Pop

Backstreet Boys in der O2 World - Berlin feiert die Neunziger

Die Backstreet Boys sind die erfolgreichste Boyband der Welt. In Berlin bewiesen sie, warum das so ist . Und spätestens als Nick auf Deutsch sagte „Isch liebe Disch“ war die ganze Halle glückverzückt.

Foto: Sven Hoppe / dpa

Der dicke, alte Mann sitzt immer noch im Gefängnis. Und seine jungen Knaben, inzwischen sind sie ja auch irgendwas zwischen 34 und 44, die müssen, oder vielleicht wollen sie auch, wieder ran. Die Backstreet Boys spielen in der O2 World ein Konzert. Lou Perlman, der Manager, der N Sync und eben die Backstreet Boys entdeckt und erfunden hat, der hockt in seiner Zelle. Den Fans in Berlin ist das egal. Sie feiern so, als ob die Neunziger für immer wären.

Unter dem Kreischen von 15.000 Fans gehen sie um zwei nach neun auf die Bühne. In weißen Anzügen. Mit rotem Bühnenbild. Howie, AJ, Nick, Brian und Kevin. Das waren die Namen und die Gesichter, die in jedem Mädchenzimmer in Tagebücher, an Wände und auf T-Shirts geschrieben wurden. Sex-Symbole für Girls, die noch nicht mal ahnten, was Sex überhaupt ist. 1993 von Lou Perlman zusammen geführt. 100 Millionen Platten. Erfolgreichste Boyband der Welt.

23 Songs, vier Outfits

2014 gibt es keine Boybands mehr. Jedenfalls nicht im klassischen Sinne. Keiner interessiert sich mehr für Synchrontanz, keiner für den fünfstimmigen Liebesschwur. Die modernen Boybands heißen Mumford & Sons oder Kings Of Leon. Nicht gemacht, sondern selbst gegründet. Gitarre, Bass, Schlagzeug, vielleicht noch eine Mandoline, das ist der moderne Gegenentwurf zum Vollplayback-Inferno der Neunziger.

Und sie sind trotzdem gekommen. Die O2-World ist so randvoll mit Frauen, die in den Neunzigern ihre Blüte erlebten. Mit Männern, die Zeugen des Frühlings waren. 23 Songs hören sie heute Abend. Vier Outfits sehen sie mindestens. Backstreet's Back alright!

Gänsehaut bei „Incomplete“

Sie haben ja wirklich ein Album rausgebracht letztes Jahr. „In a World Like This“. Wen interessiert das denn? Als dritter Song kommt „Incomplete“. „Incomplete“ ist auch schon Spätwerk. 2005. Da gab es schon keine Boybands mehr, sondern eben Kings Of Leon und den Rest. Und trotzdem ist das ein Oldie. Neun Jahre alt, Gänsehaut wie beim ersten Bacardi-Cola.

AJ fast lässt die geöffnete rechte Hand in Lederhandschuhen also von links nach rechts wie auf Schienen fahren. AJ, der Rebell der Band. Der Ex-Junkie, Ex-Alkoholiker. Der mit den meisten Tattoos. Der mit der besten Stimme. Dann den Zeigefinger. Nach oben geöffnete Hand zur Faust schließen. Kevin steht an einem Keyboard, das so gar nicht angeschlossen ist. Kevin war und ist immer noch der tiefste der Backstreet Boys. Inhaltlich, optisch. Tief wie der Mariannengraben. Dieser geheimnisvolle Typ, die Quasi-Blaupause auf Harry Potter. Der Undurchschaubare. Der Mittescheitelboy mit den dunklen Augen und dem dunklen Bart. Er ist der einzige, der die Backstreet Boys jemals verlassen hat. Am 23. Juni 2006 verkündet er, dass er ein neues Kapitel seines Lebens fortsetzen möchte. Natürlich hat er sich bei der Fans bedankt. „Ich wünsche meinen Brüdern weiterhin Erfolg und freue mich auf ihr nächstes Album.“ Das hat er damals gesagt. Und jetzt steht er wieder oben. Weil Business eben Business ist. Weil Dollars nun mal Dollars sind.

„Isch liebe Disch. Du bist sehr schon. Du bist wunderbar“

Also zurück zum nicht eingesteckten Keyboard. Nick spielt auf einer nicht gespielten Gitarre. Es gibt keine Band wie bei Rihanna, wie bei Beyoncé, wie bei allem, was sich jetzt Pop nennt. Die Backstreet Boys treten als Backstreet Boys auf, nicht als Backstreet Boys mit Band. Sie singen live. Das hört man in der O2. Und sie singen gar nicht schlecht. Sogar richtig gut. Jeder Schritt ist eine Militär-Parade. Auf die Sekunde getimed, inszeniert, ins rechte Licht gerückt. Nick, der blonde Engel, er bedient die Playback-Gitarre, ein angetäuschtes Solo und weiter geht es im Programm.

Nick, der Blonde, er spricht jetzt Deutsch. „Berlin, it is so good to be back in the country that started“, da kommt eine Pause. Nicht ironisch. Nicht lustig. Da ist einfach die Pause. Was hat Deutschland jetzt angefangen? „Den Krieg?“, fragt der Nachbar in Block 203. „Das Dosenpfand?“, der nächste. „It is so good to be back in the country that started the Backstreet Boys. Isch liebe Disch. Du bist sehr schon. Du bist wunderbar.“ Und wie Nick das sagt, ist die ganze Halle so glückverzückt, wie Dr. Motte bei der ersten Love Parade.

Es rauschen also an einem vorbei „Show Me The Meaning Of Being Lonely“, „I Want It That Way“ und der Rest des Tränenpalastes. Sie spielen einen neuen Song, „Madeleine“ heißt der. Akustisch. Die fünf Jungen sitzen so einsam und verlassen mit Akustikgitarren, einem Cajon, das ist ein Trommelkasten, Rasseln und einem Bass dort. So, als ob sie Nirvanas Unplugged-Konzert nachspielen müssten, und gar nicht wissen, was sie da eigentlich tun.

Tank-Tops statt topless

Am besten sind die Backstreet Boys, wenn sie tanzen. Wenn sie die Fäuste auf die Brust schlagen. Wenn sie die Hände in den Schritt werfen. Wenn sie sich vom weißen Sakko und die schwarze Lederjacke schmeißen, wenn sie die immer bereiten, immer wandlungsfähigen Träume, der 15-jährigen sind, die mittlerweile 35 sind.

Zur Zugabe gibt es „Everbody (Backstreet's Back)“, den Song, zu dem die Backstreet Boys Michael Jacksons Thriller-Video kopiert haben. Sie tragen Tank-Tops. Nicht mehr topless wie vor zwanzig Jahren. Die Boys sind Männer geworden. Der Six-Pack unter dem Hemd ist dem Six-Pack unter dem Couch-Tisch gewichen. Sie tanzen immer noch so synchron, so gleichgeschaltet wie 1995. Und die Fans klatschen genau so.

Boys for ever

Eine Art von Trauer ist in der O2 zu spüren. Eine Trauer, die keiner zeigen will. Eine Trauer, nicht altern zu wollen, ein Gefühl, für immer jung zu bleiben, und doch stetig Falten anzulegen. „Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde...“, fängt eine Erzählung von Franz Kafka an.

Und Kafka schließt versöhnlich. „Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend...“ Es ist eben nicht so. Da ist keine Trauer. Die Fans sind glücklich. Und die Backstreet Boys sind eben Boys. For ever. For sure.