Forscher

Humboldts Reisetagebücher sind endlich wieder zu Hause

Sie gelten als „zweite Entdeckung Amerikas“: 4000 Seiten hat der Berliner Forscher Alexander von Humboldt über seine Reisen geschrieben. Nun wurden sie in Berlin erstmals präsentiert.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Was hier erworben wurde, sei ein „unglaublich lebendiges Werk“, sagt Hermann Parzinger. Dieser Alexander von Humboldt sei „mutig, ja wagemutig“ gewesen und „extrem selbstgenügsam“. Die Amerikanischen Reisetagebücher seien unter wenig komfortablen Bedingungen entstanden. Zu essen habe es Reis, Pflanzen und gelegentlich einen Affen gegeben, Krokodile und Schlangen waren eine ständige Bedrohung und Moskitos treue Begleiter. Alexander von Humboldt war „ein großer Deutscher“, schwärmt der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, er war ein „Kosmopolit“ und „weltweit verehrt“.

Während Hermann Parzinger dort vorn voller Begeisterung Alexander von Humboldt bei dem Festakt in der Staatsbibliothek Unter den Linden anlässlich des Erwerbs der Amerikanischen Reisetagebücher preist, kann man sich gut vorstellen, dass Parzinger es von Humboldt am liebsten sofort nachmachen möchte. Nur raus und reisen, die Zelte abbrechen und den ganzen Verwaltungskram hinter sich lassen, die Budgetgespräche genauso wie einige Direktoriumskollegen der Staatlichen Museen, die das genaue Gegenteil von extremer Selbstgenügsamkeit sind.

Hermann Parzinger ist Archäologe, er weiß um die Freude des Forschens und Entdeckens. So aber hat der domestizierte Parzinger immerhin erreicht, dass in der restlos überfüllten Bibliothek auch der letzte unter den Gäste verstanden hat, was für ein Coup der Staatsbibliothek, Berlin und Deutschland mit dieser „Jahrhunderterwerbung“ gelungen ist.

Botanik, Astronomie, Philosophie

Die Amerikanischen Reisetagebücher bestehen aus rund 4000 Seiten, die Alexander von Humboldt während seiner fünfjährigen Expedition auf Französisch und Deutsch beschrieben hat. 1799 brach der damals 29-Jährige für fünf Jahre nach Nord- und Südamerika auf. Er reiste durch das heutige Peru, Kolumbien, Venezuela, Mexiko und Kuba. In den Amerikanischen Reisetagebüchern befinden sich aber auch Berichte von anderen Reisen, nach Italien, Frankreich, England und Spanien.

Das Wort „Tagebuch“ ist ein wenig irreführend, handelt es sich bei den Aufzeichnungen doch auch um Tabellen, Zeichnungen, eingeklebte Zettel und Querverweise. Er zeichnete den Querschnitt eines Zitteraals genauso akkurat wie den Verlauf des Rio Grande de la Madgalena oder die topographische Skizze eines Vulkans. Wer die Seiten länger betrachtet, verharrt in Bewunderung: Wie kann ein Mensch so viel wissen – Botanik, Astronomie, Philosophie, Geographie –, sich für so viele Gebiete interessieren und sie so anschaulich präsentieren?

Die Seiten sind eng beschrieben, wie von jemanden, der mehr zu erzählen weiß, als es Blätter auf dieser Welt gibt. Hier hat ein Wissensdurstiger, mit unersättlicher Neugier, die Hand geführt. Dazu braucht man kein Graphologe sein. „Es sprudelt nur so aus ihm raus“, sagt Parzinger.

„Geschichte des Erwerbs ist eine eigene Geschichte wert“

Zwölf Millionen Euro kostete der Erwerb von Humboldts Vermächtnis, der vom Bund, der Lotto-Stiftung und privaten Förderern getragen wurde. Als erstes zugesagt habe Bernd Neumann, sagte Parzinger. Der frühere Kulturstaatssekretär, dem Anschein nach gut genesen, war auch gekommen und wurde von seiner Nachfolgerin Monika Grütters äußerst stürmisch umarmt. „Die Geschichte des Erwerbs ist auch noch einmal eine eigene Geschichte wert“, sagt Monika Grütters bei ihrer Rede.

Das kann man so sagen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Tagebücher in die Sowjetunion gebracht und 1958 an die DDR gegeben. Trotz aller Bemühungen gelang es der Bundesrepublik nicht, die Aufzeichnungen zurückzuerhalten, obgleich sie den Nachfahren Wilhelm von Humboldts gehörten. Nach der Wiedervereinigung gingen sie an die Familie von Christine und Ulrich Heinz zurück. Erst übergab die Familie die Tagebücher als Dauerleihgabe der Staatsbibliothek, seit 2005 bewahrten sie die Tagebücher in ihrem Schloss Tegel auf.

Zwar hatten, nach alldem, was man hört, Wissenschaftler freien Zugang zu den Werken, anderseits kündigte die Familie von Heinz den Verkauf der Tagebücher an. Da es die Stiftung Preußischer Kulturbesitz damals verabsäumt hatte – in der Zeit vor Parzinger –, sie als „national wertvolles Kulturgut“ eintragen zu lassen, konnten die Eigentümer diesen Schatz auf dem internationalen Markt anbieten.

„Ein zutiefst menschlicher Teil unseres preußischen Erbes“

Besser gesagt: Sie hätten es gekonnt. Die Verhandlungen liefen zwar zäh und lang, aber immer exklusiv mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. „Am internationalen Markt hätte man einen wesentlich höherem Preis erzielen können“, sagt Parzinger und würdigt das Verhalten der früheren Eigentümer als „patriotischen Akt“. Der Verkaufserlös werde von der Familie von Heinz reinvestiert und zwar in den Erhalt des Schlosses Tegel mit Park.

Wie zu erwarten war, nutzen die Politiker die Gunst der Stunde und des Kaufes, um ein wenig Werbung für das Humboldt-Forum zu machen. Die Tagebücher seien der Chip, die SIM-Card des späteren Humboldtforums, so Parzingers gewagte Analogie. Klaus Wowereit erinnert daran, dass sich mit dem Namen von Humboldt das größte kulturpolitische Projekt Deutschlands verbindet.

Der Regierende Bürgermeister weiß um geringe Begeisterung für das Bauvorhaben von Franco Stella, daher hat er auch eine neue Sprachregelung parat: „Es geht nicht um das Schloss, sondern um das Humboldt-Forum.“ Eine Dialektik, die zumindest für Heiterkeit im Publikum sorgte. Unumstritten war das Fazit der Kulturstaatssekretärin Grütters: „Die Tagebücher sind so außerordentlich wertvoll, weil sie ein überaus sympathischer, weil weltläufiger und zutiefst menschlicher Teil unseres preußischen Erbes sind.“