Partnerschaft

Warum wir Liebesromane lesen sollten

Der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger hat in der Weltliteratur vieles gefunden, was für unsere heutigen Beziehungen wichtig sein könnte. Uns sagt er, was wir von diesen Romanen lernen können.

Foto: Universal Pictures

Gute Liebesromane zeichnen sich dadurch aus, dass die Personen so lebendig sind, dass sie als real empfunden werden, dass man mit ihnen mitfühlen, mitleiden können. Gute Schriftsteller sind immer auch Weltdeuter, beschäftigen sich mit den zentralen Fragen des Menschseins, zeigen Probleme und Lösungen auf, meint der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger, von dem gerade ein Buch über Liebesromane erschienen ist.

"Vor fast 40 Jahren habe ich einen Vortrag gehört. Damals sagte der Professor, wer den Menschen verstehen wolle, müsse Romane lesen. Die Schriftsteller wären schon immer die besten Psychologen gewesen", erzählt er. Krüger las vor einigen Jahren noch einmal alle klassischen Liebesromane, schaute sich die Filme an und schrieb dann "Effi Briest auf der Couch". Für uns hat hat er die klassischen 12 Liebesromane zusammengefasst und beschreibt, was wir von diesen Romanen lernen können.

Honoré de Balzac: "Die tödlichen Wünsche". Thema: Die Angst vor der Liebe. Hier liebt ein Mann eher die distanzierten Frauen, aber vor der wirklichen Liebe mit einer jungen, liebevollen Frau rennt er zunächst davon. Er hatte ein geheimnisvolles Stück Leder erworben, das ihm alle Wünsche erfüllte. Doch jedes Mal wurde es kleiner und damit verkürzte sich auch sein Leben. Und so brachte ihn seine Sehnsucht nach der wirklichen Liebe um. Wir lernen: Wer in der Kindheit massiv enttäuscht wurde, hat immer Angst vor der Liebe. Vor allem hat man Angst vor Enttäuschungen. Und diese Ängste muss man erkennen und überwinden, sonst kann man nicht lieben. Letztlich ergibt sich für solche Männer immer die Frage: wie war meine Mutterbeziehung, wie war meine Kindheit. Und wie viel Vertrauen habe ich in andere Menschen?

Boris Pasternak: "Dr. Schiwago". Thema: Bindungsangst eines Mannes. In der Kindheit hatte Schiwago eine kranke Mutter, die früh starb, sein Vater war Alkoholiker. Er ist 'bindungsgestört' und lässt sich zwar in eine Ehe ein, liebt aber noch eine andere Frau. Sie ist sehr mütterlich, er fühlt sich bei ihr sehr wohl, aber sie ist verheiratet und liebt ihren Mann. So ist Schiwago nirgends verwurzelt und stirbt schließlich. Frauen lernen: Solche Männer können attraktiv sein und emotional, aber sie binden sich nie wirklich und als Partnerin bleibt man innerlich allein. Männer lernen: Sie müssen die Angst vor Nähe überwinden, sonst wird ihr ganzes Leben scheitern. Und die Liebe mit zwei Frauen mag interessant erscheinen, ist aber immer sehr anstrengend. Und man findet keine Wurzeln, wenn man sich nirgends richtig einlässt. Auf diese Weise bleibt man einsam und scheitert.

Jane Austen: "Stolz und Vorurteil". Thema: Machtkämpfe vor der Ehe. Eine stolze Frau und ein eigenwilliger Mann kämpfen machtvoll miteinander. Sie verletzen sich und streiten miteinander, sind gekränkt, gehen dann aber doch aufeinander zu und verlieben sich. Wir lernen: Dass man sich auch mit Verstand verlieben kann. Man kann sich tatsächlich sehenden Auges verlieben. Liebe muss nicht blind sein. Man kann sich streiten, Machtkämpfe austragen und sich trotzdem verlieben. Und solche Liebe kann bodenständiger und realistischer sein als die übliche romantische Liebe, bei der der Verstand ausgeschaltet ist. Dann sind wir irgendwann so enttäuscht vom anderen, dass man sich fragt: was habe ich damals eigentlich gesehen. Also: Augen auf beim Kennenlernen!

Margaret Mitchell: "Vom Winde verweht". Thema: Machtkämpfe in der Liebe. Eine Farmerstochter heiratet drei Männer, doch glücklich wird sie bei keinem. Die kämpferische Scarlett kann selbst den starken Rhett Butler nicht lieben. Inmitten des Bürgerkriegs ist Scarlett lebenstüchtiger als die meisten Männer. Aber lieben kann sie nicht. Ihre letzte Ehe scheitert, Rhett Butler wird schließlich zum Alkoholiker und trennt sich. Frauen lernen: Das Machtstreben zerstört immer die Liebe. Zu viel Überlegenheitsstreben macht einsam. Männer lernen: Kämpferische Frauen sind oft interessant. Aber meist lassen sie sich nicht besänftigen und sind nicht für eine Ehe geeignet.

Gustave Flaubert: "Madame Bovary". Thema: Langeweile. Eine Frau ist mit einem zuverlässigen, aber drögen Landarzt zusammen. Sie erhofft alles von der Liebe und hat keine eigenen Lebensziele. Sie ist enttäuscht von ihrem Mann, geht fremd, gibt zu viel Geld aus und bringt sich um als der Gerichtsvollzieher kommt. Wir lernen: Langeweile tötet die Liebe. Deshalb müssen wir selbst lebendig bleiben, damit es in der Liebe klappt. Wenn wir Schnarch-Nasen sind, scheitert jede Partnerschaft. Wir müssen eigene Lebensinhalte finden, innerlich lebendig sein, dann können wir auch lieben. Und eines müssen vor allem Männer wissen: Sie dürfen einen Bauch haben oder wenig Haare und manchmal sogar schüchtern sein. Aber sie dürfen nicht langweilig sein – das ist ein Liebeskiller.

Theodor Fontane: "Effi Briest". Thema: die Tragik der Untreue. Eine junge Frau heiratet viel zu früh einen viel älteren Mann, zieht mit ihm in die Einöde von Mecklenburg, er liest eher Akten, kümmert sich nicht um sie, sie verliebt sich schließlich in einen anderen Mann und begeht einen Seitensprung. Nachdem dieser entdeckt wird, stirbt der Geliebte im Duell, die Ehefrau wird verstoßen und stirbt ebenfalls. Wir lernen: Wer den Partner vernachlässigt, provoziert einen Seitensprung. Die meisten Seitensprünge entstehen in einer unglücklichen Beziehung. Man ist enttäuscht und wütend und erlebt dann eine Versuchungssituation, der man nachgibt. Aber diese Untreue macht nicht glücklich. Es gibt eine bessere Lösung: Wir sollten den Partnerschaftskonflikt lösen oder uns einen besseren Partner suchen. Aber wenn wir untreu geworden sind, sollten wir alle Beweise vernichten. Effi Briest hatte die Briefe aufgehoben, die schließlich gefunden wurden. Das war ihre Dummheit!

Johann Wolfgang von Goethe: "Die Wahlverwandtschaften". Thema: Liebe mit mehreren Partnern? Ein Mann ist mit einer etwas spröden, erwachsenen Frau verheiratet und verliebt sich eine Kindfrau. Dies führt zu einem Drama, bei dem beide sterben. Wir lernen: Partner sind meist einseitig und es läge nahe, sich dann mehrere Partner zu suchen. Doch dies ist immer mit so starken Kränkungen und Konflikten verbunden, dass mindestens einer dabei seelisch sehr verletzt wird. Wir können Freundschaften mit anderen eingehen, aber die Liebe mit mehreren Menschen ist immer konfliktträchtig.

André Gide: "Die Schule der Frauen". Thema: die Desillusionierung. Eine Frau liebt einen Mann, lehnt sich sehr an ihn an und bewundert ihn maßlos. Sie gibt sich vollständig auf und stellt nach Jahren fest, dass sie sich sehr in ihm getäuscht hat. Nun erträgt sie ihn nicht mehr, trennt sich und stirbt. Wir lernen: Wir sollten in der Verliebtheitsphase den Verstand eingeschaltet lassen, sonst sind wir irgendwann so gekränkt und enttäuscht, dass die Beziehung zwangsläufig scheitert.

Gabriel García Márquez: "Die Liebe in den Zeiten der Cholera". Thema: Liebe gelingt oft erst im Alter. Ein junger Mann verliebt sich in eine sehr junge Frau, darf sie nicht heiraten und sie heiratet einen anderen. Und nun wartet er über 50 Jahre. Endlich stirbt ihr Mann, und nun wirbt er mit einer großen Ausdauer um sie . Es kommt zu einer leidenschaftlichen Liebe. Wir lernen: Erst wenn wir älter sind, wenn wir unsere Ängste überwunden haben, wenn wir wissen, wer wir sind, können wir wirklich lieben. Die Liebe ist kein Vorrecht der Jugend. Wenn wir älter sind, verfügen wir über Persönlichkeit. Wenn das Leben zur Neige geht, sind wir oft viel entschlossener zu lieben, weil wir wissen: jetzt oder nie!

Lew Tolstoi: "Anna Karenina". Thema: Die Liebe darf nie alles sein. Er schildert das Leben einer sehr lebenshungrigen Frau, die mit einem sehr zwanghaften Mann zusammen ist. Auf einer Reise trifft sie den gut aussehenden, leidenschaftlichen Wronsky. Sie geht fremd, wird von ihrem Mann verstoßen und ist mit Wronsky sehr unglücklich, weil sie sich nicht ausreichend geliebt fühlt und eifersüchtig ist. Völlig verzweifelt wirft sie sich vor den Zug. Wir lernen: Liebe darf nie alles sein, sonst wird das Leben unberechenbar. Wir werden zu empfindlich, wenn wir zu sehr von einem Partner/in abhängig werden. Deshalb müssen wir wissen: Wir können nur lieben, wenn wir auch stark und unabhängig bleiben. Wir brauchen Freundschaften und eine sinnvolle Lebensaufgabe, dann haben wir jene Verankerung gefunden, damit wir auch die Stürme der Liebe unbeschadet überstehen können.

Madeleine Bourdouxhe: "Gilles Frau". Thema: Man darf nicht alles verstehen. Eine sanftmütige Frau versteht alles, auch den Seitensprung ihres Mannes mit ihrer eigenen Schwester. Sie unterdrückt ihre Eifersucht, verdrängt ihre Affekte, um ihn nicht zu verlieren. Aber dadurch verliert sie zunehmend ihr Gefühl für sich selbst und bringt sich schließlich um. Wir lernen: Man muss mitunter auch wütend und gekränkt sein. Wir dürfen nicht alles aushalten, sonst gefährden wir das eigene Leben.

Pearl S. Buck: "Die große Liebe". Thema: Wie die Ehe gelingt. Hier wird der Alltag einer Ehe geschildert: Eine temperamentvolle Frau und ein etwas zögernder Mann heiraten, bekommen Kinder, der Mann macht Karriere und vernachlässigt die Ehe. Aber dann kümmert er sich doch wieder stärker um seine Frau, redet sehr emotional mit ihr, nachdem er eifersüchtig wurde und die Beziehung in eine Krise geraten ist. Wir lernen: Krisen sind für eine Beziehung wichtig, sie sind wie Weckrufe. Wir müssen uns immer wieder erneut, um die Liebesbeziehung kümmern, weil sie sonst verdurstet, wie eine Pflanze, die man nicht gießt.

Dr. Wolfgang Krüger: "Effi Briest auf der Couch. Eine psychologische Reise durch zwölf Liebesromane", BOD Verlag, 14,90 Euro

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