Kinofilm „Miss Sixty“

Iris Berben und Edgar Selge bilden geniales Leinwand-Pärchen

Iris Berben will in „Miss Sixty“ eine späte Mutter werden. Singen tut sie auch. Und mit Edgar Selge bildet sie ein wunderbares Pärchen für eine Screwball-Komödie für die Generation 60+.

Foto: Senator Filmverleih / dpa

Sie raucht. Ihre Frisur ist schrecklich altmodisch und schrecklich streng. Und wie sie sich ein Damenbarthaar mit der Pinzette wegzwickt, verheißt auch nichts Gutes. Ganz klar, mit dieser Frau ist nicht gut Kirschen essen. Um die macht man besser einen weiten Bogen. Dabei wird sie doch von Iris Berben gespielt. Einer der populärsten Stars, die der deutsche Film zu bieten hat. So böse aber, so miesepetrig und garstig hat man sie vielleicht seit „Sketch-up“ nicht mehr gesehen.

In „Miss Sixty“, ab diesen Donnerstag (24. April 2014) im Kino, bekommt sie dafür gleich zu Beginn die Rechnung serviert. Sie wird, weil keiner sie im Institut erträgt, gefeuert. Oder vielmehr, sie ist ja schon 60, in den vorzeitigen Ruhestand geschickt. Das ist so ziemlich das Schlimmste, was man der Molekularbiologin antun kann. Sie hat ja nur für die Arbeit gelebt. Privatleben - Fehlanzeige. Es geht aber noch ärger: Man gibt ihr auch gleich noch ihre Eizellen mit, die sie vor 20 Jahren für ein Forschungsprojekt hat einfrieren lassen. „Eiskalt – wie Sie selbst.“

Wahre Meisterschaft als unwürdige Alte

„Miss Sixty“ ist vor allem dies: ein einzigartiges Geschenk für Iris Berben. Man denkt ja erst mal, dass sie dafür doch fehlbesetzt ist. Weil sie noch viel jünger wirkt. Dabei ist sie schon 63. Ein Präsent aber auch deshalb, weil sie sich hier einmal richtig freispielen und austoben darf. Es ist ihre erste Kinorolle seit dem Abschied von ihrer Krimidauerwurst „Rosa Roth“. Sie hat seither noch Cosima Wagner fürs Fernsehen gespielt, und ist im Mai in der ARD gleich wieder als prägende Geschichtsfigur zu sehen: als die Frau, die dafür sorgte, dass der Gleichberechtigungsparagraf ins Grundgesetz aufgenommen wurde. Dazwischen spielt sie jetzt endlich mal wieder in einem Genre, das sie auch meisterhaft beherrscht, in dem sie aber viel zu selten zu erleben ist: in einer Komödie.

Sie forciert hier ein Fach, in der es Jeanne Moreau zu wahrer Meisterschaft gebracht hat: die unwürdige Alte. Eine, die ständig einen bösen Spruch auf Lager hat. Die die Umwelt mit einem einzigen, gnadenlosen Blick vernichten kann. Man kann richtig spüren, welchen Spaß das Iris Berben beim Drehen gemacht hat. Aus Trotz, Forschungsdrang, aber wohl auch aus Einsamkeit fasst die Frühberentete ihre gefrorenen Eier und einen folgenschweren Entschluss: Sie will spät, aber doch noch Mutter werden. Die Umwelt ist entsetzt.

Screwball-Komödie für die Generation 60+

Auf die Idee für ihr Regiedebüt kam Sigrid Hörner, die bislang ausschließlich als Produzentin gearbeitet hat, durch einen Zeitungsartikel über eine 63-Jährige, die ein Kind auf die Welt gebracht hat. Medizinisch ist das heute kein Problem mehr, moralisch stellen sich aber schon ein paar Fragen. Solche ernsten Themen könnte man ja auch mal in einer Komödie aufarbeiten. Überraschenderweise verliert Frau Hörner ihren Plot immer wieder aus den Augen. Das ist schade. Auf der Leinwand ist ja selbst ein Macho-Mann wie Arnold Schwarzenegger schon erfolgreich schwanger geworden (vor 20 Jahren, in „Junior“). Da wäre das Thema Späte Mutter eigentlich überreif.

Auch wenn man das als klaren Debütantenfehler vermerken muss, macht „Miss Sixty“ dies durch eine andere Volte wett. Sie erfindet quasi das Genre der Screwball-Komödie neu: Sie bereichert es um die Generation 60+. Screwball-Komödien, das waren vor allem in den 30er-Jahren grandiose, grandios komische Schlagabtausche zwischen einem Männlein und einem Weiblein, die sich von Herzen spinnefeind sind. Auch wenn der Zuschauer von Anfang an weiß, dass sie am Ende zusammen kommen, tun die Protagonisten erst mal alles, um das zu verhindern. Claudette Colbert & Gary Cooper und Katherine Hepburn & Cary Grant gehörten zu den besten, biestigsten Screwballpärchen. Von nun an gibt es auch ein deutsches Pendant: Iris Berben & Edgar Selge.

Nie jung gewesen, nie alt werden wollen

Wie in einem Laborexperiment wird die Mokekularbiologin Luise Jansen (Berben), ein Besen, der nie jung war, mit dem Galeristen Frans Winther (Selge, 66) konfrontiert, ein Halodri, der partout nicht alt werden will. Der stets Toupet trägt, seine Assistentin auch mal in der Galerie von hinten auf der Leiter nimmt und selbst vor Zungenpiercing nicht zurückschreckt. Der Alterswahn bekommt hier ein markantes Gesicht. Und überrascht stellt man fest, dass auch Selge ein herrlicher Komödiant ist, der viel zu selten in diesem Genre gefordert wird.

Sie können sich natürlich partout nicht ausstehen. Die beiden begegnen sich nur, weil Frans just in dem Park die Puste ausgeht, in dem Luise gerade ihre Zeit totschlägt. Sie treffen dann noch einmal aufeinander, als die Wissenschaftlerin den idealen Spendersamen für ihre Spätbefruchtung eruiert hat: bei Fransens Sohn. So prallen die Extreme immer wieder aufeinander.

Berbens bissige Bilanz

Und so sträflich die Autorin Corinna Eich dabei das eigentliche Spätmütterthema vernachlässigt, so großartig frech und unverschämt sind die Dialoge, die Frau Berben und Herr Selge da aufeinander abfeuern. Die handeln allesamt vom Altwerden und wie man damit umgeht. Und kulminieren in Berbens bissiger Bilanz: „Ja, ich bin 60. Meine Brüste hängen, mir wächst ein Damenbart, mein Herz wurde wieder und wieder gebrochen. Aber das ist noch lange nicht das Ende.“

Wäre dieser Film ein Klassenaufsatz, müsste man „Thema verfehlt“ darunter schreiben. Und mit der gleichnamigen Teenie-Modemarke hat „Miss Sixty“ auch rein gar nichts zu tun. Doch als Screwball-Comedy und Schauspieler-Duell funktioniert das Ganze dennoch prächtig. Vielleicht müsste Frau Berben öfter den Mut beweisen, auch weniger getragene Rollen anzunehmen. Man sollte übrigens bis zum Schluss im Kino sitzen bleiben. Dann singt Iris Berben nämlich auch noch. Und zwar ausgerechnet Eartha Kitts größten Hit: „C’est si bon“.