Renaissance-Theater

Hans-Werner Meyer ist immer auf der Überholspur

Hans-Werner Meyer liebt die Abwechslung. Nach Film- und Fernsehauftritten steht er nun in „Wir lieben und wissen nichts“ auf der Bühne des Renaissance-Theaters Berlin

Foto: Buddy Bartelsen / impress picture/Buddy Bartelsen

Der Interview-Termin wurde um eine Stunde vorverlegt. Ich sitze im prunkvollen Bruckner-Foyer des Renaissance-Theaters und warte auf Hans-Werner Meyer. Er probt noch für das Stück „Wir lieben und wissen nichts“ und lässt auf sich warten. Endlich öffnet sich die Artdeco-Tür und der Schauspieler stürmt herein. „Sorry, es hat doch etwas länger gedauert“, sagt er, nimmt Platz und stellt sein Getränk und sein Lunchpaket auf den Tisch. Hans-Werner Meyer wirkt gehetzt. Schnell beißt er einmal in sein Wurstbrot und nimmt einen Schluck Brause. „Stellen Sie ruhig ihre Fragen“, macht er mir Mut. Ich zögere, denn gern würde ich ihm eine Verschnaufpause gönnen. Also beginne ich das Gespräch mit schlechtem Gewissen und ziele direkt ins Schwarze.

Berliner Morgenpost: Gerade noch als Kommissar Radek auf dem Bildschirm und nun schon wieder auf der Bühne. Sie setzen sich als Vorstandsmitglied bei der Gewerkschaft für Schauspieler ein und sind Botschafter für den Karl-Kübel-Preis, der für Kind und Familie vergeben wird. Hinzu kommt ihre eigene Familie. Wie schaffen Sie Ihr Pensum?

Hans-Werner Meyer: „Schaffen“ ist nicht das richtige Wort. Man überlebt es halt irgendwie. Es kommt bei allem darauf an, auf dem Pferd sitzen zu bleiben. Das sagte einmal eine kluge Frau zu mir, die selbst sieben Kinder hat. Die Frage ist also, wie es möglich ist, die Balance zu halten mit all den Verantwortlichkeiten, zwei wilden Jungs (fünf und sieben) und dem Beruf. Das ist nicht so leicht zu regeln. Der Schauspieler in mir verlangt zum Beispiel nach einer gerade abgedrehten Fernsehserie, wieder Theater zu spielen, und an den Terminen kann ich nun mal nichts ändern. Aber ist Abwechslung in gewisser Weise nicht auch eine Pause?

Haben Sie Ihr Buch „Durchs wilde Kindistan“ nachts geschrieben?

Nein, in der Elternzeit, die ich 2008 genommen habe. Da hatte ich einen ganz festen Schreibrhythmus, täglich von 10 bis 14 Uhr. Jedenfalls war das der Plan, den ich allerdings auch bald wieder über den Haufen werfen musste, weil die Objekte meiner Beobachtung, meine Söhne Callum und Duncan, diesen nicht respektiert haben (lacht). Vielleicht habe ich auch einfach einen schwer zu stillenden Lebenshunger. Als meine Eltern starben, rückte das Ende des Lebens entschieden näher. Es passieren täglich so viele Dinge, ich mag sie alle, sie gehören zu meinem Leben dazu und ich möchte auf nichts verzichten.

Bleibt noch Zeit, um wieder mit Ihrer Band aufzutreten?

Ja, aber alles muss ein Jahr im Voraus geplant werden, zumal auch die anderen Mitglieder meiner A-Capella-Gruppe „Meier & die Geier“ (früher „Echo, Echo“) viel beschäftigte Menschen sind. Unser nächster Auftritt ist am 13. Oktober in der Bar jeder Vernunft zusammen mit meinem Bruder, dem Kabarettisten Chin Meyer. Das Stück heißt „Klangrazzia“. In ihm verarbeite ich quasi das traumatische Erlebnis des jüngeren Bruders, der dem älteren immer alles nachgemacht hat (lacht). Mein Bruder hatte sich ja schon in der Schule als Alleinunterhalter auf die Bühne gestellt. Ich merkte aber schnell, dass ich mehr ein Teamplayer bin. So landete ich schließlich beim Schultheater.

Ihr Vater war Landschaftsarchitekt?

Ja, ein sehr ruhiger Mensch.

Was bedeutet Ihnen Ihr Beruf?

Ich lebe darin. Schon im Schultheater habe ich mich auf der Bühne zuhause und frei gefühlt. Theater ist verdichtetes Leben, und die Rollen, die ich spiele, wirken sich auch auf mein Leben aus.

Nennen Sie Beispiele.

In Moritz Rinkes Theaterstück „Wir lieben und wissen nichts“ spiele ich Sebastian, einen melancholischen Autor, der mit der Welt hadert. Und der hört gar nicht mehr auf zu sprechen. Ich glaube, so viel habe ich in meinem Leben noch nicht am Stück geredet, schon gar nicht als Kommissar Radek. Aber was Sebastian da sagt, muss gesagt werden. Er offenbart uns den Wahnsinn der Welt, in der wir leben.

Sie wuchsen in Hamburg auf. Zieht es Sie häufig an die Küste?

Ja, „die Wellen des Meeres – wie beruhigend“, um Sebastian zu zitieren. Wir fahren oft an die Ostsee oder ans Mittelmeer.

Sie leben in Berlin?

Länger als irgendwo anders. Seit 1993. Und seit 2000 in Mitte an der ehemaligen Mauer. Der Kiez ist hier schon fast dörflich, viele Kinder, unterschiedlichste Menschen, erstaunliche Ruhe. Ich fühle mich hier zuhause.

Ihre Frau Jacqueline Macaulay, eine Britin, ist ebenfalls Schauspielerin. Ist das nicht anstrengend?

Nach 16 Jahren Ehe weiß ich, das ist sogar sehr gut! So haben wir beide Verständnis füreinander. Sie spielt hauptsächlich Theater, dreht aber auch. Ich drehe hauptsächlich, spiele aber auch Theater. Beides ist anstrengend, aber die Kraft muss unterschiedlich eingesetzt werden. Beim Drehen speichert man den Text im Kurzzeitgedächtnis, nur für den Drehtag. Beim Theaterspielen wird mehr Multitasking verlangt: szenische Vorgänge erfinden, mit dem Partner spielen, unendlich viel Text absondern. Und lernen kann ich den Text dann nachts.

Wo werden die Zuschauer Sie als nächstes sehen? Im Fernsehen, im Kino oder auf der Bühne?

Jetzt auf der Bühne, „Wir lieben und wissen nichts“ wird bis zum Herbst gespielt. Im Fernsehen bin ich in der Serie „Letzte Spur Berlin“ noch sechs Wochen zu sehen. Neue Folgen werden ab August gedreht. Auf dem Plan steht auch noch die australische Kinderserie „In Your Dreams“, die in Deutschland auf Kika ausgestrahlt wird.

Also weiter auf der Überholspur? Sind Sie glücklich mit der Situation?

Ja sehr. Ich bin froh, wieder Theater zu spielen. Abwechslung ist reizvoll, und ich bin nun mal ein Reizlümmel (grinst).