30-jähriges Jubiläum

Kommunikativ, lebendig und frisch

Die Lautten Compagney Berlin hat sich auf Alte Musik spezialisiert. „Wir versuchen, uns immer wieder neu zu erfinden“, sagt Ensembleleiter Wolfgang Katschner

Foto: Ida_Zenna / Ida Zenna

Sie sind schrecklich neugierig. Natürlich haben sie sich auf Alte Musik spezialisiert, aber sie lieben auch Experimente mit Neuer Musik, Marionetten, chinesischen Musikern, Tänzern oder Videokünstlern. Die 15 Musiker der Lautten Compagney Berlin blicken immer wieder über den Tellerrand hinaus. So inspiriert wie ihre Programmgestaltung klingen auch ihre Interpretationen. Ihr Musizierstil wirkt kommunikativ, lebendig und frisch. „Wir versuchen uns immer wieder neu zu erfinden“, erklärt Wolfgang Katschner, der Leiter der Lautten Compagney. In diesem Jahr feiert das Ensemble sein 30-jähriges Jubiläum.

Alte-Musik-Szene überschaubar

In Berlin sind die Musiker zu Hause. Die Alte-Musik-Szene der Stadt ist überschaubar. „Es gibt hier natürlich viele gute Musiker, aber die Akademie für Alte Musik und wir sind eigentlich die einzigen beiden Formationen für Alte Musik, die ganzjährig als Ensembles spielen“, erzählt Katschner. Es gibt das „Zeitfenster“-Festival im Konzerthaus und die Reihe „Alte Musik live“ im Musikinstrumenten-Museum. Die Staatsoper und der Rias-Kammerchor engagieren sich für das alte Repertoire. „Das ist alles separiert und punktuell“, findet Katschner. „Es entspricht eigentlich nicht dem Stellenwert von Berlin.“

In Leipzig, Dresden, Halle und Thüringen hat die Alte Musik ein größeres Gewicht. „In Berlin werden historische Themen einfach nicht als etwas Interessantes wahrgenommen. Die Lautten Compagney dagegen sieht Tradition und Geschichte als einen Weg, auf dem immer wieder Neues entsteht. Wir versuchen, die Gegenwart aus der Vergangenheit in die Zukunft zu tragen.“

Berlin bietet viele Möglichkeiten

Der Lautenspieler und Dirigent Wolfgang Katschner hat es trotzdem nie bereut, Berlin als Basis gewählt zu haben. Hier findet er für seine besonderen Projekte alles, was er sich wünscht: einen chinesischen Cheng-Spieler, einen arabischen Oud-Spieler oder argentinische Tangotänzer. Die riesige freie Szene findet er anregend. Außerdem merkt er bei den Gastspielen in Amsterdam, Wien, Warschau und vielen anderen Städten, dass ein Ensemble aus Berlin überall einen Ansehensbonus besitzt. „Wir profitieren vom Image und den großen Möglichkeiten der Stadt.“

Für Katschner ist die Lautten Compagney eine Lebensaufgabe geworden. Dabei fing alles recht zufällig an. In Ostberlin studierte er klassische Gitarre und spielte im Duo mit Hans-Werner Apel. Die beiden neugierigen Studenten entdeckten die alte Lautenmusik für sich. Bald kam der Wunsch auf, die Musik auf Lauten zu spielen, die sich in Klang und Spieltechnik doch sehr von Gitarren unterscheiden. 1984 nannten sie sich Lautten Compagney. Die Erweiterung vom Duo zum Ensemble ließ nicht lange auf sich warten. „Die Lautenbücher der Renaissancezeit sind so etwas wie Klavierauszüge. Sie enthalten Bearbeitungen von geistlichen Madrigalen, Tanzmusik, Chansons und deutschen Liedern“, erklärt Katschner. Jedes beliebte Musikstück wurde damals auch für das Wohnzimmerinstrument Laute umgesetzt.

Die Formation wuchs langsam

Das Lauten-Duo wurde neugierig auf die größeren Originalfassungen und begann, mit weiteren Musikern zusammenzuarbeiten. Sehr langsam ist die Formation gewachsen. 1996 spielte sie bei den Musikfestspielen Potsdam-Sanssouci erstmals eine Oper in Orchesterbesetzung. Im Lauf der Jahre hat das Ensemble „Ableger“ ausgebildet: das Vokalensemble Capella Angelica und die Symphonische Compagney für die Aufführung von Musik nach der Mozart-Zeit. Einmal im Jahr leitet Katschner in Neuruppin außerdem das Aequinox-Festival

Die beiden Gründer sind heute noch im Ensemble, und auch sonst gibt es kaum Fluktuation. „Miteinander vertraut zu sein, ist in unserer Gruppe das entscheidende Kapital“, meint Ensembleleiter Katschner. Die Programme teilt er in drei Sparten auf: Musiktheater, geistliche Musik des 17. und 18. Jahrhunderts und „Lautten spezial“. So nennt Katschner die ganz persönlichen oder grenzüberschreitenden Programme. Das Kernrepertoire reicht von der Lutherzeit bis zu Mozart. „Wir haben den Anspruch, ein Publikum ohne viel Vorbildung gut zu unterhalten.“

Großer Festtag im November

Die Aufführungspraxis hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Man geht behutsamer mit den Quellen um und beschäftigt sich mehr mit dem Kontext, in dem die Musik entstand. Komponisten wie Monteverdi und Händel werden heute aus sich heraus betrachtet, nicht als Meilensteine auf dem Weg zu Beethoven oder Wagner. Katschner: „Ein Stück kann heute nicht wie im 18. Jahrhundert klingen. Wir hören mit den Ohren von 2014. Was ich heute an Monteverdi aufregend finde, ist immer daran gemessen, dass es schon Schönberg gab.“

Am morgigen Karfreitag feiert die Lautten Compagney den 300. Geburtstag von Carl Philipp Emanuel Bach mit einem Marathon. An einem Tag führt sie in vier Kirchen vier verschiedene Passionen des Berliner Bach auf. Am 30. April spielt das Ensemble wieder bei Shakespeares „Was ihr wollt“ im Berliner Ensemble mit. Das 30-jährige Jubiläum begeht die Lautten Compagney mit einem großen Festtag im November. „Jedes Konzert bedeutet Spielen ums Überleben. Wir spielen immer wieder neu, um eigene Ansprüche zu erfüllen, das Publikum zu überzeugen und den Veranstalter herumzukriegen“, so Katschner. „Das hört nie auf, egal wie arriviert man ist.“

Vier Passionen von Carl Philipp Emanuel Bach. Karfreitag, 18.4.,

10 Uhr: Lukaspassion in der Sophienkirche (Mitte), 14 Uhr Johannespassion in der St. Matthäuskirche (Tiergarten), 17 Uhr Matthäuspassion in der Pauluskirche (Zehlendorf), 21 Uhr Markuspassion in der Gethsemanekirche (Prenzlauer Berg)

Info: www.lauttencompagney.de