Berliner Geschichte(n)

„Nüscht bei Kroll jewesen, nüscht in Berlin jewesen“

Vergnügungstempel, Scheinparlament der Nazis: Die Kroll-Oper war Schauplatz von Kultur und Barbarei. Fast nicht erinnert heute mehr an den Gebäudekomplex im Tiergarten, der einst Publikumsmagnet war.

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„Ganz Berlin ist heut in Rage, heut’ ist Künstlerball bei Kroll. Und es gibt keine Etage, wo nicht alles gänzlich toll.“ (Eduard Künneckes Operette „Die lockende Flamme“)

Krolls Wintergarten, Krolls Etablissement, Krolls Garten, Kroll-Oper, Neues Königliches Operntheater oder Neue Oper am Königsplatz: Der Berliner sagte meist nur - bei Kroll. „Nüscht bei Kroll jewesen, nüscht in Berlin jewesen“ hieß es über Vergnügungstempel im Tiergarten.

Bauarbeiten in der „Sahara“

Krolls Geschichte beginnt, wie einige Berliner Geschichten – in Breslau. Dort weilt Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. im September 1841. Seine Majestät diniert im „Wintergarten“ und ist äußerst angetan. Dem Betreiber Joseph Kroll unterbreitet der Monarch das Angebot, nach Berlin zu kommen, um dort ein noch größeres Etablissement zu errichten. Kroll pumpt sich das Startkapital von 30.000 Talern zusammen und geht nach Berlin. Der Bauplatz für das neue Unternehmen liegt hinter dem Brandenburger Tor, also außerhalb der Stadt: ein vergessener Exerzierplatz, von den Berlinern „Sahara“ genannt.

Ludwig Persius, Königlicher Baumeister, und die nicht minder prominenten Architekten Carl Ferdinand Langhans und Eduard Knoblauch sind an dem Vorhaben beteiligt. Nach nur zehn Monaten Bauzeit eröffnet Kroll am 15. Februar 1844. Der Ball ist das Berliner Ereignis schlechthin. 5000 Gäste kann das Haus aufnehmen, es hat drei größere Säle, 13 Logen sowie weitere 14 Zimmer für kleine Gesellschaften. „Viel zu groß für Berlin“, urteilt der Dichter Willibald Alexis. Tatsächlich beklagt Kroll schon bald schlechte Geschäfte.

Immer neue Verführungen

„Herr Kroll muss also alle Mittel der Raffinerie aufbieten und immer darüber aus sein, den Berlinern etwas Neues, etwas ganz Unerhörtes zu versprechen“, schreibt Friedrich Saß 1846. „Italienische Sommernächte, chinesische Nächte, Sommernachtsträume, Verlosungen, Bohnenfeste, phantastisch arrangierte Maskenbälle, Weihnachtsausstellungen, Blumenüppigkeit, Wiener Theater, Alles wird in den Kreis der Kroll’schen Spekulation hineingezogen und den Berlinern in riesengroßen Anschlagzetteln verkündet.“ So wird Walzer-König Johann Strauß aus Wien geholt, doch der merkt schnell, „dass die Verführungskünste seiner Tänze dem Berlinischen Naturell wenig haben können“ (Saß) und reist mit seiner Kapelle wieder ab.

Im Januar 1848 erliegt Joseph Kroll einem Leberleiden. Tochter Auguste übernimmt das Geschäft. Sie will weg von der „grotesken Theatralia“ ihres Vaters und beantragt die Konzession für die Sorte Sommertheater, die nach der Revolution wie Pilze aus dem Boden schießen. Der Eröffnung 1850 folgen 38 Premieren, auch von Stücken, die vorher der Zensur unterlagen. Die Opern eines Albert Lortzing erleben hier zum Teil ihre Uraufführung, es werden Flothows „Martha“ oder Donizettis „Die Regimentstochter“ gespielt.

1851 steckt der Anzünder des Kronleuchters im Kaisersaal versehentlich die Dekoration in Brand. Bis auf die Grundmauern fällt Kroll den Flammen zum Opfer. Kostüme, Instrumente, Noten – nur noch Asche. Lediglich Garten und Sommertheater überstehen die Katastrophe. Mit 80.000 Talern von der Versicherung macht sich Auguste Kroll sofort an den Wiederaufbau.

Aus Kroll wird ein Engel

Schon 1852 kann sie das neue Etablissement eröffnen, 57 Komödien und 12 Opern kommen im raschen Wechsel auf die verschiedenen Bühnen, dazu Gastspiele sowie Konzerte der Kroll’schen Kapelle. Sie wird von einem jungen ungarischen Geiger geleitet, Jakob Engel, der eher zufällig in Berlin gelandet ist. 1853 heiratet er Auguste. „Kroll ist ein Engel geworden“, heißt es. Dem kurzen Höhenflug von „Kroll-Engel“ folgt der Absturz. 1855 geht das Haus an den Hauptgläubiger, der es seinerseits 1862 zwangsversteigern lassen muss. Und wer erhält den Zuschlag? Jakob Engel – woher er die 109.000 Taler für sein Gebot hatte, weiß niemand.

Doch bis zu seinem Tod 1888 kommt er auf keinen grünen Zweig mehr, seine Witwe siedelt nach New York über. Das Unternehmen übernimmt der Brauereibesitzer Julius Bötzow, der 1895 mit den Königlichen Schauspielen einen Pachtvertrag abschließt. Kroll wird zur zweiten Spielstätte für die mit ihren 1500 Plätzen zu eng werdende Lindenoper. Preußen aber will ein neues Kaiserliches Opernhaus, Kroll soll für diesen Plan weichen. 1914 beginnen die Abrissarbeiten, sie werden durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs gestoppt. Die „Zentralsammelstelle der Reichswollwochen“ lagert ab 1915 Wolle und Lumpen in dem Komplex.

Deutschlands größte Oper

Nach dem Krieg schließt die Volksbühne mit dem Preußischen Staat einen Pachtvertrag für das Grundstück ab, Architekt Oskar Kaufmann vergrößert Zuschauerraum und Bühnenhaus. Kroll wird Deutschlands größte Opernspielstätte. Am 1. Januar 1924 eröffnet die „Oper am Königsplatz“ mit Wagners „Meistersingern“ unter Dirigent Erich Kleiber.

Die Lindenoper allerdings trennt sich bald von ihrer zweiten Bühne. Otto Klemperer wird Herr über die „Staatsoper am Platz der Republik“, sie eröffnet im November 1927 mit „Fidelio“; Auftakt einer kurzen, aber der für Kroll operngeschichtlich wichtigsten Phase. In vier Jahren erlebt man Musiktheater, das mit Konventionen bricht. Zeitgenössische Komponisten wie Strawinsky, Hindemith, Krenek, Ravel, Weill, Schönberg oder Janácek. Dirigenten wie Klemperer, Alexander von Zemlinsky oder Fritz Zweig, Regie-Stars wie Gründgens oder Fehling. Künstler wie Teo Otto, Oskar Schlemmer, Laszlo Moholy-Nagy oder Giorgio de Chirico liefern Bühnenbilder.

Inszenierungen der Nazis

Die Opern-Avantgarde erntet zwiespältige Reaktionen. Vor allem die Mitglieder der Volksbühne, die laut Vertrag die Hälfte der Karten abnimmt, erwarten leichtere Theaterkost. Daneben machen rechte Parteien Stimmung gegen den „Kultur-Bolschewismus“. 1929 stellt die Preußische Oberrechnungskammer fest, dass sich Berlin keine drei Opernhäuser leisten könne. Im November 1930 wird trotz prominenter Proteste die Schließung bekannt gegeben. 1933, eine Woche nach dem Brand des gegenüber liegenden Reichstags, erklären die Nationalsozialisten das Theater zur provisorischen Stätte des Parlaments. Von jetzt an erlebt man hier ganz eigene Inszenierungen, etwa die Verkündigung des „Ermächtigungsgesetzes“. Nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1945 erklärt Hitler in der Kroll-Oper: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!“

Bomben und Abriss

Während des Krieges ist hier zeitweise wieder Oper zu sehen, weil die Linden-Oper schwer durch Bomben geschädigt ist. 1943 trifft es bei einem Fliegerangriff auch die Kroll-Oper. Nach 1945 wird nur der Garten genutzt, für Tanzvergnügen und Konzerte. 1956 gibt der letzte Pächter auf. Mit der Sprengung der Ruine 1957, eine Woche nach der Zerstörung des Stadtschlosses, ist Kroll Geschichte.

An das Etablissement erinnert im 21. Jahrhundert eine Gedenktafel unweit des Tipi-Zeltes und des Kanzleramts, wo heute ganz anderes Theater gespielt wird. Ein paar Kilometer entfernt wiederum, im Theater im Palais am Festungsgraben hinter der Neuen Wache, erzählen und besingen Schauspieler immer wieder mal die Geschichte der Kroll-Oper. Ein Besuch des Programms „Krolls Etablissement - Eine Berliner Legende“ lohnt sich. Und am 23. April um 20 Uhr erinnert die Staatsoper in ihrer Kammerkonzert-Reihe im Roten Rathaus an Komponisten der Kroll-Oper.