Festival

„Foreign Affairs“ setzt auf Pappsoldaten & Erdbeer-Prosecco

Von der Lust am Umstrittenen: Das internationale Performance-Festival der Berliner Festspiele „Foreign Affairs“ bietet einen ganz eigenen Mix aus Erfolgsproduktionen und subversivem Polittheater.

Foto: CLEMENS BILAN / AFP

Über Jahrhunderte haben wir geraubt, gemordet, kolonialisiert und versklavt, damit wir jetzt hier unbehelligt über Kunst, Philosophie und Menschenrechte nachdenken können: Diese Botschaft schiebt einem der Choreograf Hofesh Shechter unter, während man noch seine virtuosen Tänzer bestaunt.

In stetig wechselnden Formationen fliegen sie über die Bühne. Exerzieren absolut synchron ein eklektizistisches Bewegungsvokabular, das Barocktanz mit Folklore verschneidet und die beckenzentrierte Gaga-Technik des israelischen Choreografen Ohad Naharin ebenso nutzt wie Techno-Moves und ein reißendes Schütteln, das die harmonischen Körperbilder stört.

Nach Shechters Ansage aus dem Off sieht man seine Choreografie „Sun“ mit anderen Augen: Hier hat sich eine hegemoniale Kultur die verschiedensten Einflüsse einverleibt, ohne sie unter Kontrolle zu haben. Banal fanden das manche Zuschauer, weil Shechter im Marschtakt tanzen lässt und seine Botschaft mit plakativer Theatralik über die Rampe bringt. Aber das macht seine Aussage nicht falsch – und „Sun“ zu einem Signaturstück der diesjährigen Ausgabe von Foreign Affairs, dem internationalen Performance-Festival der Berliner Festspiele.

Umstrittenes präsentiert dessen künstlerischer Leiter, Matthias von Hartz, immer gerne. Diverse Festivals hat der studierte Volkswirt und Theaterregisseur schon bestückt mit dem ihm eigenen Mix aus internationalen Erfolgsproduktionen und subversivem Polittheater. Unbehelligter Genuss gehört nicht zu seinem Programm, auch wenn die finanzierenden Botschaften bei der Foreign-Affairs-Eröffnung Erdbeer-Prosecco mit Eis reichten.

Ein Einblick in die Parallelwelt

Von Hartz interessieren Unterbrechungen der geltenden Ordnung – Theater während der Fußballweltmeisterschaft? – und Alternativen zum System. Diskursiv-Didaktischem widmet er den Festivalschwerpunkt „Empowerment“. In einer Lecture Performance verweben die Künstler-Aktivisten von Labofii das eigene politische Engagement mit der jüngeren Protestgeschichte: Für Labofii ein Innehalten im Kampf gegen das System. Für Mainstream-Besucher ein Einblick in die Parallelwelt, die das Leben nach dem Kapitalismus probt.

Dem Laientheater verschrieben hat sich das russische Künstlerkollektiv Chto Delat. Mit seinen Workshop-Teilnehmern diskutiert es in einem Lehrstück über Monumentalität, wer seinen sechs Meter hohen Pappsoldaten verbrannt haben mag, dessen Trümmer während der zwei Festivalwochen vor dem Haus der Berliner Festspiele lagen. Faschistischer Anschlag, Spaßhandlung oder PR-Coup der Festspiele? Man darf spekulieren.

Ebenfalls radikal, aber subtiler arbeitet der diesjährige Schwerpunktkünstler, Boris Charmatz. Konsequent hinterfragt der französische Choreograf die eigene Kunstform: Muss Tanz auf der Bühne stattfinden? Nein. Kann man Flüchtiges bewahren? Ja. Charmatz lädt mit „20 Dancers for the XX Century“ ans Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park. Von einer Station zur nächsten flanieren die Zuschauer, umringen die zwanzig Tänzer, die Ausschnitte aus Choreografien des 20. Jahrhunderts zeigen. Pina Bausch, Merce Cunningham oder Anna Pavlova begegnet man auf diesem Parcours; das monumentale Gelände verwandelt sich in ein temporäres Museum.

Einfach und komplex zugleich – mit Charmatz’ Arbeiten landet Matthias von Hartz einen Coup. Man wird sie in Erinnerung behalten, so wie Marta Górnickas chorische Anklagegesänge oder die real-fiktive Gerichtsverhandlung „Please, Continue (Hamlet)“. Auch ohne deutlich übermittelte Botschaft. Oder gerade deswegen.