Literatur

Die Dicken sind die wahren Freaks und Exoten der Gegenwart

Berühmt wurde Lionel Shriver durch ihren Roman „Wir müssen über Kevin reden“. Nun hat die Amerikanerin mit „Großer Bruder“ nachgelegt und beschäftigt sich mit unserer Körper-Obsession.

Foto: Toni Albir / dpa

Die Ankunft Edisons führt im Haus in Iowa zu gemischten Reaktionen. Fletcher zum Beispiel, Edisons Schwager, liegt nach dem ersten Abend „mit weit aufgerissenen Augen“ im Bett. „Er schien unter posttraumatischem Stress zu leiden, als hätte er eine Sprengladung unter dem Esstisch entdeckt.“ Auch Fletchers Frau, die Icherzählerin Pandora, ist von ihrem Bruder geschockt. Denn „am Telefon hat er nie fett geklungen“.

Nun, nachdem sie ihn vier Jahre nicht gesehen und ihn vom Flughafen abgeholt hat, spürt sie – nicht ohne schlechtes Gewissen – ihr Unbehagen bei der Vorstellung, ihn zu umarmen. Er ist 175 Kilogramm schwer und riecht nicht gut. Bei der Abfahrt im Auto ragen seine gewaltigen Oberschenkel so weit herüber, dass Pandora Schwierigkeiten hat, die Handbremse zu lösen.

Die Fetten sind einfach nur fett

Lionel Shriver ist mit „Großer Bruder“ ein schönes Kunststück gelungen. Die Renaissance des Körpers und des Körperkults war sicherlich eines der allgegenwärtigen Themen in den vergangenen Jahren. Lionel Shriver hat darüber einen dialektisch ausgefeilten Roman geschrieben. Ihr Personenpersonal geht mal mitleidend, mal abgebrüht, mal angeekelt die mannigfaltigen Positionen zu Ernährung, Figur und Gesundheitsbewusstsein durch. „Schlankheit kommt gleich nach Gottesfurcht“, schreibt die Autorin Lionel Shriver im „Guardian“ über die Körperfixiertheit in diesen Tagen. Wer speckig ist, hat sich nicht im Griff. Unter allen Süchten – Drogensucht, Alkoholismus, Magersucht, Sexsucht, Spielsucht, Nikotinsucht – hat die Fettsucht den erbärmlichsten Ruf. Alle anderen Abhängigkeiten rufen Anteilnahme, Fürsorge oder auch Bewunderung hervor, die Fetten sind einfach nur fett.

Aus den verbliebenen Fetten dieser Tage sind Freaks geworden – oder wer kennt noch mehr als zwei, drei übergewichtige Manager, Politiker, Würdenträger, Künstler? Durch ihr Exotentum sind sie ein dankbares Thema für die Literatur. In diesem Frühjahr beschrieb Joachim Lottmann in seinem Roman „Endlich Kokain“ mit routinierter Boshaftigkeit, wie ein übergewichtiger und soziopathischer Mann dank Drogen wieder in die Wiener Gesellschaft reintegriert wird – und mit Entsetzen an die Zeit zurückdenkt, als er noch mit seiner ebenfalls dicken Frau zusammenlebte: „Die Ofenrohrbeine, das Doppelkinn, die kleinen Augen, die fehlende Taille, der beleidigte Gesichtsausdruck, die lebenslange Humorlosigkeit, der Quartalshintern – wieso hatte er sie früher nicht so gesehen?“

Maischips, Schweineschwarten, Croissants, Kekse mit Cremefüllung, Pizzaschnecken

Lionel Shriver geht nicht ganz so rüde mit ihrem Personal um. Aber es wird sehr schnell sehr klar, dass Edison nicht wegen eines Drüsenproblems oder problematischer Gene so dick geworden ist: „Maischips, Schweineschwarten, Croissants, Kekse mit Cremefüllung, Pizzaschnecken, gefrorene Pommes, Cola und Kaffeegebäck“ bringt er nach einem Einkauf ins Haus. Lionel Shriver schreibt so viel übers Essen, dass man Angst hat, allein beim Lesen zuzunehmen.

Nach Iowa ist Edison gekommen, um einmal auszuspannen, wie er sagt, die Familienbande aufzufrischen, wie er auch sagt. Er ist weit gereister Jazzmusiker, ein ziemliches Großmaul, kein Sympathieträger, und man ahnt, dass es nicht nur die Sehnsucht nach seiner Schwester und den beiden Kindern war, die ihn nach Iowa zog. Zwei Monate will er bleiben, „eine Stippvisite war das nicht gerade“, wie Pandora leicht bang feststellt, „mir war nicht klar, wie wir diese Zeit überstehen sollten, ohne dass jedes Familienmitglied zwanzig Kilogramm zulegt“.

Ein „bankrotter, obdachloser, egoistischer Foodjunkie“

Edisons Antagonist ist Fletcher. Pandoras Mann ist das genaue Gegenteil: schlank, asketisch, diszipliniert. Oder wie Pandora es sagen würde: „Ein Ernäherungsnazi.“ Genau genommen, durchtrainiert wie er ist, ein attraktiver Ernährungsnazi. In seiner Freizeit fährt er Fahrrad, immer im Kampf mit sich selbst und um bessere Zeiten, Pandora ist von seinem moralischen Überlegenheitsgefühl genervt: „Das Übergewicht hat massive Folgen für Edisons Gesundheit. Aber es ist nichts Böses. Genauso wenig wie dein ständiges Training etwas Gutes ist. Letztlich ist es reine Zeitverschwendung, die niemandem außer dir etwas bringt.“

Womit sie einen Punkt hat. Allerdings liegt Fletcher auch nicht ganz falsch, wenn er bei seinem beeindruckenden Wutanfall Edison als „bankrotten, obdachlosen, egoistischen Foodjunkie“ bezeichnet, „der sich bei seiner dämlichen Schwester durchschnorrt und ihr Familienleben ruiniert“. Denn Pandora muss sich entscheiden, ob sie den Bruder seinem Schicksal überlassen sollte. Und das wäre sein sicherer Tod, oder wie es der Arzt mit der standesüblichen Kühle formuliert: „Ich kenne keine dicken Alten.“ Die Alternative ist, ihren Mann und dessen beide Kinder aus erster Ehe, die sie mit aufgezogen hat, zu verlassen. Edison ist ihr einziger Blutsverwandter und so befindet Pandora: „Familie ist vom Umtausch ausgeschlossen.“

Erlaubt sind nur dünne Proteindrinks

Also mieten sich Bruder und Schwester ein Appartement, wobei Pandora das ganze Unterfangen nicht nur selbstlos startet. Denn auch sie muss abnehmen, wobei die recht kleine Frau im Alter von 40 Jahren lange Zeit erfolgreich ihr Gewichtsproblem verniedlicht und verleugnet hatte. Bis zu dem Augenblick, als sie die Waage betritt: „Einem Menschenopfer gleich betrat ich das Podest. Anmutig schwang die Nadel aus und neigte sich erbarmungslos nach rechts: fünfundsiebzig Kilo. Meine Wangen brannten. Ich stieg von dem Podest herunter, als hätte ich mir die Füße verbrannt. Mein Verstand sagte mir, dass es keinen Grund gab, mir diese Zahl zu Herzen nehmen.“

Mit Edison eröffnet sie eine Diät-WG, erlaubt sind nur dünne Proteindrinks. Ein Jahr soll die Tortur dauern, schließlich müssen bei Edison 100 Kilo runter. Dieser stellt sich diesem Ziel mit etwas zu leichtem Herzen, hier wird der Roman unglaubwürdig, denn wer stark übergewichtig ist, hat in aller Regel ein generelles Problem mit dem Maßhalten. So wie auch bei Edison, der immer etwas Außergewöhnliches sein sollte: „Wenn die Leibesfülle meines Bruders das Symptom für ein tieferes Problem war, so signalisierte sie zugleich auch eine gewisse Eitelkeit. Er würde sich nicht mit einem kleinen Bäuchlein zufriedengeben. Dieselbe Größenordnung, in der er stets seinen Erfolg inszeniert hatte, würde auch sein Scheitern bestimmen.“

Lionel Shriver, Jahrgang 1957, Amerikanerin mit Wohnsitz in London, hat eine Cinderella-Geschichte hinter sich. Seit 1986 schrieb sie fleißig Romane, sechs an der Zahl, die von der Öffentlichkeit praktisch nicht wahrgenommen wurden. 2003 startete sie ihren allerletzten Versuch. Falls dieser erneut floppen sollte, würde sie das sein lassen mit dem Schreiben. Der Roman hieß „Wir müssen über Kevin reden“, wurde ein Bestseller und später mit Tilda Swinton verfilmt.

„Es tut uns gut, hungrig zu sein“

„Großer Bruder“ ist von der Tonalität und auch von der Thematik deutlich heiterer als die Distanz zwischen Mutter und Sohn und der Amoklauf des Kevin-Romans. Andererseits bekommt das literarisch ausgefeilte, mitreißende Buch eine düstere Note, wenn man weiß, dass Lionel Shrivers Bruder vor wenigen Jahren an den Folgen seines Übergewichtes gestorben ist. Die Autorin hat in Interviews betont, dass ihr Roman nicht autobiographisch sei. Und so sollte man es auch nehmen, will man ihn nicht auf ein Schicksalsbuch reduzieren.

Das Ende des Romans ist kein übliches Ende, aber mehr will man nicht verraten. Und doch kann man den angeblich „wichtigsten Satz“ des Buches ohne Schaden von der letzten Seite zitieren: „Es tut uns gut, hungrig zu sein.“ Oder wie Pandora sagt: „Als Jesus vierzig Tage in der Wüste war, hatte er auch keine Sandwiches dabei.“