Leipziger Buchpreis

Saša Stanišić - ein Träumer in karger Landschaft

Ernst, poetisch, witzig: Der Deutsch-Bosnier Saša Stanišić hat für seinen Roman „Vor dem Fest“ den Leipziger Buchpreis bekommen. Überraschend ist der Preis nicht, wohl aber verdient.

Foto: Arno Burgi / dpa

Das braune Ei hat ihm Glück gebracht. Eine Frau hat es ihm eine halbe Stunde vor der Preisverleihung in die Hand gedrückt. Sie komme aus dem Dorf, über das Saša Stanišić geschrieben habe, sagt sie schüchtern, sie sei die Tochter des Malers. Sehr artig bedankt sich Saša Stanišić, wenn auch ein wenig irritiert. Denn was macht man mit einem Ei während einer Preisverleihung? Als Clemens Meyer vor ein paar Jahren den Leipziger Buchpreis gewann, hat er seine Becks-Bier-Flasche in die Luft gestreckt. So etwas geht. Aber kann man auch ein Ei jubelnd nach oben strecken?

Für die Romanautoren ist die Preisverleihung in Leipzig immer eine besonders strapaziöse Übung in Geduld. Es werden längliche Reden gehalten, die Akustik ist in jedem Jahr erbärmlich, Jahr für Jahr sind gefühlt mehr Kameras auf sie gerichtet, und sie wissen, sie werden als letztes gekürt. Über 400 Bücher haben die sieben Juroren gelesen, da müssen sich die Nominierten auch ein bisschen Zeit nehmen, so scheint das Kalkül zu sein.

Auf jeden Fall hat sich die Jury bei der Verleihung des Übersetzerpreises an Robin Detje auch selbst gekürt. Der hat William T. Vollmanns Epos „Europe Central“ übersetzt, ein über 1000 Seiten langes Buch über Krieg und Träume und Spionage und Gegenspionage im Europa des 20. Jahrhunderts. Es ist harter Stoff. Damit ist nicht die Thematik gemeint, sondern die Erzählweise und insbesondere der Perspektivwechsel zwischen ungefähr 40 Personen, in der sich der konditionsstarke Leser zwangsläufig verliert.

Jeder kennt jeden

Eine echte Überraschung hat die Jury für die Kategorie Sachbuch gewählt: „Der Schatten des Fotografen“ von Helmut Lethen ist eine essayistische Beobachtung über, ja, über was eigentlich? Über Siegfried Kracauers „Theorie des Films“ und Roland Barthes’ „Helle Kammer“ genauso wie über die Performances von Marina Abramovic. Es ist, und das ist wohl die Gemeinsamkeit mit Vollmanns Werk, ein Buch zum Ein- und Abtauchen.

Geradezu leichtgängig und eingängig ist hingegen das Buch von Saša Stanišić. Überraschend ist der Preis für seinen Roman „Vor dem Fest“ nicht, wohl aber verdient. Ein Dorf habe er erschaffe, sagt Daniela Strigl in ihrer Laudatio, „magisch zusammengehalten von einem gewitzten Erzähler“. Der Erzähler spricht in der „wir“-Form, wir aus Fürstenfelde aus der Uckermark, ein halbfiktiver Ort, der an Fürstenwerder erinnern soll, in der Nacht vor dem jährlichen Annenfest, in der erstaunlich viele Bewohner keinen Schlaf finden.

Ursprünglich sollte sein Ort, das hat Saša Stanišić am Dienstag bei der Lesung in der Akademie der Künste am Pariser Platz erzählt, im früheren Jugoslawien angesiedelt sein. Über einen Zufall entdeckte er, da hatte er den Roman schon geschrieben, dass dieser Traumort mit seiner kargen Landschaft, den beiden Seen, der spärlichen Besiedlung auch deutlich näher von seinem Hamburger Wohnsitz bereits existiert, nämlich in der Uckermark. Und so hat er dann auch in erster Linie keinen Roman über das Leben in Brandenburg oder in Ostdeutschland geschrieben, sondern einen sehr poetischen, lakonischen, mitfühlenden Roman über das Leben in einer Gemeinschaft – in einer Gemeinschaft, in der nicht jeder jeden schätzt, aber jeder jeden kennt.

Schwere Themen, leichter Tonfall

Was auffällt ist, dass die Jury bei der Nominierung für die Belletristik-Shortlist sich augenscheinlich auf ein gemeinsames Merkmal einigt: Wenngleich die Themen nicht leicht sind, so ist es doch der Tonfall. Es ist eine Abkehr von einem sozialen Realismus, alle fünf Autoren versuchen nicht die Härte der Welt dem Leser auf ein Neues zu vermitteln. Es erscheint so, als wüssten sie allesamt, dass keine Aufklärung mehr verlangt oder gebraucht wird, sondern die Form der Vermittlung zählt.

Deutlich wird das, wenn auch unfreiwillig, wenn man am Mittag in Leipzig einem Autor wie Feridun Zaimoglu zuhört. Er verkörpert die andere Schule, die erzieherische Schule der Literatur, die dem Leser erklären möchte, wie verdammt hart die Welt dort draußen doch ist. Angesprochen auf seinen neuen Roman „Isabel“, erklärt er, dass er ein Mann „der harten Recherche“ sei. Er habe sich „nicht geschont“ und während seiner Arbeit in Berlin 14 Kilogramm abgenommen. Man wartet gespannt, ob er gleich sagen wird, er habe einen Witz gemacht hat. Man wartet vergebens. Nicht an die „hippen Plätze“ der Stadt hat es ihn gezogen, sagt er stattdessen, nicht dorthin, wo der Latte Macchiato 5,20 Euro kosten würde, sondern dort, wo die „normalen Menschen“ leben, die „nicht-populären Menschen, die man aus den Medien“ kennt. Über seine Stilisierung als „altmodischen Autor“ berichtet er ohne Ironie, ohne Selbstdistanz und mit vollem Stolz über das eigene Tun.

Saša Stanišić hat den anderen Weg gewählt. Er wolle seinen Figuren nichts vorschreiben, hat er in Berlin erzählt. Die „eineinhalb“ Nazis in dem Ort gehören genauso dazu wie der frühere NVA-Offizier, die Heimatmalerin und der tote Fährmann. Er hat seine Figuren mit seinem Roman in die Welt geschickt. Und zuweilen kommen sie zu ihm zurück, in die reale Welt, mit einem Ei in der Hand.