Das Jenke-Experiment

Jenke von Wilmsdorff macht sich für RTL blind und taub

Wie kann man das Leben ohne Geräusche und optische Eindrücke meistern? Für RTL wagte der Journalist den Selbstversuch: Er ließ sich Augen und Ohren verschließen. Dabei entdeckte er Erstaunliches.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Jenke von Wilmsdorff feiert mit seinen wöchentlichen Selbstversuchen auf RTL große Erfolge, in der Regel schauen über vier Millionen Menschen zu. Dafür bieten sich zwei Erklärungen an. Zum einen hat er in Deutschland eine Art Monopol auf diese Form des journalistischen Erzählens: Während die Person des Reporters etwa in den angelsächsischen Ländern oft integraler Bestandteil der Fernsehberichterstattung ist, bleibt sie in Deutschland meist unsichtbar. Selbstversuche wie etwa derjenige des Amerikaners Christopher Hitchens, der sich zum besseren Verständnis des Wortes „Folter“ einfach mal kurz einem Waterboarding unterzog, haben hierzulande keine große Tradition - selbst in verträglicherer Form.

Ein weiterer möglicher Grund für den Siegeszug der Sendung: Das „Jenke-Experiment“ ist oft mit Aufwand verbunden und von spektakulär gemeinten Reportagen aus dem Reich des Bizarren, auch des entlegen Krankhaften begleitet. Als er sich für fünf Tage an den Rollstuhl fesseln ließ, besuchte von Wilmsdorff gleich zwei Menschen, die den dringenden Wunsch verspüren, sich ein Bein amputieren zu lassen. Es ging seiner Sendung trotz ihres Bekenntnisses zum Normalen und Alltäglichen doch auch immer um das absolut Ungewöhnliche und Extreme. Nur gestern war das einmal nicht der Fall.

Simulation des Verstehens

Der Versuchsaufbau war simpel: Von Wilmsdorff verging Hören und Sehen. Zuerst waren die Ohren dran. Er ließ sie sich mit zwei Hörgeräten verstöpseln, die ein dauerhaftes Grundrauschen erzeugen. Später ließ er sich die Ohren durch einen zusätzlichen Schallschutzkopfhörer ganz abschalten. Die sozialen Nöte, die Hörbehinderte Tag für Tag erfahren müssen, waren dabei gut zu studieren: Diese Menschen fühlen sich, meistens leider zu Recht, nicht ganz ernst genommen. In Reaktion darauf trainieren sie sich eine Art Simulation des Verstehens an, ein bestätigendes Nicken zum Beispiel, das Kommunikation vortäuscht, wo eigentlich gar keine stattgefunden hat. „Wenn ich wirklich taub wäre“, sagte von Wilmsdorff am Ende seiner Zeit ohne Gehör, „würde ich mich nur noch mit Menschen umgeben, die Gebärdensprache können.“ Bei denen war er zwischenzeitlich gewesen und hatte, sagte er, "die Schönheit dieser Sprache kennengelernt". Und auch eine andere Form der Nähe.

Dann die Augen: Sie wurden mit zwei speziellen Pflastern verklebt und mit einer speziellen Brille zusätzlich vom Tageslicht abgeschirmt. Auch hier fiel wieder das Gefühl des sozialen Ausgeschlossenseins ins Gewicht. Seine Freundin Mia beklagte, sie könne gar nicht mehr recht mit von Wilmdorff kommunizieren, solange er dieses monströse Ding auf der Nase trage. Ihr Freund bekam seinerseits einen herben Verlust an persönlicher Freiheit zu spüren: Er konnte noch nicht einmal ein Wurstbrot selbstständig essen, weil ihm die Umstehenden sagen mussten, dass eine Wespe darauf Platz genommen hatte. Außerdem machte ihm der Lichtentzug zu schaffen und die damit verbundene dauerhafte Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin. Schnell klagte er über depressive Verstimmungen.

Die Zustände in Köln

Danach versuchte er sich mit einem Blindenstock durch die Stadt zu bewegen, sicherheitshalber in Begleitung einer Führerin für Sehbehinderte. Und entdeckte gleich, dass das Kölner Leitsystem für Behinderte, also die in den Gehweg eingelassenen Steinplatten mit Rillen und Noppen, häufig falsch installiert oder gern auch mal mit Baustellengerümpel vollgestellt ist. Für Blinde kann das halsbrecherisch bis lebensgefährlich ausgehen. In Köln ist das inzwischen geändert worden. Wie ist das eigentlich in Berlin?

Für solche Fragen muss man eigentlich dankbar sein. Sicher: Der Journalist befand sich in der komfortablen Situation, vom Ende seines Experiments zu wissen. Und doch öffnete er eine Tür in eine Welt, für die Menschen ohne Handicap normalerweise weder Augen noch Ohren haben. Er brauchte dafür gar keine unglaublichen Geschichten. Und er verzichtete, von winzigen Ausnahmen abgesehen, auf das Übermaß an Streicher- und Klaviermusik, an gefühlsbetonten Zeitlupeneffekten und Schnittspielereien, zu denen er sich sonst so oft hinreißen lässt. Deshalb war diese Sendung sehens- und hörenswert.