Schauspielerin

Wie die „coole Sau“ Inge Meysel eine Gedenktafel bekam

Der neue Kulturstaatssekretär Tim Renner enthüllt eine Gedenktafel für die Berlinerin Inge Meysel in Schöneberg. Eine Windböe nimmt ihm dabei die Arbeit ab, was der Meysel wohl gut gefallen hätte.

Foto: Bernd Von Jutrczenka / dpa

Eigentlich sollte es die erste Gedenktafel-Enthüllung von Tim Renner sein. Schließlich war Inge Meysel eine „coole Sau“, erzählte der neue Kulturstaatssekretär mit Verweis auf seine persönliche Referentin, die ihm diesen Termin ans Herz gelegt hatte. Aber dann übernahm ein Windhauch die Arbeit. Tim Renner stand noch am Rednerpult vor dem Haus an der Schöneberger Heylstraße 29, als sich die Abdeckung löste und die Versammelten nicht mehr auf den Politiker, sondern die vorzeitig sichtbare Tafel schauten.

Renner ging gleich auf den vermeintlichen Fauxpas ein, vermutete, dass Inge Meysel das Gefallen hätte. Sie mochte keine Ehrungen, hatte auch das Bundesverdienstkreuz mit den Worten abgelehnt, dass es keinen Grund für eine Orden gebe, wenn man einfach „nur anständig war“.

Die 1910 in Berlin geborene Inge Meysel mischte sich gern ein, sie hatte eine Haltung – und vertrat die auch. Schon als Jugendliche in der Weimarer Republik engagierte sie sich für die Abschaffung der Todesstrafe und beteiligte sich auch später in der Bundesrepublik an Protesten gegen den Paragrafen 218, erzählte Renner. Die Schauspielerin unterstützte Willy Brandt im 72er-Wahlkampf und gehörte 1978 neben Alice Schwarzer und acht weiteren Frauen zu den Klägerinnen gegen die Illustrierte „Stern“ im sogenannten „Sexismus-Prozess“ – da war sie schon längst die „Mutter der Nation“, eine Bezeichnung, die sie nicht mochte.

Wahlhamburgerin mit Berliner Migrationshintergrund

Die „Wahlhamburgerin mit Berliner Migrationshintergrund“, das verbindet Renner mit Meysel, hatte immer eine Wohnung in Berlin, viele Jahrzehnte die an der Heylstraße. Dort soll sich ihr Vater, der jüdischen Glaubens war, vor den Nazis eine Zeit lang versteckt haben. Er überlebte. Seine Tochter hatte während des Nationalsozialismus als „Halbjüdin“ Auftrittsverbot.

Angela Marquardt zeigte bei der Gedenktafel-Enthüllung die kleine, bronzene „Dienstbotenglocke“ – Inge Meysel hatte sie ihr bei der Wohnungsauflösung geschenkt. Die beiden hatten sich Mitte der 90er-Jahre bei einer Fernsehtalkshow kennengelernt. Marquardt, mittlerweile in der SPD, war damals Politikerin der PDS mit Ostbiografie, sie habe die Meysel seinerzeit gar nicht gekannt. Sie wurde in der Talkshow verbal heftig attackiert. Inge Meysel machte ihr Mut, sie solle zu ihrer Meinung stehen, egal was die anderen dazu sagen. Der Beginn einer Freundschaft, die in einer gemeinsamen Hiddensee-Reise gipfelte, die die Schauspielerin hatte die Ostseeinsel zuletzt 1932 besucht, erzählte Marquardt, die als gebürtige Mecklenburgerin die Insel gut kannte.

Im Halbkreis stand das Publikum ums Pult, der Rahmen der Ehrung erinnerte nicht nur wegen des Windhauchs an die Denkmalenthüllung in Heinrich Manns Roman „Der Untertan“. Just am Vortag hatte eine Firma ein Gerüst an dem Haus errichtet. Die Inge-Meysel-Verehrer standen zwischen Dixi-Klo und Bauwagen – und applaudierten. Und gingen anschließend ins Vorgarten-Beet, um ein Foto zu machen. Der neue Eigentümer hatte die Redner in die alte Meysel-Wohnung gelassen, Laudator Peter Bosse und Angela Marquardt schauten aus dem einen, Tim Renner aus dem anderen Fenster, zwischen ihnen hing die Tafel.