Chansonlegende

So feierte Charles Aznavour seinen 90. Geburtstag in Berlin

Zu Beginn des Konzertes in der Berliner O2-World sang das Publikum - ein Geburtstagsständchen: Charles Aznavour feierte seinen 90. Geburtstag. Das Konzert war alles andere als eine Betagte-Mann-Show.

Foto: Bernd Von Jutrczenka / dpa

Unser Jahrhundert ist jung, doch darf man mit Fug und Recht bezweifeln, dass sich so etwas bis zu seinem Ende wiederholen wird. Dass jemand mit einer so langen Karriere, mit einem so unüberschaubaren und dazu selbst verfassten Repertoire, dass ein Künstler von solchem Format in so hohem Alter die Bühne betreten wird - und am selben Tag auch noch seinen neunzigsten Geburtstag feiert.

Den Berlinern wurde diese unwiederbringliche Ehre am Donnerstagabend zuteil und sie wussten dies zu schätzen. Charles Aznavour, Chansonlegende aus Frankreich, gab ein Konzert, das dem Datum angemessen mit einem Geburtstagslied des Publikums begann. Die Lichter gingen aus und noch bevor die Band einsetzen konnte, stimmte einer im Saal es an. Sofort fielen alle anderen ins "Happy Birthday" ein. Als Aznavour dazu die Bühne betrat, wurde er mit stehenden Ovationen begrüßt.

Trotz Aznavours Alter war dieses Konzert alles andere als eine Betagte-Mann-Show. Aznavour ist erstaunlich vital: Kein Zittern, sondern feste Gesten und ein verschmitztes Auftreten. Nicht einmal einen Mikrofonständer möchte er haben. Ein kleiner Mann im schwarzen Anzug füllt die Bühne, der keine Videoleinwände und keinen Schnickschnack braucht.

Wenn er sich bei langgezogenen Klagetönen eines Schmachtfetzens an die linke Brust klopft, ist er immer noch ein Zwanzigjähriger, dem das Herz blutet. Kein bisschen abgestumpft oder müde. Im Gegenteil - schon nach dem ersten Song plappert er munter auf Französisch los und übersetzt sich sogleich selbst ins Englische. Schließlich hat einer wie Aznavour etwas zu sagen, immer schon, auch wenn es irgendwem meist nicht passte. Dutzende Male hat er die französische Öffentlichkeit geschockt, wie er ganz unbescheiden berichtet.

Wohlige Schauer

Es ist nicht verwunderlich, dass er jedermann von Anfang an auf seiner Seite hatte. Obwohl die Soundtechnik zu Beginn Probleme zu haben schien und die Band kaum wirkte wie eine in Aznavours Lieder verliebte Truppe. Vom Pianisten bis zum Schlagzeuger mussten diese Musiker permanent auf Noten starren, ein neunköpfiges Ensemble klebte an Pulten fest.

Doch Aznavours Songs kann so schnell nichts etwas anhaben. Nachdem ein unerlässliches "For Me Formidable" oder das famose Duett "Je voyage" früh schon gesungen waren, erklärte er dem Publikum auch in aller Ruhe, warum: Ein guter Song beginne mit dem Text. Dieser müsse ohne Musik schon stark sein, müsse genauso Herz und Verstand erreichen, wenn ihn ein Schauspieler spreche. Dann, so der Maestro, könne im Grunde jeder musikalische Stil der Vertonung dienen.

Sprach's und lieferte postwendend den Beweis. "Sa jeunesse", nur mit Klavierbegleitung intoniert, sorgte für wohlige Schauer, ein mit Kirchenorgelsound unterlegtes "Ave Maria" folgte und ein regelrecht rockendes "Mon ami, mon Judas". Mit "Il faut savoir" war eine der herrlich melancholischen Balladen zwischen Dur und Moll an der Reihe, zu der Aznavour in einem farbigen Lichtermeer stand und Verliebte wie Getrennte wohl eine Träne unterdrücken mussten.

Gegen Homophobie - in Ich-Form

Dann sang er "Comme ils disent", ein berühmtes Statement, das nicht fehlen sollte. Ein Lied, mit dem Aznavour im katholischen Frankreich bereits 1972 für Furore sorgte, indem er die Diskriminierung Homosexueller in der Ich-Form besang. In einem Land wohlgemerkt, in dem heute noch massenweise gegen Schwulenrechte demonstriert wird.

Auch diese Geschichte will er dem Publikum erst genau erzählen, bevor seine Stimme anhebt: Wie damals keiner in seiner Band glauben konnte, dass er so einen Text tatsächlich einfach singen würde. Wie er daraufhin den Pianisten fragen musste, ob man wohl erst klarstellen solle, nicht schwul zu sein, bevor man so einen Text vortragen dürfe. Es bedurfte eben eines langen Anlaufes, bis eine Conchita Wurst den Eurovision Song Contest gewinnen konnte und die bärtige Lady ist nicht zuletzt Charles Aznavour zu Dank verpflichtet.

Aznavour bricht eine Regel für die Berliner

Kurz danach stand "Mes emmerdes" auf der Liste, zu deutsch etwa "Als es mir beschissen ging". Es ist ein weiterer der vielen großen Hits des gebürtigen Armeniers und wieder einer der besten Momente des Konzertes. Es swingt wie im Soundtrack eines Schwarzweiß-Films der in Las Vegas spielt. Vom Barhocker neben dem Flügel führt die Bühnenchoreografie Aznavour tänzelnden Schrittes in die Mitte der Bühne, wo eine mehr gesprochene als gesungen Strophe eingeschoben wird, die in den Big Band-Drive eines Refrains übergeht, den Frank Sinatra nicht lässiger hätte darbieten können. Da ist er, der Crooner, der Entertainer alter Schule.

Natürlich kommt auch noch "La Bohème", endlich ist jetzt auch das Akkordeon im Einsatz, das zugunsten des dritten und vierten Keyboards lange nur herumstand. Zum Abschied gibt es Blumensträuße und erneut stehende Ovationen. So reichlich, dass Charles Aznavour sogar seine Regel bricht, keine Zugaben zu geben. "I never come back" gesteht er den Berlinern. Für sie aber macht er eine Ausnahme.