Zitadelle Spandau

Wie Robert Plant die Kraft der Musik neu auslotet

Robert Plant hat den Sound von Led Zeppelin geprägt. Doch für ihn gibt es kein zurück. Mit The Sensational Space Shifters war nun in Berlin ein Musiker zu erleben, der sich immer wieder neu erfindet.

Foto: Stefan Hoederath / Redferns via Getty Images

Da hat einer mit seiner Vergangenheit abgeschlossen. Robert Plant, der Sänger mit der so bluesgegerbten wie rockhysterischen Stimme, hat einst den Sound von Led Zeppelin geprägt. Doch auch mit 65 Jahren hat er sich längst noch nicht damit abgefunden, im Gestern leben zu müssen. Einer Led Zeppelin-Reunion erteilt er mit schöner Regelmäßigkeit eine Abfuhr. Er ist immer noch neugierig. Er ist immer noch auf der Suche. Er ist einer, der immer neue Musiker um sich schart und sich in immer neuen Projekten ausprobiert.

The Sensational Space Shifters heißt seine aktuelle Band, mit der er nun die Kraft der Musik auslotet. Am Mittwochabend konnte man in der mit geschätzt mehr als 5000 Besuchern bestens gefüllten Zitadelle in Spandau erleben, wie ein Musiker immer wieder bis an die Grenzen geht, um sich neu zu erfinden und dennoch sein Vermächtnis in Ehren hält. Er vergisst seine Wurzeln im amerikanischen Blues ebenso wenig wie seine Faszination an nordafrikanischen Grooves. Er verbindet angloamerikanischen Folk mit treibendem Rock ’n‘ Roll und kreiert eine Musik, die stilistische Grenzen ganz einfach nicht gelten lässt.

Mit Loops und Elektrobeats

Er hat musikalische Komplizen um sich vereint, die seine weltmusikalische Weitsicht zu grundieren verstehen. Die Sensational Space Shifters vermengen mit spielerischer Leichtigkeit afrikanische Rhythmen, elektronische Beats und den Blues vom Mississippi zu einem höchst zeitgenössischen und doch der Tradition verhafteten Sound. Keyboarder John Baggott und Bassist Billy Fuller gehörten einst zur Tourband von Massive Attack, entsprechend möbeln sie den Sound mit pulsierenden Loops und Elektrobeats auf, angetrieben von Schlagzeuger Dave Smith.

Der nordafrikanische Multiinstrumentalist Juldeh Camara wiederum veredelt die Stücke mit seiner einsaitigen afrikanischen Geige und anderen traditionellen Saiteninstrumenten und die beiden Gitarristen, der langbärtige Skin Tyson und der rockversierte Justin Adams, sorgen für den nötigen Druck. Es gibt brandneue Stücke wie „Turn It Up“ oder „Rainbow“ vom aktuellen, erst im September erscheinenden Album „Lullaby and... The Ceaseless Roar“, Bluesklassiker wie Howlin‘ Wolfs „Spoonful“ und auch Led-Zeppelin-Stücke, die in neuen, außergewöhnlichen Arrangements neue Größe gewinnen.

Plant macht es Led-Zeppelin-Fans schwer

Die Band liefert einen modernen, zeitgemäßen Blick auf die Klassiker, das Publikum indessen zählt mehrheitlich zu Led-Zeppelin-Weggefährten. Graue Mähnen, Led-Zep-T-Shirts über wohlgeformten Bäuchen, Ehepaare auf der Suche nach Erinnerung. Robert Plant macht es ihnen nicht einfach. Klar spielt er auch etliche frühe Hits, doch es dauert eine ganze Weile, bis man beispielsweise einen Zeppelin-Klassiker wie „Black Dog“ erkennt, der zunächst sehr getragen daherkommt und von Juldeh Camaras Geige von Mali nach Memphis getragen wird.

Zu einem Höhepunkt des gut eineinhalbstündigen Konzerts zählt das hippieske „Going to California“, bei dem Plant nur von Tyson an der Akustikgitarre und Adams an der Mandoline begleitet wird. Und der Joan-Baez-Song „Babe, I’m Gonna Leave You“ kommt nun in einer schwindelerregenden Mixtur aus Folksong und Rockbrecher daher. Robert Plant hat sich schon früh mit der Frage auseinander gesetzt, wie alt ein Rockstar werden kann, ohne auf der Bühne irgendwann nur noch komisch zu wirken. Er hat seinen Weg gefunden. Er sieht eben aus wie ein 65-jähriger Rocksänger aussieht, steht lässig in Jeans und blauem Hemd an der Rampe und hantiert versiert mit dem Mikrofonstativ. Die alten Routinen sind keineswegs vergessen.

„Was war da bloß mit England los?“

Der Fußballfan kann sich natürlich auch Bemerkungen zur WM nicht verkneifen. „Football“ ruft er einmal unvermittelt in die Menge. Und: „Einer musste ja gewinnen. Was war da bloß mit England los?“ Nach dem emotionsgeladen arrangierten Bukka-White-Cover „Fixin‘ To Die“ setzten die Sensational Space Shifters ein Medley ans Ende, in dem sich Etta James‘ „I Just Wanna Make Love To You“, Bo Diddleys „Who Do You Love“ und Led Zeppelins „Whole Lotta Love“ auf wunderbare Weise vereinen. Als das geliebte Riff in voller Lautstärke über das Gelände donnert, ist der Zugabenjubel groß.

Und Zugaben gibt’s natürlich. Nach einem bewegenden „Nobody’s Fault But Mine“ von Blind Willie Johnson kündigt Robert Plant ein Stück an, das „die Argentinier geschrieben haben könnten“. Und macht mit Led Zeppelins „Communication Breakdown“ noch einmal mächtig Druck. Was für eine großartige Band. Was für aufregende Instrumentalisten. Hier fließt alles ein, was den Rock’n’Roll so unnachahmlich macht. Und nur ganz wenigen Led-Zeppelin-Fans steht ins Gesicht geschrieben, dass sie die Stücke doch lieber im altmodischen Original gehört hätten. Aber dafür ist Robert Plant glücklicherweise nicht zu haben. Der Applaus hallt noch lange durch das martialische Zitadellengemäuer.