Musiktheater

Raum und Zeit stehen bei „Einstein on the Beach“ still

„Einstein on the Beach“ bietet alle Elemente einer unvergesslichen Theaterproduktionen: das zauberisch Lichte, die Eleganz, die Perfektion des Zusammenspiels immer neuer Mensch-Maschinen.

Foto: © Lucie Jansch

Helle Szenerie wie bei einem Strandurlaub, ewig kreisende Orgelklänge, feierlich vor und zurück schreitende Menschen wie bei einer Kulthandlung für eine Religion, die es noch nicht gibt: Bei „Einstein on the Beach“ – der Titel ist eher Stichwortgeber für ein alchimistisches Spiel mit Textzeichen als ein Hinweis auf das Erzählte – handelt es sich durchaus nicht um ein verkanntes Werk, das im Jahr 1976 beim Festival in Avignon uraufgeführt wurde und danach lediglich von Feuilletons und Theatergeschichtsschreibern in den Himmel gelobt worden wäre.

Der internationale Erfolg von Robert Wilson (Ausstattung und Regie), Philip Glass (Musik) und Lucinda Childs (Choreographie) war nicht gering: Die Zeit und das Publikum waren offenbar durchaus reif für die rätselhaften Schönheiten eines rituell, ja gleichsam maschinell abschnurrenden Geschehens auf der Opernbühne, das doch von höchst einfallsreichen und inspirierten Künstlern gestaltet wurde. Haben wir aber aus dem 1976 einschneidenden Erlebnis operngeschichtlich etwas gelernt oder Konsequenzen gezogen?

Nach dem langen Abend im Haus der Berliner Festspiele muss man wohl sagen: eher nicht, höchstens ein bisschen. „Es hat schon angefangen“, belehren sich die Premierengäste gegenseitig, doch ganz sicher ist sich niemand, ob der kulturbürgerlich festgezurrte Begriff des Anfangens hier greift: Vor dem Vorhang deklamiert ein Darsteller Zahlen, seine Kollegin redet pausenlos von einem bisschen Wind für ihr Segelboot, von Autobahnen und anderen zusammenhangslosen Dingen. Beginnt die Vorstellung da, wo die Musik einsetzt? Wo ein einsamer Orgelbass die schnell dahin geplapperten Worte tatsächlich wie Musik wirken lässt – wie eine Sopranstimme ohne Ton?

Es lohnt sich auf jeden Fall wiederzukommen

Ebenso erodiert bei über viereinhalb Stunden pausenloser Spieldauer der Begriff der geschlossenen Vorstellung. Die Veranstalter zwar waren klug genug, es den Zuschauern freizustellen, wann und wie sie sich innerhalb dieses gefühlten Stillstands von Raum und Zeit zur Pause und wieder zurück schleichen – das Theaterereignis als offenes Kunstwerk ist heute weitaus eher denkbar als 1976, allerdings eher in den Institutionen als im Publikum. Denn wenn angesichts von teuer erkauften Kultur-Tickets niemand etwas verpassen will, wie soll man sich hinausschleichen aus einem engbestuhlten Zuschauerraum ohne Mittelgang?

Es lohnt sich auf jeden Fall wiederzukommen. Allein um herauszubekommen, wie das Opus magnum des Theatermagiers Robert Wilson aussieht. Wilson, der Berlin in den Jahren nach „Einstein“ unvergessliche und revolutionäre Theaterproduktionen schenkte. Alle Elemente sind da: das zauberisch Lichte, die Eleganz, die Perfektion des Zusammenspiels immer neuer Mensch-Maschinen. Zeitlos revolutionär ist das – museal höchstens in seiner wohltuenden Kompromisslosigkeit.

Haus der Berliner Festspiele Schaperstr. 24, Wilmersdorf. Termine: 5. bis 7. März