf dem sie sich insbesondere im Bereich der ernsthaften Literatur starken und lang etablierten Konkurrenten gegenüber sieht, Karin Graf zum Beispiel, Matthias Landwehr und Petra Eggers, mit der Ruge wiederum seit langem befreundet ist. Die beiden arbeiteten als Lektorinnen beim S. Fischer Verlag und später auch beim Berlin Verlag zusammen.

Als Agentin möchte sich Ruge ganz explizit auch dem „Merkwürdigen“ widmen. Sie beobachte, „um es mal überspitzt zu formulieren, eine gewisse Standardisierung in den Verlagsprogrammen“, eine Art Konvergenz zum Mainstream, die immer weniger Platz für Eigenwilliges lasse. Obwohl sie es im Zuge ihrer ersten Karriere als Verlegerin in beeindruckender Frequenz vermocht hat, literarische Bestsellererfolge zu produzieren, bekennt Ruge ein großes Faible für „schwierige, seltsame Bücher“ – was vielleicht gar kein Widerspruch ist, sondern im durchkategorisierten zeitgenössischen Buchmarkt eher eine Art antizyklisches Erfolgsgeheimnis.